
eBook - ePub
Christian Krachts Weltliteratur
Eine Topographie
- 338 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Über iOS und Android verfügbar
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Christian Krachts Weltliteratur
Eine Topographie
Über dieses Buch
Die Reihe Gegenwartsliteratur - Autoren und Debatten präsentiert konzise Auseinandersetzungen mit vorwiegend deutschsprachiger Literatur nach 1989. Sie ermöglicht ihren Leserinnen und Lesern Annäherungen an Texte, deren Bedeutungsspektrum noch längst nicht ausgeleuchtet ist. Die thematisch fokussierten Bände liefern Impulse zu den drängendsten Fragen der literarischen Jetztzeit.
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Information

1Aufenthalte
Björn Weyand
Fernweh in der entzauberten Welt
Christian Krachts und Eckhart Nickels postromantische Reiseprosa
Dass das Reisen in der globalisierten und touristisch erschlossenen Welt nicht nur Erleichterungen und Komfort, sondern auch ganz neue Herausforderungen mit sich bringt, benennt der Klappentext zur Taschenbuchausgabe von Christian Krachts und Eckhart Nickels gemeinsam verfasstem Band Ferien für immer (1998/2004). Dort heißt es:
Die Welt ist entdeckt. Auf den Molukken sieht es inzwischen genauso aus wie in jeder beliebigen Einkaufspassage. Die Grandhotels, die eleganten Bars und kleinen Pensionen, die exotischen Winkel, sie alle liegen heute am großen Gemeinplatz. Aber das Fernweh bleibt. Denn Reisen kann trotz allem ein wunderbarer Schwebezustand sein. Christian Kracht und Eckhart Nickel haben sich deshalb aufgemacht, für uns die angenehmsten Orte der Welt zu suchen.49
‚Die Welt ist entdeckt. Aber das Fernweh bleibt.‘: Darin artikuliert sich das Dilemma des Reisens und erst recht des Reiseschreibens50 in Zeiten des Massentourismus. Das Fernweh – als Inbegriff romantischer Sehnsucht51– wird zwar bejaht, doch scheint ihm angesichts der globalen Ausbreitung kapitalistischer Ästhetik und der mühelosen Erreichbarkeit noch der abgelegensten Regionen seine eigentümliche Grundlage zu fehlen. Die Welt ist entzaubert.
Ich möchte im Folgenden zeigen, wie diese Ambivalenzen einer romantischen Sehnsucht nach der Ferne einerseits und der Unmöglichkeit andererseits, diese authentisch zu erfahren, die Reiseprosa von Kracht und Nickel prägen. Die Reisetexte schreiben damit eine Tradition fort, die sich in der klassischen Moderne – mit der sich auch Krachts Romanwerk immer wieder auseinandersetzt – herausbildet. In einer kleinen Reportage über die Ufa-Ateliers in Neubabelsberg konstatiert die Schweizer (Reise‐)Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach 1932: „Es gehört zu den Zeichen der Zeit, dass man zur Romantik zurückkehrt, und dies in jeder Form und um jeden Preis“.52 Etwa zur gleichen Zeit befindet Walter Benjamin unter dem Titel Traumkitsch (1927) in Auseinandersetzung mit dem französischen Surrealismus: „Es träumt sich nicht mehr recht von der blauen Blume. Wer heut als Heinrich von Ofterdingen erwacht, muß verschlafen haben.“53 Diese beiden einander widersprechenden Aussagen aus der Hochphase der Neuen Sachlichkeit zeugen von der anhaltenden Auseinandersetzung mit der Romantik, die weit über ihr epochengeschichtliches Ende hinausreicht. Als komplementäre Zeugnisse einer nachromantischen Beschäftigung mit der Romantik haben beide Positionen ihre Berechtigung, insofern sie gleichermaßen zutreffend sind: Die Romantik erweist sich als eine polarisierende Erbschaft, als eine – mit Stephen Greenblatt gesprochen – ‚soziale Energie‘, die gesellschaftliche Spannungen in kulturelle Produktivität überführt.54
Diese Aktualisierungen der Romantik unter nach-romantischen Bedingungen sind in jüngerer Zeit unter dem Schlagwort der ‚Postromantik‘ in den Fokus zunächst der angelsächsischen und inzwischen auch der deutschsprachigen Literatur- und Kulturwissenschaften gerückt.55 Unter ‚Postromantik‘ soll hier weder die Überwindung der Romantik, wie sie Benjamins Äußerung zu suggerieren scheint, noch eine Rückkehr zur Romantik, welche Schwarzenbach beobachtet, verstanden werden, sondern ein Prozess der unabgeschlossenen Auseinandersetzung mit der Erbschaft jener Epoche, die literatur- und kulturgeschichtlich als Romantik gebündelt wird und einen bedeutenden Teil der kulturellen Produktion der Jahre zwischen 1795 und 1848 ausmacht. ‚Postromantik‘ bezeichnet somit schöpferische und kulturökonomische Verfahren der Reaktualisierung, die zugleich immer auch Innovationen bedeuten, insofern das „Alte“, mit Boris Groys gesprochen, „zu jeder Zeit immer erneut erfunden werden“ muss und damit nicht nur Wiederholung, sondern „große Erneuerungen“ hervorbringt.56 Die Bezugnahmen auf die Romantik schließen dabei konkrete intertextuelle und intermediale Bezüge auf einzelne Texte und Werke ebenso ein wie eine diffusere Vorstellung von ‚der‘ Romantik. Ob diese Bezüge intendiert sind, ist unerheblich.57 Es lassen sich jedoch mit dieser ‚postromantischen‘ Perspektive neue und bislang unberücksichtigte Aspekte der Reiseprosa von Kracht und Nickel aufzeigen.58
