Sprache und Kognition
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Sprache und Kognition

Ereigniskonzeptualisierung im Deutschen und Tschechischen

  1. 308 Seiten
  2. German
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Sprache und Kognition

Ereigniskonzeptualisierung im Deutschen und Tschechischen

Über dieses Buch

Ist unser Denken und somit die Weltsicht für alle Menschen gleich oder sprachspezifisch? Auf diese uralte Fragestellung, der bereits Wilhelm von Humboldt nachgegangen ist, gibt dieses Buch eine eindeutig bejahende Antwort: Unsere Weltanschauung wird durch die Grammatik der eigenen Muttersprache(n) geprägt, sodass Menschen Ereignisse sprachspezifisch wahrnehmen, versprachlichen und auch erinnern. Diese grundlegenden Erkenntnisse sind durch den hier gewählten experimentellen Zugang psycholinguistischer Methoden (z.B. Eye-Tracking) erstmalig möglich.
Der Einfluss von Sprache auf Kognition erweist sich darüber hinaus für Sprachkontakt als extrem relevant. Infolge des über Jahrhunderte andauernden Sprachkontakts zwischen dem Deutschen und Tschechischen hat sich das Aspekt-System des Tschechischen dahingehend geändert, dass die Ereigniskonzeptualisierung im Tschechischen wie im Deutschen verläuft und das Tschechische sich systematisch von anderen ost- und westslawischen Sprachen absetzt.

