Sportfunktionäre und jüdische Differenz
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz

Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938

  1. 374 Seiten
  2. German
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Sportfunktionäre und jüdische Differenz

Zwischen Anerkennung und Antisemitismus – Wien 1918 bis 1938

Über dieses Buch

Auf der Basis von Daten zu mehr als 600 jüdischen SportfunktionärInnen werden am Beispiel der Stadt Wien in der Zwischenkriegszeit Fragen von jüdischer Selbst- und Fremdcharakterisierung untersucht. Sport, als Ort urbaner Identitätspolitik, liefert ein facettenreiches Bild der Auseinandersetzungen mit "jüdischer Differenz". Im Mittelpunkt des Buchs stehen massenwirksame Sportarten wie Fußball, Schwimmen, Boxen oder der Arbeitersport. FunktionärInnen in diesen Disziplinen agierten auf einem neuen Feld der Populärkultur, das große gesellschaftliche Bedeutung gewann. Sie waren öffentliche Figuren und Gegenstand der Medienberichterstattung. Die über sie geführten Debatten wie ihre Selbstdarstellung übersteigen in ihrer Signifikanz den Bereich des Sports bei weitem.
Das Buch verbindet Ansätze der Sport- und Kulturgeschichte mit jenen der Jewish Studies. Dieser interdisziplinäre Zugang ermöglicht neue Erkenntnisse, vor allem im Hinblick auf Mechanismen der Konstruktion des "Jüdischen" als des "Anderen", die auch für die Analyse aktueller Diskurse – etwa zu Migration – hilfreich sein können.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783110553260
eBook-ISBN:
9783110553444
Bernhard Hachleitner, Matthias Marschik und Georg Spitaler

