Zwischen Chiliasmus und Staatsräson
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Zwischen Chiliasmus und Staatsräson

Religiöser Wandel unter den Ṣafaviden

  1. 321 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Zwischen Chiliasmus und Staatsräson

Religiöser Wandel unter den Ṣafaviden

Über dieses Buch

Die Arbeit geht dem religiösen Wandel in Iran unter den Safaviden nach. Dabei wird nicht die Verkündung der Schia als offizieller Religion 1501 in den Mittelpunkt gestellt. Vielmehr werden die Safaviden kontextualisiert, der religiöse Wandel selbst anhand beteiligter Akteure, Auswirkungen auf religiöse Institutionen und Legitimation von Herrschaft sowie der Übersetzung in Architektur und Performanz von Ritualen nachgezeichnet.

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Information

Jahr
2019
eBook-ISBN:
9783110531343

1Einleitung

1.1Problemstellung

Iṣfahān niṣf-i ǧahān, Isfahan ist die halbe Welt, so lautet ein persisches Sprichwort über eine Stadt, die von der Pracht und Größe der Herrschaft der Ṣafaviden zeugt und den Namen des Herrschers ʿAbbās’ I. evoziert, der europäische Gesandte an seinem Hof empfangen und Iran zu großer Blüte geführt hat – ʿAbbās I., ein frommer Schiit, der zu Fuß von Isfahan in das über 1,000 km entfernte Mašhad pilgerte, um dort den Schrein des achten schiitischen Imams zu besuchen und seine Demut unter Beweis zu stellen.
Die Dynastie der Ṣafaviden beherrschte von 907/1501 bis 1135/17221 Iran und markiert den Übergang des Landes zur Moderne und den Beginn der schiitischen Dominanz. Der deutsche Reisende Engelbert Kaempfer schreibt Ende des 17. Jhdts. über die Religion in Iran:
Als Religion hat der <persische> Hof gemeinsam mit dem Volk die moslemische, und zwar die, welche man Sjiaì (Schia) nennt oder, wie man gewöhnlich ausspricht, Sjijaì. Diese machte der Begründer des Königsgeschlechtes Ismael – nach Ächtung der Glaubensrichtung der Türken, der Sonnì (Sunna) – für sein Königreich zur offiziellen <Religion>; empfangen hatte er sie von seinem Vater Haidar, der sie seinerseits als eine ihm von seinen Vorfahren – Scheichs oder sehr berühmten Theologen, die vom Blut Mohammeds abstammten – gleichsam durch Erbschaft übertragene auf Grund des Beispiels seiner Lebensführung sowie dank seiner unermüdlichen Gelehrsamkeit den Medern und Persern schon längst und nicht ohne Erfolg innerlich einzupflanzen sich bemüht hatte.2
Ihren Ausgang nahmen die Ṣafaviden im 8./14. Jhdt. als mystischer Orden, der einem gängigen Narrativ zufolge sunnitisch war, sich dann militarisierte und schiitisierte, bis schließlich Ismāʿīl bei der Eroberung von Tabrīz 907/1501 die Zwölferschia als Staatsreligion verkündete.
Diese Darstellung der Ereignisse birgt verschiedene Unschärfen und Fallstricke, suggeriert sie doch eine allmähliche Hinwendung einer rein sunnitischen Bewegung zur Schia, die dann in einer öffentlichen Proklamation einer „neuen“ Religion kulminierte und Iran dadurch zu einem Land machte, das bis heute einen Islam ganz eigener Prägung aufweist. Die Ṣafaviden werden so zu einem Einzelfall, Bruch und Sonderweg in der Geschichte des Landes – gar in der Geschichte des Islams – stilisiert.3
Diese Arbeit beleuchtet eben diesen Ausgangspunkt kritisch: Sind die Ṣafaviden vielleicht gar kein Sonderfall, sondern vielmehr Teil eines religiösen Trends, der die Religionslandschaft Irans und Anatoliens bestimmte? Dies würde bedeuten, dass die „Schiitisierung“ gar keinen Bruch in der Geschichte darstellt, sondern lediglich die Verstärkung einer Strömung unter vielen, die dann zur dominierenden wurde. Dies führt zur Fragestellung die religiöse Verschiebung in Iran betreffend: Wie lässt sich der religiöse Wandel unter den Ṣafaviden festmachen?
