In den Jahren um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert erhebt eine junge Generation von Dichtern und Intellektuellen die Forderung nach einer ‚Neuen Religion‘ bzw. einer ‚Neuen Mythologie‘,1 die sie am Schnittpunkt von christlicher Religion, klassischer Mythologie und aktueller Wissenschaft konzipieren wollen. Mithilfe philosophischer wie literarischer Ausdrucksformen versuchen unterschiedliche Autoren auf den Legitimationsverlust traditioneller religiöser Weltdeutungsmodelle zu reagieren. Die zwischen etwa 1800 und 1806 geschriebenen Gedichte Friedrich Hölderlins (1770–1843), die als seine ‚späte Lyrik‘ bekannt sind,2 entwickeln, ohne den Anspruch zu erheben, eine systematisch organisierte Theologie zu sein, in diesem Sinn Aspekte einer neuen Religion. Geprägt ist sie durch die Beschreibung der Natur und der in ihr zu beobachtenden Prozesse sowie die synkretistische Verbindung sich eigentlich ausschließender religiöser und (natur-)wissenschaftlicher Traditionen. Die Aussagen, die Hölderlins Gedichte über die Götter treffen – seien sie anthropomorphe Wesen oder unkörperliche Naturkräfte –, lassen sich selten eindeutig auf einen einzigen religionsgeschichtlichen Diskurs beziehen. Vielmehr sind sie durch eine semantische wie syntaktische Ambiguität geprägt, die stets mehrere und unterschiedliche diskursgeschichtliche Einordnungen ermöglicht. Diese These gilt es im Rahmen der folgenden Untersuchung an fünf Gedichten exemplarisch zu verfolgen und dabei die diskursgeschichtlichen Hintergründe der Texte und die poetischen Verfahren, auf denen die ‚Neue Religion‘ basiert, zu erhellen. An der ambiguierenden Aufnahme verschiedener (religiöser) Traditionen wie an der in den Texten virulenten Problematik des Sprechens wird deutlich werden, wie unzulänglich Hölderlins später Lyrik die klassischen Antworten und Vokabeln zur Lösung zeitgenössischer Probleme wie zur Gestaltung einer erhofften Zukunft erscheinen.3 Die einleitenden Ausführungen sollen die Konzeption einer ‚Neuen Mythologie‘ um 1800 darstellen und die beiden poetischen Verfahrensweisen Synkretismus und Ambiguität, die für das Konzept einer ‚Neuen Religion‘ in Hölderlins Lyrik wesentlich sind, einführen und historisch perspektivieren.
1.1 Das Postulat einer ‚Neuen Mythologie‘ um 1800
Die für Hölderlins späte Lyrik wichtige Diskussion um eine ‚Neue Religion‘ und eine ‚Neue Mythologie‘ wird um 1800 in unterschiedlichen Kontexten geführt.4 Prominent wird die Forderung in einem Fragment formuliert, das als Ältestes Systemprogramm des deutschen Idealismus berühmt geworden ist.5 Der Autor des Textes, der in den 1790er Jahren von der Hand Georg Friedrich Wilhelm Hegels geschrieben wurde, ist unbekannt – allerdings wurde als möglicher Verfasser neben Friedrich Wilhelm Joseph Schelling oder Hegel wiederholt Hölderlin erwogen.6 Der Text, der mithin in das Umfeld Hölderlins gehören könnte, benennt Aspekte, die für die Überlegungen dieser Untersuchung bedeutsam sind. Er entwickelt einen Gedanken, der „soviel ich weiß, noch in keines Menschen Sinn gekommen ist – wir müssen eine neue Mythologie haben, diese Mythologie aber muß im Dienste der Ideen stehen, sie muß eine Mythologie der Vernunft werden.“7 Der Verfasser fordert die Aussöhnung des traditionell mit Emotionen verbundenen Mythos mit der aufgeklärten Vernunft. Nur so könne die Grundlage für die von einem Götterboten zu stiftende „neue Religion unter uns [den Menschen, MS]“ geschaffen werden.8 Deren Notwendigkeit wird mit der gesellschaftlichen Situation der eigenen Gegenwart begründet, die durch Spaltung geprägt sei: auf der einen Seite die die Vernunft verteidigenden Philosophen der Aufklärung, auf der anderen das unaufgeklärte und an seinen Mythen hängende Volk.
