Was ist 'Naives ErzĂ€hlen' und wieso gilt es als obsolet? Diese Arbeit untersucht die poetologischen Auswirkungen der modernen ErzĂ€hlkrise auf die deutschsprachige Literatur der Jahrtausendwende am Beispiel einiger Romane Helmut Kraussers. Zum einen analysiert sie als ein Beitrag zur Helmut-Krausser-Forschung die auffĂ€llige HĂ€ufung biografischer Schreibweisen in seinem Werk. Zum anderen bestimmt sie dieses Werk als prototypisch fĂŒr ein Schreiben nach der sogenannten 'Wiederkehr des ErzĂ€hlens', eine literarische Prosa, die gegenĂŒber den komplexeren AnsprĂŒchen von literarischer (Post-)Moderne immer aufs Neue ihre 'Nicht-NaivitĂ€t' zu beweisen hat. Gezeigt wird, welche konkreten Auswirkungen die ErzĂ€hlkrise als regulierendes DiskursphĂ€nomen auf das 'Neue ErzĂ€hlen' seit den 1990er Jahren immer noch hat.
Die Arbeit leistet einen substantiellen Beitrag zur Krausser-Forschung und markiert sowohl in ihren begriffsbestimmenden Teilen als auch vor allem im analytischen Teil selbst eine Forschungsposition zum Status des 'Neuen ErzÀhlens' nach der Postmoderne.

eBook - ePub
Nicht-Naives ErzÀhlen
Folgen der ErzÀhlkrise am Beispiel biografischer Schreibweisen bei Helmut Krausser
- 213 Seiten
- German
- ePUB (handyfreundlich)
- Ăber iOS und Android verfĂŒgbar
eBook - ePub
Nicht-Naives ErzÀhlen
Folgen der ErzÀhlkrise am Beispiel biografischer Schreibweisen bei Helmut Krausser
Ăber dieses Buch
375,005 Studierende vertrauen auf uns
Zugang zu ĂŒber 1 Million Titeln zu einem fairen monatlichen Preis.
Mit unseren Lerntools kannst du noch effizienter lernen.
Information
Thema
Literature1Einleitung
In dieser Arbeit werden die Auswirkungen der modernen ErzĂ€hlkrise auf die deutschsprachige Literatur der Jahrtausendwende am Beispiel einiger Romane Helmut Kraussers untersucht. Helmut Krausser (*11. Juli 1964) ist einer der produktivsten Schriftsteller seiner Generation. Sein publiziertes Werk umfasst derzeit vierzehn Romane, eine Biografie, zwei ErzĂ€hlbĂ€nde, drei weitere lĂ€ngere ErzĂ€hlungen, vier LyrikbĂ€nde, ĂŒber ein Dutzend BĂŒhnenwerke (inkl. einer bearbeitenden Ăbersetzung von Shakespeares Julius CĂ€sar), diverse Opernlibretti und mehrere Hörspiele. Hinzu kommen zahlreiche kleinere schriftstellerische Projekte (etwa ein Kinderbuch) und unselbststĂ€ndige Publikationen, Songtexte fĂŒr seine ehemalige Band Genie&Handwerk aus den 1980er Jahren, ein zwölfteiliges Tagebuchprojekt, fĂŒr das Krausser von 1992 bis 2004 jeweils einen Monat pro Jahr zur nachmaligen Publikation Tagebuch fĂŒhrte, sowie ein weiterer Tagebuchband von 2014. In letzterem sind Teile seiner drei ansonsten nicht zugĂ€nglichen Vorlesungen zu finden, die er 2007 wĂ€hrend seiner Poetikprofessur in MĂŒnchen gehalten hat. DarĂŒber hinaus betĂ€tigt sich Krausser seit einiger Zeit wieder als Musiker, dieses Mal nicht als SĂ€nger und Texter der Post-Punk-Band Genie&Handwerk, sondern unter anderem als Komponist klassischer Kammermusik.