1Einleitung: Wien, jüdische Differenz und Sportfunktionäre

(1) In der Arbeiter-Zeitung war im Mai 1929 ein Nachruf zu lesen: „Genosse Dr. Rudolf Brichta ist im 56. Lebensjahr gestorben. Er war städtischer Arzt sowie Bahnarzt. Dr. Brichta zählte zu den ältesten und verdienstvollsten Parteigenossen Floridsdorfs und erfreute sich allgemeiner Beliebtheit. In allen Zweigen der Partei, besonders aber in der Jugend- und Sportorganisation hat er tätig mitgearbeitet. Das Leichenbegängnis findet heute Dienstag um ½5 Uhr im israelitischen Friedhof (Leichenhalle) Floridsdorf statt.“1 Der Morgen ergänzte die sportspezifischen Informationen: Brichta war „langjähriges Vorstandsmitglied des Ö.F.B. und auch einer der Gründer des VAS“,2 des Verbands der Arbeiter- und Soldatensportvereinigungen. Außerdem war Brichta bis 1921 der erste Nachkriegspräsident des SC Admira, den er in der Folge in verschiedenen Funktionen bis hin zum Vizepräsidenten im Österreichischen Fußball-Bund vertrat, übrigens gemeinsam mit dem – gleichfalls jüdischen – Siegfried Deutsch vom Bezirkskonkurrenten Floridsdorfer AC.3
(2) Der Unternehmer und Sportfunktionär Rudolf Klein gehörte zu jener Mehrheit innerhalb der jüdischen Bevölkerung Wiens, die sich „from anything coded as Jewish“4 fernzuhalten versuchte. Klein war ein erfolgreicher Geschäftsmann in der expandierenden Automobilbranche. Schon vor dem Ersten Weltkrieg als Vertreter verschiedener Automobilfirmen tätig, stieg er nach 1918 zum Verkaufsdirektor des Daimler-Puch-Konzerns auf. 1923 machte er sich als Großimporteur in der Zulieferindustrie selbstständig.5 Neben diesem beruflichen Engagement war Rudolf Klein ab 1921 auch als Sportfunktionär aktiv. Ab diesem Zeitpunkt nahm er nicht nur ein Mandat im Vorstand des bürgerlichen Allround-Sportclubs WAC ein,6 sondern war auch im nationalen Aero-Club und im Österreichischen Touring-Club, im Österreichischen und im Wiener Automobil-Club aktiv. Das waren durchwegs Vereinigungen, in denen sich eine gutbürgerlich-aristokratische Männergesellschaft traf, die für Klein auch wichtige geschäftliche Kontakte bot.7 Nach dem „Anschluss“ 1938 musste Klein Wien verlassen, er emigrierte nach Australien.
Abb. 1: Porträt des Unternehmers und Motorsportfunktionärs Rudolf Klein (Allgemeine Automobil Zeitung, 1. 8. 1923).
(3) Der 1881 in Mähren geborene Ignaz Hermann Körner absolvierte in Wien ein Medizinstudium, bei dem ihn jüdische Studentenverbindungen auch mit Konzepten des „Muskeljudentums“ und der jungen Sportbewegung in Berührung brachten. Körner war die treibende Kraft hinter der Gründung des SC Hakoah im Jahr 1909 und von 1919 bis 1928 Präsident dieses zionistischen Sportvereins.8 Körner sah Sport als wesentliches Mittel der körperlichen Ertüchtigung und Bewusstseinsbildung der jüdischen Jugend, setzte aber auch auf die Öffentlichkeitswirksamkeit der professionellen Fußballmannschaft der Hakoah. Ab 1932 saß Körner, im Zivilberuf Zahnarzt, für die Zionistische Liste im Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.9 1938 wurde Palästina für Körner zum rettenden Exil.
Abb. 2: Hakoah-Präsident Ignaz Hermann Körner, vor 1914 (Clara Baar).
(4) Bernhard Altmann wurde 1888 in Przemyśl geboren. Er war Industrieller und betrieb eine Strickwarenfabrik mit Hauptsitz in Wien und Fabriken in mehreren Ländern. Bekannt war er als Unternehmer und Kunstmäzen, erst in zweiter Linie als Sportfunktionär. Immerhin trat er ab 1930 als Proponent und später Ehrenpräsident des vor allem im Eishockey tätigen Betriebssportvereins SC Bernhard Altmann in Erscheinung. Seine deutlich jüngeren Brüder Fritz, Max und Julius arbeiteten nicht nur in führenden Positionen der Firma mit, sie spielten selbst Eishockey und fungierten auch als Vorstandsmitglieder, Max und Julius sogar als Präsidenten des SC Bernhard Altmann.10 1937/38 stieg der Verein in die oberste Wiener Eishockeyliga auf. In der Folgesaison existierte der Verein nicht mehr, die Familie Altmann musste aus Wien fliehen.