Damit sind die beiden Opponenten benannt, die den Mythendiskurs des 18. Jahrhunderts prägen.9 Während in der Frühen Neuzeit der (antike) Mythos als Fabel und Lügenmärchen verstanden wird, da er im Widerspruch zur christlichen Offenbarung stehe, wird er in der Aufklärung neu perspektiviert. Auf der einen Seite wird er – die frühneuzeitliche Kritik unter neuen Vorzeichen fortführend – als ‚primitiver‘ und daher abzulehnender Gegenpart zur Vernunft beschrieben, insofern er eine Frühform der Weltdeutung markiere, die man in der Gegenwart nur noch beispielsweise bei den Indianern Nordamerikas beobachten könne.10 Aus der Opposition zur Vernunft resultiert auf der anderen Seite eine für die Forderung des Systemprogramms entscheidende Umdeutung, die der ‚Mythos‘-Begriff gleichzeitig erfährt: Ihm wird im Rahmen poetologischer Diskussionen eine neue Bedeutung „als Ausdrucksmittel des emotional-affektiven Welt- und Selbstverständnisses“ zugeschrieben.11 In diesem Sinn ist er nicht mehr eine vernunftwidrige Lüge, sondern eine zentrale Möglichkeit der Sinnstiftung und Orientierung.12 Diese Neubewertung ist für die Forderung des Systemprogramms von eminenter Bedeutung,13 postuliert es doch, die Opposition von Mythos und Vernunft sei zu überwinden. Indem er die beiden Pole auf unterschiedliche soziale Schichten bezieht, kann der Verfasser die gesellschaftliche Relevanz der eine neue Religion begründenden ‚Neuen Mythologie‘ herleiten: Solange Mythos und Vernunft nicht harmonieren, sondern intellektuelle wie soziale Gegensätze begründen, bleibt die Gesellschaft gespalten und es kommt zu Unfrieden.14
Mit dieser Beschreibung reiht sich die Forderung nach einer ‚Neuen Religion‘ im Systemprogramm in die an vielen Stellen konstatierten Umbruchserfahrungen um 1800 ein, die sich mit Reinhart Kosellecks Begriff der ‚Sattelzeit‘ umschreiben lassen.15 Er zielt auf die politischen, religiösen, kulturellen, gesellschaftlich-sozialen oder wissenschaftlichen Veränderungen, die Hölderlins Generation zu ihren Lebzeiten erfahren hat. An erster Stelle ist die Französische Revolution zu nennen, deren Ideale den Dichter seit ihrem Ausbruch 1789 – da war Hölderlin 19 Jahre alt – wie viele seiner Altersgenossen heftig bewegen.16 Die Revolution weckt auch in Schwaben die Hoffnung auf sich verändernde soziale und politische Verhältnisse.17 Die Gedichte, die ich im Folgenden untersuche, nehmen zwar nicht direkt auf die Ereignisse in Frankreich Bezug. Sie setzen sich aber mit den Chancen und Risiken revolutionärer oder evolutionärer Veränderungen auseinander, die sie auf das Wirken von Göttern zurückführen. So zeigt sich beispielsweise in der kurz nach 1800 geschriebenen Elegie Heimkunft. An die Verwandten die Abkehr von einer Hoffnung auf plötzliche, zugunsten einer Bitte um langsame Veränderungen einer Nation. Hier lässt sich eine Distanz zum Revolutionsgeschehen in der zweiten Hälfte der 1790er Jahre erkennen.18 Die Zeit kurz vor und nach der Jahrhundertwende ist geprägt durch das schleichende Ende der Französischen Republik, das mit Napoleons Staatsstreich im November 1799 endgültig vollzogen wird, und die auch in Südwestdeutschland ausgefochtenen Koalitionskriege, von denen Hölderlin unmittelbar betroffen ist.19 Eine vorläufige Pause der Kriegsereignisse wird mit dem am 09. Februar 1801 geschlossenen Frieden von Lunéville möglich. Auch wenn dieser nicht von langer Dauer sein sollte, schreibt Hölderlin ihm eine epochenmachende Bedeutung zu.20 Das politische Ereignis wird zum Ausgangspunkt einer mythisch-eschatologischen Hoffnung, die viele der im unmittelbaren Anschluss an den Frieden entstandenen Gedichte prägt, wie ich im weiteren Verlauf meiner Untersuchung an Heimkunft und Germanien zeigen werde.