Diese Vielseitigkeit, die Spannweite seines Werks, und der offensichtliche Wille, kĂŒnstlerisch und literarisch möglichst viele Stile, Gattungen und Bereiche abzudecken, machen Krausser zu einem der interessantesten deutschsprachigen Autoren der Gegenwart. Obwohl Krausser kaum Literaturpreise gewinnt â bisher zĂ€hlen dazu der Tukan-Preis 1993 der Stadt MĂŒnchen fĂŒr seinen Durchbruchsroman Melodien1 und der Prix Italia 1999 fĂŒr das Hörspiel Denotation Babel2 â kann er auf eine seit ĂŒber 25 Jahren gewachsene Leserschaft vertrauen und von seiner Kunst leben. In den letzten Jahren ist sein Werk von der Literaturwissenschaft auch als Forschungsgegenstand immer wieder und teilweise intensiv rezipiert worden. Die beiden gröĂeren Monografien, die sich mit Kraussers Werk beschĂ€ftigen â Torsten PĂ€tzolds Textstrukturen und narrative Welten (2000) und Matthias Pauldrachs Die (De-)Konstruktion von IdentitĂ€t in den Romanen Helmut Kraussers (2010) â, sahen sich noch einer relativ kleinen Anzahl von ForschungsbeitrĂ€gen zu Krausser gegenĂŒber: PĂ€tzold spricht davon, Krausser sei âliteraturwissenschaftlich kaum beachtet wordenâ (PĂ€tzold 2000, 171); Pauldrach hĂ€lt fest, es existiere âzu Helmut Krausser kaum wissenschaftliche Literaturâ (Pauldrach 2010, 17), kann aber immerhin schon auf einige Diplomarbeiten3 verweisen, auf âeinzelne Dissertationen und Monographienâ (Pauldrach 2010, 17), die Krausser in einzelnen Kapiteln behandeln, sowie auf den von Claude D. Conter und Oliver Jahraus herausgegebenen Sammelband Sex â Tod â Genie (2009) und den inzwischen erschienenen text+kritik-Band Helmut Krausser (2010), herausgegeben von Tom Kindt. Als weitere Monografie ist seit Pauldrachs Bestandesaufnahme einzig Martin Rehfeldts Literaturwissenschaft als interpretierende Rezeptionsforschung (2017) hinzugekommen, das Rehfeldts Rezeptionstheorie an Kraussers Werk erprobt. Inzwischen sind Kraussers Texte zwar regelmĂ€Ăig Gegenstand von literaturwissenschaftlichen AufsĂ€tzen, trotzdem ist die SekundĂ€rliteratur zu Krausser immer noch mit VollstĂ€ndigkeitsanspruch ĂŒberschaubar.
Diese Arbeit setzt sich zwei Dinge zum Ziel. Erstens wird das PhĂ€nomen der ErzĂ€hlkrise, das ein inzwischen standardisiertes ideengeschichtliches ErklĂ€rungsmuster gewisser Aspekte der literarischen Moderne darstellt, in seiner WirkmĂ€chtigkeit ernstgenommen: Gezeigt wird, dass die ErzĂ€hlkrise die poetologischen Diskussionen der deutschsprachigen Literatur seit gut hundert Jahren prĂ€gt, teilweise dominiert â trotz der diversen in diesem Zeitraum ausgerufenen epochalen und poetologischen ZĂ€suren. Anhand von Helmut Kraussers Texten wird dargelegt, welche konkreten Auswirkungen die ErzĂ€hlkrise als regulierendes DiskursphĂ€nomen auf die Literatur seit den 1990er Jahren immer noch hat. Zu diesem Zweck möchte ich das sogenannte (Nicht-)Naive ErzĂ€hlen als analytische Kategorie etablieren.
Zweitens versteht sich die Arbeit vor allem als Beitrag zur Krausserforschung. In ausfĂŒhrlichen Analysekapiteln werden Texte von Krausser in ihrer Machart, ihrer bisherigen Rezeption und ihrer Position im jeweiligen poetologischen Feld ausgeleuchtet. Wo meine Analysen dabei bisherige Forschungsergebnisse bĂŒndeln, tun sie dies mit Fokus auf ein bei Krausser hĂ€ufig vorkommendes PhĂ€nomen, das von der Forschung bisher kaum behandelt wurde: den diversen biografischen Schreibweisen, die Krausser ĂŒber Jahre hinweg in fiktionalen, und zuletzt auch faktualen Kontexten zum Einsatz brachte. Schwerpunkte der bisherigen Forschung zu Krausser liegen in Werkanalysen, seinem VerhĂ€ltnis zur Postmoderne sowie seinen intertextuellen Verfahrensweisen. Biografik bei Krausser ist bisher nur sehr spĂ€rlich behandelt worden. Obwohl Biografik und biografische Schreibweisen in Kraussers Schreiben vielerorts anzutreffen ist, geriet sie bisher fast nirgends als eigenstĂ€ndig behandeltes Thema in den Blick.
