1.1Auftakt: Das Epos im Blick
Scribebamus epos; coepisti scribere: cessi,
aemula ne starent carmina nostra tuis.
transtulit ad tragicos se nostra Thalia cothurnos:
aptasti longum tu quoque syrma tibi.
fila lyrae movi Calabris exculta Camenis: [5]
plectra rapis nobis, ambitiose, nova.
audemus saturas: Lucilius esse laboras.
ludo levis elegos: tu quoque ludis idem.
quid minus esse potest? epigrammata fingere coepi:
hinc etiam petitur iam mea palma tibi. [10]
elige quid nolis – quis enim pudor omnia velle? –
et si quid non vis, Tucca, relinque mihi.
Ein Epos wollte ich schreiben; du begannst selber eins zu schreiben: Ich ließ es sein,
damit nicht meine Dichtung in Konkurrenz mit deiner trete.
Meine Thalia ging zum Kothurn der Tragiker über:
Auch du passtest dir die lange Robe an.
Ich schlug die Saiten der Lyra, wie die kalabrischen Camenen sie spielten:
Gleich raubst du mir das neue Plektrum, du Ehrgeizling.
Ich wage, Satiren zu schreiben: Du bemühst dich, ein Lucilius zu sein.
Spielerisch dichte ich leichte Elegien: Auch du spielst genauso wie ich.
Was kann noch kleiner sein? Epigramme begann ich zu dichten:
Auch hier bist du schon hinter meiner Siegespalme her.
Wähle aus, was du nicht willst! Wo bleibt denn die Bescheidenheit, wenn man alles will?
Und wenn du etwas nicht willst, Tucca, dann lass es mir!1
Mart. 12.94
Kurz vor Ende seines zwölften und letzten Epigrammbuches präsentiert uns Martial (*ca. 40; † ca. 103/4) eine bemerkenswerte Dichterbiographie, die sich in verschiedener Hinsicht am Epos ausrichtet.2 Auf der Flucht vor dem lästigen Nachahmer Tucca bewegt sich der Sprecher des Gedichts – die Martial-persona3– in einer Priamel durch die Gattungen: Von Epos, Komödie, Tragödie, Lyrik, Satire und Elegie herkommend gelangt der Sprecher schließlich zum Epigramm. Diese Bewegung vom Epos zum Epigramm spannt eine maximal gesteigerte quantitative Antithese auf, die das üblicherweise viele tausend Verse lange Epos und das oft nur wenige Verse kurze Epigramm gegenüberstellt.4 Dass es dem Sprecher des Gedichts nicht nur um eine quantitative, sondern auch um eine qualitative Dynamik in der Tradition aristotelischer Gattungstaxonomie geht, wird in der mehrdeutigen Frage quid minus esse potest? (V. 9) deutlich, denn minus bedeutet ‚kleiner‘, aber eben auch ‚unbedeutender‘.5 Doch genau so wenig wie zu erwarten ist, dass Martial, der ausschließlich Epigramme publizierte, tatsächlich als Epiker oder in all den anderen aufgelisteten Gattungen tätig war, stellt die gedankliche Bewegung von Groß nach Klein für den Epigrammatiker einen Makel dar.6 Ganz im Gegenteil: Statt eines Abstieges ermöglicht ihm die Betätigung in der literarischen Nische des Epigramms einen fulminanten Aufstieg. Der Siegespalme, die sich der Sprecher in Vers 10 zuspricht (mea palma), kann sich Martial als der produktivste Epigrammatiker der antiken Literatur sicher sein.
Martial inszeniert in Epigramm 12.94 seine Dichtungswahl also in Kontrast zum Epos und knüpft damit an die Tradition der sog. recusatio an, einer Ablehnung des Epos nach kallimacheisch-augusteischem Vorbild.7 Der Epigrammatiker setzt allerdings eine humorvolle Travestie einer recusatio in Szene, denn während man im Lichte der literarischen Tradition erwarten würde, dass eine Inspirationsgottheit wie Apoll die Geschicke der Dichter-persona lenkt, tritt stattdessen der penetrante Tucca als Inspirationsinstanz auf.8 Neben dieser Travestie haben wir es in Mart. 12.94 aber auch mit einer humorvollen Inversion einer Epikervita nach dem Muster Vergils zu tun, die sich linear von kleinen Anfängen hin zum epischen Hauptwerk steigert.9 Martials fiktive Dichterbiographie stellt diesen idealisierten kontinuierlichen Aufstieg von kleineren zu größeren Gattungen vollständig auf den Kopf. Paradoxerweise ermisst sich Martials Œuvre an seinem Lebensabend allerdings dennoch in epischen Dimensionen: Zählt man zu seinen zwölf Epigrammbüchern noch seine früheren Publikationen hinzu – die Xenia, Apophoreta und Epigramme zur Eröffnung des Amphitheatrum Flavium – hat Martial insgesamt knapp 9.600 Verse Epigrammdichtung vorgelegt. Von den etwa 9.900 Versen der 12 Bücher umfassenden Aeneis10 ist er also gar nicht weit entfernt, sodass die Gedichteröffnung scribebamus epos in einer rein quantitativen Perspektive eine humorvolle Ambiguität zwischen fiktiver und tatsächlicher Bilanz eines produktiven Dichterlebens entfaltet: In der größten literarischen Gattung hat sich Martial zwar nicht betätigt, doch in der kleinsten Gattung legt er mit Abstand das größte Gesamtwerk vor.