Mit ihrer Reiseprosa erneuern Kracht und Nickel damit nicht zuletzt die Gattung des literarischen Reiseberichts. In seiner einschlägigen Studie zu dieser Gattung hat Peter Brenner im Jahr 1990 – also acht Jahre vor Erscheinen von Ferien für immer – vermutet, dass angesichts der veränderten Bedingungen des Reisens „einiges dagegen [spricht], daß der Reisebericht als literarische Gattung eine Zukunft hat“.59 Die Reiseprosa von Kracht und Nickel entwickelt Schreibstrategien, die dem benannten Dilemma begegnen,60 und dabei spielt gerade die Aktualisierung der Romantik eine wichtige Rolle, die wiederum mit dem besonderen Verhältnis von Tourismus und Romantik zusammenhängt. Der Beitrag beleuchtet deshalb zunächst diesen Zusammenhang von Tourismus und romantischem Fernweh, wie ihn Hans Magnus Enzensberger in seiner Theorie des Tourismus (1958) und Eva Illouz in ihrer soziologischen Studie Der Konsum der Romantik (2003) entwickeln. An einem Text über die Albergo Abruzzi in Rom – einem Text, der auf den ersten Blick kaum weiter entfernt sein könnte von der Romantik und ihrer kulturellen Erbschaft – wird dann gezeigt, wie Kracht und Nickel in Ferien für immer Aspekte des Postromantischen wie Fernweh, Müßiggang und die Poetisierung der Welt verhandeln und damit eine Poetik entwickeln, welche die Romantik nach der Romantik innovativ fortschreibt.
1‚Die Welt ist entdeckt‘: Das Ende des Reisens und die Entstehung des Tourismus aus dem Geiste der Romantik
Bereits 1898 beklagt Harry Graf Kessler in seinen Notizen über Mexiko den Umstand, dass die Welt entdeckt ist. „Unsere Zeit“, bilanziert Kessler, „ist möglicherweise die letzte gewesen, zu der man noch reisen konnte; schon wir kommen kaum noch aus unserer Zivilisation hinaus; das Bild bleibt sich von Weltteil zu Weltteil erstaunlich gleich.“61 Infolgedessen gebe es „keine Entfernungen mehr, die genügen, um Abenteuer glaubhaft zu machen“.62 Im Verlaufe des zwanzigsten Jahrhunderts gerät diese Klage zu einem Topos, den der französische Anthropologe Claude Lévi-Strauss 1978 in den Traurigen Tropen auf die knappe Formel vom ‚Ende der Reisen‘ bringt: Die „Zeit der wahren Reisen“ in unberührte Regionen der Welt ist vorbei und hinterlässt den „moderne[n] Reisende[n], der den Überresten einer verschwundenen Realität nachjagt“.63
Dieses Ende des Reisens als einer Form der individuellen Weltentdeckung geht einher mit dem Aufstieg des modernen Massentourismus. Hans Magnus Enzensberger liefert mit seiner Theorie des Tourismus von 1962 einen der bis heute wohl meistzitierten Beiträge zur Kulturgeschichte des Tourismus. Darin zeichnet Enzensberger die Entstehung des modernen Massentourismus aus dem Geist der europäischen Romantik nach und unternimmt den Versuch, „die geschichtliche Situation, aus der der Tourismus hervorgegangen ist, als ein Syndrom politischer, sozialer, wirtschaftlicher, technischer und geistiger Züge“ zu beschreiben.64 Die bürgerliche Revolution, die Entstehung der industriellen Arbeitswelt, der sich entwickelnde Weltmarkt ebenso wie die Erfindung der Eisenbahn und des Dampfschiffs bilden die historischen Entstehungsbedingungen des Tourismus, wobei sich die Umwälzungen im Ökonomischen Enzensberger zufolge weit nachhaltiger auswirken als im Politischen. Auf diese Entwicklungen reagiert die europäische Romantik mit einer Fluchtbewegung:
Autoren wie Gray und Wordsworth, Coleridge und Byron; Rousseau und Chateaubriand; Seume und Eichendorff, Tieck und Wackenroder, Chamisso und Pückler haben die Freiheit, die unter der Wirklichkeit der beginnenden Arbeitswelt und an der politischen Restauration zu ersticken drohte, im Bilde festgehalten. Ihre Einbildungskraft […] verklärt die Freiheit und entrückte sie in die Ferne der Imagination, bis sie räumlich zum Bilde der zivilisationsfernen Natur, zeitlich zum Bilde der vergangenen Geschichte, zu Denkmal und Folklore gerann. Dies, die unberührte Landschaft und die unberührte Geschichte, sind die Leitbilder des Tourismus bis heute geblieben. Er ist nichts anderes als der Versuch, den in die Ferne projizierten Wunschtraum der Romantik leibhaftig zu verwirklichen.65
Der Tourismus wird somit zur „Flucht vor der selbstgeschaffenen Realität“.66 Vorangetrieben wird diese Flucht von einer Dialektik, insofern es „dieselben Kommunikationsmittel“ sind, welche die Schaffung der neuen Wirklichkeit ebenso wie die Flucht davor ermöglichen, und „[j]e mehr sich die bürgerliche Gesellschaft schloß, desto angest...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- Zur Einleitung
- 1 Aufenthalte
- 2 Kunsträume
- 3 Weltentwürfe
- Beiträgerinnen und Beiträger dieses Bandes
- Personen- und Werkregister
- Ortsregister