Bei den in dieser Arbeit analysierten Texten handelt es sich teilweise um von der Literaturwissenschaft verhĂ€ltnismĂ€Ăig vielbesprochene Romane Kraussers, etwa Melodien (1993), Der groĂe Bagarozy (1997) oder Eros (2006). Diese wurden bisher aber nirgends hinsichtlich ihrer biografischen ErzĂ€hlanteile gesondert betrachtet. Hinzu kommen jĂŒngere, von der Forschung teilweise noch kaum oder gar nicht wahrgenommene, genuin biografisch erzĂ€hlende Texte wie Die kleinen GĂ€rten des Maestro Puccini (2008), das dazugehörige Die Jagd nach Corinna (2007) und die Biografie Zwei ungleiche Rivalen â Puccini und Franchetti (2010). Kraussers VerhĂ€ltnis zur ErzĂ€hlkrise wurde trotz zahlreichen BeitrĂ€gen zur Postmoderne ebenfalls noch nicht gesondert behandelt.
1.1Fragestellung: Nicht-Naives ErzÀhlen bei Helmut Krausser
In seinen fĂŒr die Publikation geschriebenen TagebĂŒchern, hier dem Tagebuch des April 2004, positioniert sich Krausser rĂŒckblickend mit folgenden Worten im poetologischen Feld der Literatur der 1990er Jahre:
In der Musik hat sich das Verlangen nach TonalitĂ€t weitgehend durchgesetzt, ehemals als reaktionĂ€r geltende Positionen sind nun federfĂŒhrend, die Avantgardisten von einst verkriechen sich in entlegensten Burgen, die sie krampfhaft verteidigen, obwohl deren Existenz kaum noch jemanden interessiert oder auch nur auffĂ€llt. Zu Beginn der Neunziger standen ErzĂ€hler noch unter dem Verdacht des Publikumsopportunismus. Heute eine kaum mehr vorstellbare Diskussion. (Krausser 2006, 226)
Das war 2004, mehr als zehn Jahre nach Kraussers Erfolgsroman Melodien, der in Anlehnung an Patrick SĂŒskind und Umberto Eco in eine âWiederkehr des ErzĂ€hlensâ genannte Phase der neueren deutschsprachigen Literatur eingeordnet werden kann (vgl. Abschnitt 2.3). Krausser zieht mit der obigen Aussage eine durchaus typische Bilanz der 1990er Jahre â typisch daran ist die Aufteilung des literarischen Lagers in sprachfixierte Avantgardisten gegenĂŒber meist nicht weiter definierten âErzĂ€hlernâ (vgl. Abschnitt 2.4), typisch ist vor allem die darin immer noch zum Ausdruck kommende Skepsis gegenĂŒber letzteren. Der erste Teil dieser Untersuchung widmet sich deshalb der Darstellung dieses PhĂ€nomens: Einer bestimmten Literatur haftet seit dem frĂŒhen zwanzigsten Jahrhundert der Ruf an, naiv zu erzĂ€hlen. ErzĂ€hltexte, die ihre Faktur und FiktionalitĂ€t nicht stĂ€ndig zur Disposition stellten, galten lange als nicht salonfĂ€hig. Kraussers Urteil, diese Diskussion schon 2004 als âkaum mehr vorstellbarâ zu bezeichnen, war wohl etwas vorschnell, denn sie wurde und wird damals wie heute unter sich zwar stets Ă€ndernden Voraussetzungen, aber mit erstaunlich rekurrenten Argumenten immer wieder gefĂŒhrt. Auch in Kreisen des Literaturbetriebs in den spĂ€ten 1990er Jahren war diese Denkfigur noch tonangebend: âWenn man sich, noch dazu als Verlagslektor, zu einer âRenaissance des ErzĂ€hlensâ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur zustimmend Ă€uĂert, steht man unter Verdacht [âŠ] aus rein kommerziellen ErwĂ€gungen banale, historisch lĂ€ngst erledigte Formen wiederbeleben zu wollen [âŠ]â (Hielscher 1998, 35), und sie blieb, so eine These dieser Arbeit, in wenn auch verĂ€nderter Form zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts aktuell. Das damit angesprochene Problem betrifft das modernistische Misstrauen gegenĂŒber realistischen ErzĂ€hltechniken sowie der narrativen Konfiguration von Ereignissen. Es geht um die Zweifel an der Darstellbarkeit der Welt durch Sprache, also um die spĂ€testens seit der Klassischen Moderne gelĂ€ufigen Bedenken, dass âdas ErzĂ€hlen der RealitĂ€t nicht gerecht zu werden vermagâ (Kindt 2008, 215). Zu diesem genuin modernistischen Problem kann man sich als (nach-)moderne/r Autorin oder Autor literarisch unterschiedlich verhalten: Man kann es entweder ignorieren und einfach realistisch weitererzĂ€hlen (wie es die Masse der Literatinnen und Literaten auch im zwanzigsten Jahrhundert stets getan hat). Oder man kann es theoretisch und poetologisch ernst nehmen und versuchen, diese âUnzulĂ€nglichkeitâ der Sprache in literarischen Verfahren mitzureflektieren â dieses ErzĂ€hlverhalten charakterisiert die Klassische Moderne mit ihren diversen, u. a. erkenntnistheoretisch motivierten âKrisenâ ja unter anderem als solche. Diese ErzĂ€hlkrise hatte weitreichende, keineswegs nur fiktionale Literatur betreffende Konsequenzen fĂŒr den Darstellungsmodus âErzĂ€hlenâ im gesamten zwanzigsten Jahrhundert: Insbesondere wurde NarrativitĂ€t in den Geschichtswissenschaften4 problematisiert, wie etwa Hayden Whites stark rezipierte Thesen5 zeigen (vgl. Abschnitt 2.2.2). Das seit der Klassischen Moderne als âKrise des ErzĂ€hlensâ bezeichnete Unbehagen gegenĂŒber traditionellem ErzĂ€hlen ist auch in der Postmoderne und der Gegenwartsliteratur noch wirksam. Die sogenannte âWiederkehr des ErzĂ€hlensâ, die in Abschnitt 2.3 ausgefĂŒhrt wird, lĂ€sst sich auch nur vor dem Hintergrund des oben skizzierten Unbehagens verstehen. Da âtraditionellesâ ErzĂ€hlen nach wie vor als ânaivâ gilt, mĂŒssen sich Autorinnen und Autoren, die demonstrieren wollen, dass sie poetologisch, historiografisch und erkenntnistheoretisch dem aktuellen Reflexionsniveau entsprechen können, literarisch gegen diesen Vorwurf verwahren. Dieser poetologischen Situation wird die Arbeit nachspĂŒren. Dazu wird zunĂ€chst geklĂ€rt, wodurch das oben skizzierte Misstrauen gegen âjedes naive, realistische ErzĂ€hlenâ (Rohde 2010, 192) motiviert ist.
Bisher wurde es in der Forschung unter zwei Schlagworten verhandelt: Demjenigen der modernistischen ErzĂ€hlkrise, aber auch demjenigen der âFiktionskritikâ, welche aber weniger zweideutig als âKritik an FiktionalitĂ€tâ bezeichnet werden sollte.6 Der zweite Aspekt (âKritik an FiktionalitĂ€tâ) betrifft ein besonders in den 1960er und -70er Jahren verbreitetes Misstrauen gegenĂŒber fiktionalem ErzĂ€hlen bzw. die Frage, ob dieses noch gesellschaftlich relevant sein könne. Als Reaktion kam es zu einer Vielzahl von ,dokumentarischenâ Literaturformen7 (Dokumentartheater, Milieureportagen etc.). Dieser zweite Punkt â die Fiktionskritik â spielt im gegenwĂ€rtigen poetologischen Diskurs nahezu keine Rolle mehr und wird auch in dieser Arbeit wenig Beachtung finden. Da allerdings einige der prominentesten Literaturgattungen (allen voran der Roman) sowohl fiktional als auch narrativ sind, wurden diese beiden Aspekte in der Diskussion der vergangenen Jahrzehnte in theoretischen Abhandlungen ĂŒber die ErzĂ€hlkrise oft (und oft zum Nachteil von Klarheit) vermischt.