Zugrunde liegt eine Auffassung von Religion, die dieser eine gewisse Eigendynamik zutraut, sie aber grundsätzlich kontextuell und, in kulturwissenschaftlichen Kategorien gefasst, als Ausdruck sozialer Prozesse zu erklären versucht. Religion lässt sich so am ehesten mit dem Begriff des Symbolsystems beschreiben: Kultur wird verstanden als Bedeutungssystem, das in Symbolen kodiert wird, die öffentlich zum Ausdruck kommen, etwa über Sprache, Rituale und Artefakte.4 Religion als Teilbereich von Kultur funktioniert als nicht eindeutig abgegrenztes oder statisches System, das durch eine Vielzahl von Phänomenen mit Verweisfunktion gebildet wird.5 Dies bedeutet, dass es nicht nur um Aspekte des „Glaubens“6 oder der Doktrin gehen kann, sondern ebenso Fragen von Macht und Legitimation, Sozialstruktur und Organisation, Ritual und Körperdisziplinierung, Kleidung, Architektur, Kommunikation – um nur einige Bereich zu nennen – thematisiert werden.
Die Durchlässigkeit der Systeme, die Teilbereiche von Kultur darstellen, wird insbesondere dann deutlich, wenn Phänomene wie Kulturkontakt oder historische Brüche, etwa durch Wechsel von Dynastien mit veränderten Bezugssystemen, auftreten. Dann werden Kontinuitäten im System sichtbar: Manche religiösen Vorstellungen überdauern eine Vielzahl von Brüchen und wandeln sich nur marginal, während andere vollständig verworfen werden. Dies gilt ebenso für Weltbilder und Vorstellungen etwa von Königtum und Herrschaft, die mit religiösen Komponenten operieren. Hier stehen Übernahmen bereits vorhandener Erklärungs- und Deutungsmuster neben neuen Elementen. Um der Gefahr der Essentialisierung vorzubeugen, ist es daher unerlässlich, den kulturellen und historischen Kontext angemessen zu berücksichtigen. Eine Arbeit über Religion kann also nicht bei „der Religion“ selbst stehenbleiben, sondern muss andere Teilbereiche wie Gesellschaft, Umwelt und Politik mit einbeziehen, um zu einer zulässigen Darstellung gelangen zu können.
Von diesen Vorüberlegungen geleitet, müssen verschiedene Parameter berücksichtigt werden, um der Frage nach dem religiösen Wandel in Iran unter den Ṣafaviden nachgehen zu können. Dabei geht es nicht darum, nur ein „Schlüsselereignis“ – also die Verkündung der Schia als offizieller Religion bei der Eroberung von Tabrīz –in den Mittelpunkt zu stellen; das Woher und Wohin ist mindestens genauso wichtig: Es muss also dargestellt werden, welche Entwicklungen diesem Ereignis vorausgingen und was darauf folgte. Die Ṣafaviden müssen bezüglich ihrer Vorgeschichte und ihres religiösen Systems situiert und kontextualisiert werden. Da religiöse wie auch kulturelle Systeme nicht als in sich geschlossen verstanden werden, sind Kulturkontakte und Wechselwirkungen mit anderen (religiösen) Systemen zu berücksichtigen. Der religiöse Wandel selbst wird anhand der Akteure, die diesen voranbringen, und seiner Auswirkungen auf religiöse Institutionen und die Legitimation von Herrschaft betrachtet. Zudem wird nachgezeichnet, wie der religiöse Wandel übersetzt wird in Architektur und Performanz von Ritualen.
Die hier skizzierten Untersuchungsbereiche orientieren sich an den Vorüberlegungen zur Religion; es wird jedoch dezidiert keine Theorie oder Systematisierung religiösen Wandels zugrunde gelegt. Ausführungen zum religiösen Wandel sollen vielmehr am Ende der Arbeit stehen und die erzielten Ergebnisse und Überlegungen anschlussfähig machen für Untersuchungen, die sich auf einen anderen Kontext oder religiösen Zusammenhang beziehen. Die Entwicklung der Ṣafaviden vom mystischen Orden zur herrschenden Dynastie wird als Spannungsfeld von Mystik und Macht/Gewalt systematisiert dargestellt, ebenso die Frage nach dem Zusammenhang von Religion und Herrschaftslegitimation bzw. der religiösen Funktion des Herrschers. Auch Faktoren, die religiösen Wandel im vorliegenden Fall bewirkt haben, sollen dargestellt werden. Ein umgekehrtes Vorgehen – eine Bewertung der religiösen Verschiebungen unter den Ṣafaviden vor dem Hintergrund einer Theorie religiösen Wandels – wäre denkbar gewesen; allerdings hätte dann die Neubewertung und Auswertung der Quellen mit dem Ziel, die Prozesshaftigkeit des religiösen Wandels darzustellen, vor den Vorgaben der Theorie stattgefunden und diese wäre möglicherweise bestimmend für die Analyse gewesen.