Schon dieser kurze Blick auf Ausschnitte aus Biografien jüdischer Sportfunktionäre11 – zu denen wir im Schlusskapitel des Buchs noch einmal zurückkehren werden – zeigt, wie breit sich das Spektrum ihrer Lebensentwürfe auffächerte. Das gilt auf beruflicher und politischer Ebene, in ihrem Verhältnis zum Judentum, aber auch im Hinblick auf ihre Betätigung im Sport. Das Projekt „Jüdische Sportfunktionäre im Wien der Zwischenkriegszeit“, aus dem dieses Buch entstanden ist, hat versucht, an deren Beispiel das soziale Feld des Sports als Ort von Identitätspolitik im Wien dieser Jahre zu rekonstruieren.12
In dem Projekt ging es darum, die unterschiedlichen Selbst- und Fremdbilder von Juden und Jüdinnen und deren Verortungen auf dem spezifischen Feld der Körperkulturen herauszuarbeiten. Als Zuschauersportarten, aber auch als sportliche Praxis nahmen diese Bewegungskulturen spätestens ab den 1920er-Jahren eine wichtige Rolle für die Konstruktion spezifischer kollektiver wie individueller Identitäten Wiens, besonders des männlichen Teils der Bevölkerung, ein: Im imaginären oder realen (Spiel-)Stil ihrer SportlerInnen und Teams machten sich WienerInnen ein Bild von sich selbst. Auch wenn der Sport teils als unpolitisches Feld verstanden wurde, bilden Sportdiskurse einen Teil jenes Kampfes um die Definition zentraler „Mythen der Stadt“ – oder auch einzelner Stadtbezirke –, in denen sich „ihr spezifisches Profil, ihre Aura, ihre geschichtlich gewordene und politisch gewollte Identität mit all ihren Brüchen und Krisen“ zeigte.13
Die Figur des Sportfunktionärs erwies sich dabei vor allem deshalb als besonders produktiv, weil auf diese Weise die Konstruktionen des „Jüdischen“ als Resultat komplexer und performativer Gemengelagen begriffen werden können. So wie sich die Tätigkeit von FunktionärInnen nicht von Aktivitäten in anderen sozialen Feldern trennen lässt, wurden auch aus der Außensicht Funktionäre und Funktionärinnen zugleich in den Kontext ihrer übrigen Biografie gestellt. Und wenn sich die Beschäftigung mit Zuschreibungen des Jüdischen auf dem Sportplatz vielleicht in besonderer Weise äußerte, stand diese doch immer in einem lebenspraktischen Umfeld. Spannend wird es nicht zuletzt dort, wo „the Jewish and non Jewish experiences meet“.14 Gerade diese Schnittstellen versuchen rezente Ansätze der Jewish Studies zu analysieren, um damit zu vermeiden, den historischen Blick zu sehr an jüdischen Institutionen auszurichten (im Falle des Sports wären dies vor allem die zionistischen Vereine). Dabei wird „nicht von einer einseitigen Assimilation an eine einheitliche nicht-jüdische Mehrheitsgesellschaft ausgegangen, sondern von einem nichtlinearen, prozesshaften Kulturtransfer, der Juden und Jüdinnen als gesellschaftskonstituierend ansieht und mehrere Ebenen umfasst“.15
Im Mittelpunkt unserer Untersuchung standen Sportarten, deren kulturelle und politische Bedeutung im Wien der Zwischenkriegszeit über das Feld des Sports hinausging. Das galt zuallererst für den Fußballsport. In unserer Studie behandelten wir daneben aber auch etliche Sportverbände, vor allem das Österreichische Olympische Comité, sowie den Schwimmsport, den Boxsport, den Alpinismus und den sozialdemokratischen Arbeitersport. Die Zugehörigkeit zu populärkulturellen Praxen bildete das entscheidende Kriterium für die Auswahl einer bestimmten Sportart für diese Untersuchung. Wo die Öffentlichkeitsfunktion eines Sports oder die Medienberichterstattung eine populäre (Massen-)Kultur indizierten, können paradigmatisch Prozesse der gesellschaftlichen Selbst- und Fremdverortung analysiert werden: Gerade dort fanden öffentliche Diskussionsprozesse über Jewish difference statt. Diesen Begriff der jüdischen Differenz verstehen wir in Anlehnung an Lisa Silverman16 als diskursive Kategorie, mit deren Hilfe vor dem Hintergrund von Identifikation und Fremdzuschreibungen ein Verhältnis von sozial konstruierten Kategorien des „Jüdischen“ bzw. „Nichtjüdischen“ artikuliert wurde.17