Meine Fragestellung ist, inwiefern die topisch gewordene âErzĂ€hlkriseâ des frĂŒhen zwanzigsten Jahrhunderts auch Ende des zwanzigsten und zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts die ProduktionsĂ€sthetik bzw. die Poetologien von deutschsprachigen Schriftstellerinnen und Schriftstellern beeinflusst (hat) und inwiefern die in diesem Rahmen eingesetzten ErzĂ€hlverfahren dazu dienen, sich im literarischen Feld zu positionieren. Pointiert gefragt: Was ist ânaives ErzĂ€hlenâ, wieso gilt es als obsolet und inwiefern prĂ€gt es um die Jahrtausendwende immer noch die poetologische Reflexion ĂŒber zeitgemĂ€sses ErzĂ€hlen? Hier ist besonders darauf hinzuweisen, dass ich nicht die kritische Abwertung des Begriffs naiv ĂŒbernehme, sondern damit eine seit langem die poetologischen Diskussionen bestimmende Wendung ĂŒbernehme und als analytische Kategorie rekonstruiere und verfĂŒgbar mache. Die âErzĂ€hlkriseâ ist inzwischen zur Formel geworden, um die Auswirkungen der erkenntnistheoretischen Neuerungen im frĂŒhen zwanzigsten Jahrhundert (erkenntnistheoretischer Skeptizismus, Konstruktivismus) auf NarrativitĂ€t als Darstellungsmodus zu benennen. Da sich diese von erkenntnistheoretischem Skeptizismus gespeiste Kritik an NarrativitĂ€t einerseits und FiktionalitĂ€t andererseits entzĂŒndet, scheint besonders eine literarische Gattung geeignet, dieses PhĂ€nomen literaturgeschichtlich fĂŒr die letzten Jahrzehnte zu verorten und seine Auswirkungen auf die Poetologie der Gegenwartsliteratur sichtbar zu machen: die Biografie, und zwar besonders in fiktionalen Kon- und Kotexten. Anhand des zeitgenössischen Autors Helmut Krausser, der in seinem fiktionalen Werk oft biografische ErzĂ€hlverfahren einflieĂen lĂ€sst, wird diese Fragestellung untersucht werden. Im Folgenden wird dabei hĂ€ufiger von Poetologien und von Poetiken die Rede sein. Mit Poetik ist hier âein explizit normierendes System poetischer Regeln, das in geschlossener Form [âŠ] schriftlich niedergelegt wirdâ (Fricke 2007, 101), gemeint, wĂ€hrend Poetologie (entgegen Frickes Vorschlag im Reallexikon) im Wesentlichen eine implizite Poetik bezeichnet, also den âInbegriff jener immanenten dichterischen Regeln oder Maximen, denen ein Autor [âŠ] bzw. ein poetischer Text [âŠ] bzw. ein literarisches Genre [âŠ] stillschweigend folgt [âŠ]â (Fricke 2007, 100 f.).
Meine Hypothese ist, dass der erkenntnistheoretische Skeptizismus des modernistisch geprĂ€gten ErzĂ€hlens ab den 1980er Jahren zwar einen Funktionswandel (im Sinne nicht-naiv eingesetzter ârealistischerâ ErzĂ€hltechniken) durchlebt hat, das erkenntnistheoretische Problem (und damit der Anspruch, ânicht-naivâ zu erzĂ€hlen) aber auch fĂŒr die ErzĂ€hlweise von Schriftstellerinnen und Schriftstellern um die Jahrtausendwende virulent bleibt. Daran anknĂŒpfend gehe ich davon aus, dass eine der wichtigsten aus der Moderne nachwirkenden poetischen Wertungskategorien diejenige der âAdĂ€quatheitâ von Wirklichkeitsdarstellung hinsichtlich jeweils aktueller Erkenntnistheorie ist (vgl. Abschnitt 2.1.1.2). Dieser relationale Wertungsbegriff kann, so soll gezeigt werden, anhand des aus der Literaturkritik entlehnten Begriffs des nicht-naiven ErzĂ€hlens, analytisch (und nicht nur literaturkritisch) fruchtbar gemacht werden. Anhand von Helmut Kraussers Texten kann man nachzeichnen, wie in der Diskursform Literatur konstruktivistische und skeptizistische Wirklichkeits- und ErzĂ€hlmodelle geprĂŒft, spielerisch entworfen und schliesslich von einem skeptizistischen in einen âaffirmativenâ narrativen Konstruktivismus transformiert werden. Dies ist meine Kernthese zu den behandelten Krausserâschen Texten: In ihnen wird in vollstĂ€ndigem Bewusstsein modernistischer ErzĂ€hlskepsis der Versuch unternommen, kohĂ€rente, âlesbareâ (vgl. Barthes 1987, 8â10) ErzĂ€hlungen zu schreiben, da sich NarrativitĂ€t inzwischen â und eben im Gegensatz zu modernistischen Positionen (vgl. unten Abschnitt 2.2.2) â als unhintergehbarer Wahrnehmungsmodus prĂ€sentiert.