Mit den politischen Umwälzungen Europas, die der Dichter vermutlich recht genau verfolgt,21 gehen weitreichende kulturelle Umbrüche einher. Auch wenn um 1800 von einer säkularen Gesellschaft keine Rede sein kann, wird der Anspruch der christlichen Konfessionen auf ein Weltdeutungsmonopol zunehmend hinterfragt und problematisiert.22 Dies zeigt sich beispielhaft im Bereich der für Hölderlin wichtigen Naturerfahrung, die sich im Verlauf des 18. Jahrhunderts schrittweise von religiösen Vorstellungen und Postulaten löst.23 Die den Horizont erweiternden Entdeckungen und die technischen oder wissenschaftlichen Fortschritte der Jahrzehnte, in denen Hölderlin seine Gedichte schreibt, werden von den Zeitgenossen vielfach als eine ‚Entzauberung‘ der Welt wahrgenommen. Besonders wirkmächtig wird diese Position in Friedrich Schillers Gedicht Die Götter Griechenlandes (1788/1800) entfaltet.24 Ausgehend von einer eindringlichen Schilderung der in der griechischen Antike von Göttern durchwalteten Welt, beklagt der Text den trostlosen Zustand der zeitgenössischen „entgötterte[n] Natur“, in der nur noch leblose Naturgesetze wirksam seien. Dass diese Diagnose nicht bei allen Zeitgenossen auf Zustimmung traf, demonstriert die heftige Auseinandersetzung um den Text seit seiner ersten Veröffentlichung, die u. a. von Friedrich Leopold Graf zu Stolberg ausging, der ihm eine „antichristliche Tendenz“ vorwarf.25 Zwar kann die von Schiller konstatierte ‚Entzauberung‘ der Welt in wissensgeschichtlicher Perspektive als eine Ausdifferenzierung des Wissenschaftssystems beschrieben werden.26 Sie bedeutet aber eben keineswegs die vollständige Trennung von Naturwissenschaft und Religion bereits im 18. Jahrhundert.27
Mit diesen Umbruchserfahrungen gehen die deutschen Intellektuellen um 1800 auf unterschiedliche Weise um, stets aber führt der Wegfall traditioneller Begründungsinstanzen zu einem „nachrevolutionären Bedürfnis nach Legitimation der Gegenwart“.28 So lassen sich die klassizistische Rückwendung zu Kunst, Literatur und Kultur der Antike29 oder die sich im späten 18. Jahrhundert entwickelnde Geschichtsphilosophie als Versuche verstehen, Lösungen für aktuelle Probleme und die neue Zeiterfahrung zu entwickeln.30 Die im Systemprogramm benannte ‚Neue Mythologie‘ reagiert als Grundlage einer „sinnliche[n] Religion“31 spezifisch auf den Verlust traditioneller religiöser Legitimationsinstanzen und baut auf der aufklärerischen Religionskritik auf.32 Autoren wie Novalis, Schelling, die Gebrüder Schlegel oder eben Hölderlin verzichten gerade nicht auf religiöse Begründungen für die Gegenwart. Im Gegenteil bemühen sie sich darum, neue ...