Jüdische Differenz und Populärkultur

Nicht zufällig hat Silverman das Konzept von jüdischer Differenz am Beispiel Österreichs, insbesondere am Wien der Zwischenkriegszeit, entwickelt. In dieser Stadt war die Frage nach dem „Jüdischsein“ nach 1918 von höchster gesellschaftlicher Relevanz:18 So schrieb Ludwig Hirschfeld im Jahr 1927, das Wiener Leben sei primär von der Frage bestimmt, ob jemand „ein Jud“ sei, was eine Person erst einschätzbar, die Leistung eines Menschen erst bewertbar mache. Selbst die Frage, ob „der Fußballchampion schon viele Goals geschossen hat“, müsse letztlich anhand der Frage nach der jüdischen Abstammung des Stürmers beurteilt werden.19
Das jüdische Leben im Wien der Jahre 1918 bis 1938 wird vielfach als Resultat einer Dichotomie (bzw. nach Beller einer „Dialektik der jüdischen Integration und ihren Wechselwirkungen auf die Wiener Umgebung“)20 gesehen. Unsere Analysen zum Verhältnis von Sport und jüdischer Differenz legen jedoch nahe, dieses „Oder“ durch ein „Und“ bzw. „Sowohl-als-auch“ zu ersetzen. Auf diese Weise können, wie Malachi Hacohen21 anregt, kulturelle Praxen des Mit- und Gegeneinanders als stetes Wechselspiel von Sichtbarkeit und Ausgrenzung, von Bündnissen und Segregierungen gesehen werden. Statt fixer Zuordnungen treten die labilen Allianzen und Beziehungen in den Mittelpunkt, die den Kämpfen um Bedeutungen, um Lebensentwürfe und -praxen ebenso wie den retrospektiven Geschichtspolitiken zugrunde liegen. Zahlreiche Arbeiten zum jüdischen Wien ab 1900 beschreiben Versuche jüdischer Selbstbehauptung vor dem Hintergrund massiver religiöser, kultureller und zunehmend auch „rassisch“ argumentierender Antisemitismen. Dies gilt verstärkt für den neuen österreichischen Nationalstaat ab 1918 im veränderten Kontext nach dem Ende der multinationalen Habsburger-Monarchie. Als mögliche Wege zur jüdischen Emanzipation wie zur Festigung jüdischen Selbstbewusstseins wurden zum einen „politisches Engagement, zum Beispiel im Austromarxismus oder Zionismus“, zum anderen „ästhetische und psychologische Projekte“22 genannt, mithin die Terrains von Wissenschaft, Politik und Hochkultur, von Steven Beller als „Kernschicht der modernen Kultur“ in Wien apostrophiert.23 Lange Zeit übersehen blieben dabei, auch für die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts, die zahlreichen Aspekte und Praktiken jüdischer Populärkultur,24 wie sie Klaus Hödl vor allem für das ausgehende 19. Jahrhundert untersucht hat.25 Dabei waren es gerade die verschiedenen Bereiche der Populärkultur, allen voran das Kino, das Volkslied, das Kabarett oder das populäre (jüdische) Theater, „in denen JüdInnen Facetten ihrer Identität artikulierten und mit NichtjüdInnen aushandelten“.26 Galt nach 1918 gerade das Kino als jener Ort, der – in den Worten Alfred Polgars – die „Völker Wiens umschlingt“, wie es zuvor die Dynastie tat,27 dann waren es speziell die Varietés, Unterhaltungstheater, Theater und Kabaretts,28 in denen unterschiedliche Aspekte des „Jüdischseins“ und jüdischer Differenz auf der Bühne beispielhaft verhandelt wurden, wobei mitunter auch kulturelle Grenzziehungen überschritten wurden.29 Gerade in diesen Durchbrechungen mutierte die Populär- zu einer selbstdefinierten popularen Kultur, wenn sie Selbstvergewisserungen für Juden und Jüdinnen ermöglichte und Orte der ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhalt
  5. 1 Einleitung: Wien, jüdische Differenz und Sportfunktionäre
  6. 2 Arierparagrafen und andere Ausschlussmechanismen
  7. 3 Wiener Judentum und Wiener Sport in der Zwischenkriegszeit: Fakten und Zahlen
  8. 4 Die jüdische Sportbewegung im Wien der Zwischenkriegszeit
  9. 5 Demografie jüdischer SportfunktionärInnen
  10. 6 Raum
  11. 7 Sport in den Medien
  12. 8 Konflikte
  13. 9 (Sport-)Netzwerke
  14. 10 Nach dem „Anschluss“
  15. 11 Resümee
  16. Quellen- und Literaturverzeichnis
  17. AutorInnen und Herausgeber
  18. Vereins- und Verbandsregister
  19. Namensregister

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