Meine Methode fuĂt auf einer angelsĂ€chsisch geprĂ€gten Narratologie und einer strukturalistisch informierten Hermeneutik, welche sich mit NarrativitĂ€t als Kulturpraxis,8 als kognitives Instrument zur Wahrnehmungsorganisation9 und als historischer bzw. historiografischer Diskursform beschĂ€ftigt. Den Vorteil meiner Herangehensweise sehe ich in der KohĂ€renz der Fragestellung, die die einzelnen PhĂ€nomene einerseits ...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Danksagung
- Inhaltsverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Nicht-Naives ErzÀhlen und moderne ErzÀhlkrise(n)
- 3 Werkanalysen
- 4 Schlusswort
- 5 Literaturverzeichnis
- Personenregister
HĂ€ufig gestellte Fragen
Ja, du kannst dein Abo jederzeit ĂŒber den Tab Abo in deinen Kontoeinstellungen auf der Perlego-Website kĂŒndigen. Dein Abo bleibt bis zum Ende deines aktuellen Abrechnungszeitraums aktiv. Erfahre, wie du dein Abo kĂŒndigen kannst
Nein, BĂŒcher können nicht als externe Dateien, z. B. PDFs, zur Verwendung auĂerhalb von Perlego heruntergeladen werden. Du kannst jedoch BĂŒcher in der Perlego-App herunterladen, um sie offline auf deinem Smartphone oder Tablet zu lesen. Erfahre, wie du BĂŒcher herunterladen kannst, um sie offline zu lesen
Perlego bietet zwei AboplÀne an: Elementar und Erweitert
- Elementar ist ideal fĂŒr Lernende und Profis, die sich mit einer Vielzahl von Themen beschĂ€ftigen möchten. Erhalte Zugang zur Basic-Bibliothek mit ĂŒber 800.000 vertrauenswĂŒrdigen Titeln und Bestsellern in den Bereichen Wirtschaft, persönliche Weiterentwicklung und Geisteswissenschaften. EnthĂ€lt unbegrenzte Lesezeit und die Standardstimme fĂŒr die Funktion âVorlesenâ.
- Pro: Perfekt fĂŒr fortgeschrittene Lernende und Forscher, die einen vollstĂ€ndigen, uneingeschrĂ€nkten Zugang benötigen. Schalte ĂŒber 1,4 Millionen BĂŒcher zu Hunderten von Themen frei, darunter akademische und hochspezialisierte Titel. Das Pro-Abo umfasst auch erweiterte Funktionen wie Premium-Vorlesen und den Recherche-Assistenten.
Wir sind ein Online-Lehrbuch-Abo, bei dem du fĂŒr weniger als den Preis eines einzelnen Buches pro Monat Zugang zu einer ganzen Online-Bibliothek erhĂ€ltst. Mit ĂŒber 1 Million BĂŒchern zu ĂŒber 990 verschiedenen Themen haben wir bestimmt alles, was du brauchst! Erfahre mehr ĂŒber unsere Mission
Achte auf das Symbol zum Vorlesen bei deinem nĂ€chsten Buch, um zu sehen, ob du es dir auch anhören kannst. Bei diesem Tool wird dir Text laut vorgelesen, wobei der Text beim Vorlesen auch grafisch hervorgehoben wird. Du kannst das Vorlesen jederzeit anhalten, beschleunigen und verlangsamen. Erfahre mehr ĂŒber die Funktion âVorlesenâ
Ja! Du kannst die Perlego-App sowohl auf iOS- als auch auf Android-GerĂ€ten nutzen, damit du jederzeit und ĂŒberall lesen kannst â sogar offline. Perfekt fĂŒr den Weg zur Arbeit oder wenn du unterwegs bist.
Bitte beachte, dass wir GerĂ€te, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch Ă€ltere Versionen ausgefĂŒhrt werden, nicht unterstĂŒtzen können. Mehr ĂŒber die Verwendung der App erfahren
Bitte beachte, dass wir GerĂ€te, auf denen die Betriebssysteme iOS 13 und Android 7 oder noch Ă€ltere Versionen ausgefĂŒhrt werden, nicht unterstĂŒtzen können. Mehr ĂŒber die Verwendung der App erfahren
Ja, du hast Zugang zu Nicht-Naives ErzĂ€hlen von Tobias Lambrecht im PDF- und/oder ePub-Format sowie zu anderen beliebten BĂŒchern aus Literature & German Literary Criticism. Aus unserem Katalog stehen dir ĂŒber 1 Million BĂŒcher zur VerfĂŒgung.