Das Epos zieht Martial in Epigramm 12.94 als Ausgangspunkt und wesentliche Bezugsgröße für die Konstruktion einer humorvoll fiktionalisierten Dichtervita heran, die es ihm ermöglicht, im Rückblick auf sein Leben den Rang des größten Vertreters einer ganzen Gattung geltend zu machen. Die Motive der palma (V. 10) und der Verfolgung durch Tucca, die ganz wesentlich auf die Frage abzielt, wie man eine Nische finden und sie gegenüber Mitbewerbern behaupten kann, markieren den Anspruch des Dichters auf eine distinguierte Position auf dem Feld der Literatur. Die diskursive Integration des Epos erzeugt also nicht nur eine kontrastreiche epigrammatische Situation, deren Potential der Dichter in einer dynamischen Bewegung durch die Gattungshierarchie vollständig ausschöpft. Vielmehr ist sie auch Teil einer Strategie der Behauptung und Mehrung von Prestige des Epigrammatikers im Rahmen einer im Epigrammbuch öffentlich gemachten Selbstinszenierung.
Während Martial das Epos in Epigramm 12.94 vom Ende seines Werkes aus in den Blick nimmt, tut sein Zeitgenosse Statius (*ca. 50; † ca. 96)11 dies in den Silven, einer in fünf Büchern publizierten Sammlung von Gelegenheitsgedichten, gleich zu Beginn der praefatio zum ersten Buch:
Diu multumque dubitavi, Stella iuvenis optime et in studiis | nostris eminentissime, qua parte et voluisti, an hos libellos, | qui mihi subito calore et quadam festinandi voluptate flux|erunt, cum singuli de sinu meo pro<dierint>, congregatos ipse | [5] dimitterem. quid enim o<pus eo tempore hos> quoque auctoritate | editionis onerari, quo adhuc pro Thebaide mea, quamvis me | reliquerit, timeo? sed et Culicem legimus et Batrachoma|chiam etiam agnoscimus, nec quisquam est inlustrium poeta|rum qui non aliquid operibus suis stilo remissiore praeluserit.
4 add. Saenger cum aliis; spat. M 5 item
Lange und viel habe ich gezaudert, mein junger Stella, Du in jedem beliebigen Gebiet unserer Studien so überragendes Ausnahmetalent, ob ich wohl diese kleinen Schriften, die mir in einem plötzlichen Feuereifer und einer gewissen Lust am Eilen aus der Feder flossen, indem sie eines nach dem anderen meiner Brust <entsprangen>, zusammenstellen und selbst herausgeben sollte. Weshalb <hätte ich sie> denn ebenfalls mit der Geltung einer Edition belasten sollen, <zu einem Zeitpunkt>, an dem ich noch immer um meine Thebais fürchte, obwohl sie mich schon verlassen hat? Doch wir lesen auch die Mücke und erkennen den Frosch<mäuse>krieg an und unter den berühmten Dichtern gibt es niemanden, der seinen Werken nicht auch etwas in heitererem Stil spielerisch vorangestellt hätte.12
Stat. silv. 1.pr.1–9
Statius eröffnet die Widmung des ersten Silvenbuches an seinen Patron Aruntius Stella mit einer bemerkenswerten Kombination von Bescheidenheitsgesten und Zurschaustellung von auctoritas als arrivierter Epiker. Zunächst berichtet der Dichter, dass er lange gezögert habe, seine kleinen Dichtungen (libelli; Z. 2)13 – die er, wie er im Anschluss an die zitierte Stelle ausführt, zuvor bereits einzeln den jeweiligen Adressaten zukommen ließ – ein zweites Mal, nun zusammengefasst in einer Gedichtsammlung zu publizieren.14 Statius’ Zögern scheint dabei zunächst darauf zu beruhen, dass die spontane Kurzfristigkeit, in der die Silven entstehen, ihm kaum Zeit zum elaborierten Ausfeilen seiner Gedichte lässt.15 Dieses Argument ist freilich eine geschickte captatio benevolentiae, die unter dem Deckmantel höflicher Bescheidenheit die Meisterschaft des Dichters darin herausstellt, seine Gedichtadressaten in kürzester Zeit mit hochgradig raffinierten und teils auch überraschend umfangreichen Gelegenheitsgedichten zu erfreuen.16 Neben der Schnelligkeit der Silvendichtung begründet Statius sein Zögern damit, dass er um die Thebais bange, konkret offenbar um deren Aufnahme beim Publikum.17 Damit spricht Statius sein Hauptwerk an, sein nach eigenen Angaben in zwölfjähriger Kleinarbeit entstandenes Epos auf den Kampf der Sieben gegen Theben in zwölf Büchern und über 10.000 Hexametern,18 das er höchstwahrscheinlich im Jahr 92 und mit Sicherheit noch vor der Publikation des ersten Silvenbuches veröffentlichte (Thebaide mea, quamvis me reliquerit; Z. 6 f.).19 Der Text legt in einer mit sed (Z. 7) eingeleiteten argumentativen Wendung allerdings nahe, dass es dem Dichter mit Blick auf sein Epos nicht an Selbstbewusstsein mangelt, denn indem er als literaturhistorischen Präzedenzfall für die Publikation von Dichtung in heitererem Stil die beiden parodistische...