1.2Quellenlage und Forschungsstand

1.2.1Zur Ṣafaviden-Forschung

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Etablierung der Ṣafaviden durch Ismāʿīl als Wendepunkt in der Geschichte Irans7 und als eines der drei gunpowder empires8 neben dem Osmanischen und dem Mogulreich resultierte in einer Vielzahl von Untersuchungen sowohl in westlichen Sprachen als auch auf Türkisch, Arabisch und Persisch. Dabei gibt es Überblicksdarstellungen zur gesamten Zeit der Ṣafaviden sowie Publikationen zum Herrscher ʿAbbās I. oder zu speziellen Fragestellungen die Herrschaftszeit der Ṣafaviden oder deren Vorgeschichte betreffend.
Die erste umfassende Überblicksdarstellung in der westlichen Forschungswelt ist diejenige von Savory aus dem Jahr 1980, in der die Arbeiten von Browne, Minorsky und Lockhart aufgehen und die das damalige Verständnis der Ṣafaviden abbildet.9 Das zugrundeliegende Narrativ bei Savory, aber auch bei anderen Darstellungen aus dieser Zeit, ist stets dasjenige von einem sunnitischen oder sunnitisch geprägten Sufi-Orden, der durch den Kontakt mit türkmenischen Stämmen einem messianischen Diskurs ausgesetzt worden sei und sich dadurch militarisiert habe. Dies habe schließlich in der Machtergreifung durch Ismāʿīl kulminiert, der ein Gebiet erobern konnte, das grob den heutigen Iran umfasst. Er habe die Zwölferschia in Abgrenzung zu den sunnitischen Osmanen und Usbeken als Staatsreligion etabliert. Zur Förderung der Schia seien schiitische Gelehrte aus dem Libanon eingeladen worden, die zur Ausarbeitung der Doktrin und der Verbreitung der Schia beitrugen. Bis zur Zeit ʿAbbās‘ I. seien die Qizilbāš10 ebenso verdrängt worden wie millenaristische Ideen, die zum Aufstieg der Ṣafaviden beigetragen hätten. Die schwachen Herrscher nach ʿAbbās I., die im Harem erzogen wurden und daher seinem Einfluss ausgesetzt gewesen seien, hätten zum Niedergang der Ṣafaviden durch die Invasion der Afghanen geführt. Zeitlich wurde die Herrschaft der Ṣafaviden zwischen der Eroberung von Tabrīz durch Ismāʿīl und dem Fall Isfahans in Folge der afghanischen Invasion angesetzt, die Vorgeschichte als mystischer Orden als eben dies behandelt: eine Vorgeschichte, die nur kurz gestreift wurde. Der ṣafavidische Iran wurde zudem als Vorläufer des heutigen Staates oder gar als erster Nationalstaat konstruiert,11was fälschlicherweise den Eindruck einer einheitlichen Sprache und einer zentralisierten Regierung und Verwaltung erweckt. Ähnlich gehen auch arabischsprachige Studien vor. Sie folgen weitgehend dem oben geschilderten traditionellen Narrativ und sind meist älteren Datums.12
Mit der Islamischen Revolution von 1978/79 nahm die Forschung zu den Ṣafaviden exponentiell zu und entwickelte sich zu einem eigenständigen Forschungsfeld, wie eine Vielzahl von Konferenzen und Symposien deutlich macht, die teilweise die Publikation von Sammelbänden hervorbrachten.13 Zum einen rückten Iran und iranische Geschichte allgemein stärker in den Fokus und waren en vogue, zum anderen wurde die schiitische Ausrichtung Irans, die zur Revolution geführt hatte, interessant. Dem lag der Gedanke zugrunde, dass Iran in der islamischen Geschichte einen Sonderweg gegangen war und einen Islam ganz eigener Prägung hervorgebracht hatte. Die Ṣafaviden wurden, wie erwähnt, als entscheidender Wendepunkt festgemacht, den es genauer zu betrachten galt. Dabei ging es jedoch weniger um den religiösen Wandel selbst als eher um Darstellungen zur politischen Herrschaft der Ṣafaviden und die theologisch-juristischen Entwicklungen unter ihnen. Daneben entstanden Studi...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. Abkürzungsverzeichnis
  7. Danksagung
  8. Formalia
  9. 1 Einleitung
  10. 2 Zur religiösen Situation in Iran und Anatolien
  11. 3 Vom Sufi-Orden zur politischen Herrschaft
  12. 3.4 Auf dem Weg zur Machtergreifung
  13. 3.5 Fazit
  14. 4 Religiöser Wandel
  15. 5 Resümee, Synthese und Anschlussfragen
  16. Appendix 1
  17. Appendix 2
  18. Bibliographie
  19. Register