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Information

Jahr
2018
ISBN drucken
9783110557893
eBook-ISBN:
9783110615807

1Einleitung

Wie hängen Sprache und Denken zusammen? Ist unser Denken von Sprache abhängig? Und falls ja, wie äußert sich eine solche Abhängigkeit? Kann man beispielsweise unterstellen, dass deutsche Muttersprachler1 anders denken als Muttersprachler des Englischen oder des Japanischen? Oder müssen wir eher davon ausgehen, dass unser Denken von Sprache unabhängig ist: Eine wortlose ‘Denksprache’, die erst im Augenblick der Kommunikationshandlung in eine konkrete, sprachliche Wortabfolge übersetzt wird?2
Bereits Anfang des 19. Jahrhunderts beschäftigt sich Wilhelm von Humboldt mit dieser grundlegenden sprachphilosphischen Fragestellung und bezieht eine eindeutige Position: Er bezeichnet Sprache als „bildendes Organ des Gedankens“ (1820: 24). Somit kann man ihn als ersten Vertreter der linguistischen Relativität betrachten. Sein Prinzip kann letztlich mit der Sapir-Whorf-Hypothese gleichgesetzt werden, die Edward Sapir in den 1950er Jahren aus den postum veröffentlichten Schriften von Benjamin Lee Whorf abgeleitet hat und die für diese Grundsatzfrage von zentraler Bedeutung ist.
Nach dem durchschlagenden Erfolg der Theorie der Universalgrammatik ab den 1960er Jahren als Erklärungsansatz für Sprachentwicklung und sogar Sprachentstehung schlechthin liefert die psycholinguistisch ausgerichtete Forschung der letzten zehn Jahre für die unterschiedlichsten Bereiche der Kognition systematisch Beweise dafür, dass Sprache einen enormen Einfluss auf die Kognition hat (z.B. Roberson et al. 2005 für Farbe; Levinson et al. 2002 und Gentner et al. 2013 für Raum; Boroditsky/Schmidt 2003 und Beller et al. 2015 für Genus). Dieser Einfluss äußert sich dadurch, dass die Art und Weise, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, kategorisieren, versprachlichen und erinnern, eben nicht universell, sondern im Gegenteil sprachabhängig ist.
Dieser wissenschaftliche Paradigmenwechsel wurde insbesondere durch den Einsatz neuer experimenteller Methoden wie der Messung von Blickbewegungen möglich, durch den die alte Fragestellung zur Schnittstelle von Sprache und Kognition wieder aufgenommen werden konnte: Der Diskurs über die Beziehung von Sprache und Denken bzw. Sprache und Kognition ist dank einer komplett neuen Datenlage somit aktueller denn je.
Die vorliegende, in der Psycholinguistik verortete Arbeit trägt maßgeblich zu diesem Diskurs bei, indem sie Sprache als ausschlaggebenden Faktor für die Sprachverarbeitung, insbesondere die Sprachproduktion herausstellt. Auf Basis empirischer Forschungsergebnisse wird dabei der Standpunkt vertreten, dass Sprache in allen Schritten der kognitiven Verarbeitung die Kognition selbst insofern beeinflusst, dass die Grammatik der Muttersprache die Selektion und Strukturierung von Informationen aus der Außenwelt, die von den Sprechern zum Zweck der Versprachlichung ausgewählt werden (müssen), mitsteuert. Dies hat in der Folge auch sprachspezifische Konsequenzen für die Wahrnehmung, Planung und das Abrufen von Informationen und bestimmt dadurch in erheblichem Ausmaß die Gesamtkonzeptualisierung im Kopf des Sprechers.
Um diese Position zu stützen, werden Ergebnisse aus einer Reihe von vornehmlich experimentellen Sprachproduktionsstudien zum Deutschen, Englischen, Niederländischen, Polnischen, Slowakischen, Russischen und Tschechischen präsentiert. Die methodologische Vorgehensweise umfasst linguistische Analysen, Elizitationstechniken, psycholinguistische Methoden der Messung von Blickbewegungen (Eye-Tracking), der Sprechanfangszeiten sowie Verfahren zur Überprüfung von Gedächtnisleistungen. Neben Daten von Muttersprachlern werden Daten von fortgeschrittenen Zweitsprachlernern in die Analyse einbezogen und miteinander verglichen.
Weiterhin werden Daten zur Validierung des Sprachrelativitätsprinzips aus dem Bereich der Ereigniskonzeptualisierung vorgestellt und die Ergebnisse in Bezug auf einen typologischen Wandel, der durch den Sprachkontakt zwischen dem Deutschen und dem Tschechischen begründet ist, erweitert interpretiert.
Die Daten zeigen, dass der Einfluss des Deutschen weit über den empirisch gut belegten Bereich des Lexikons (vgl. Havránek 1965; Skála 1966) hinausgeht und sich durchaus auch im Bereich der tschechischen Grammatik und sogar auf Ebene der zugrundeliegenden Konzepte niedergeschlagen hat:3 Im grammatischen Bereich können Veränderungen im aspektuellen System des Tschechischen, im konzeptuellen Bereich Parallelen zwischen den beiden Sprachen in Bezug auf Informationsstruktur sowie Perspektivenwahl belegt werden.
Die Arbeit basiert auf der Anwendung psycholinguistischer Methoden. Diese ermöglichen, verschiedene Sprechergruppen unter vergleichbaren Testbedingungen gegenüberzustellen und kognitive Planungsprozesse experimentell zu erforschen. Die Psycholinguistik stellt dabei einen neuen, ergänzenden Weg zur Untersuchung sprachlicher Phänomene dar. Sie ist ein geeigneter Zugang, um typologische Veränderungen von Konzeptualisierungsmustern zu untersuchen, sichtbar und messbar zu machen. Die alleinige Nutzung anderer methodischer Zugänge, wie beispielsweise korpusbasierte Ansätze, ist nicht ausreichend, um den oben beschriebenen Zusammenhängen Rechnung zu tragen, da durch sie Konzeptualisierungsprozesse und deren Veränderungen nicht erfasst werden können.
Das erste Kapitel ist wie folgt gegliedert:
Abschnitt 1.1 dient dem Einstieg in die behandelten Themen sowie der Klärung der zentralen Begriffe, Theorien und Analysekategorien. In Abschnitt 1.2 werden die Hypothesen formuliert und die Arbeit wird in ihrer Struktur sowie in Bezug auf die Frage der Anbindung wesentlicher Ergebnisse an die grundlegenden Hypothesen erläutert. Abschnitt 1.3 beschreibt die Methoden und die Vorgehensweise bei der Datenerhebung und -analyse. Außerdem enthält dieser Abschnitt detaillierte Informationen zu den untersuchten Sprechergruppen. In Abschnitt 1.4 folgt ein historischer und kontaktlinguistischer Einblick in die deutsch-tschechischen Beziehungen, bei dem der Sprachkontakt besonders berücksichtigt wird.
Die Kapitel 29 sind den einzelnen Studien gewidmet, wobei in jedem Kapitel jeweils eine Studie vorgestellt wird. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick ab.

1.1Thematische Anbindung und Begrifflichkeiten

Einen wesentlichen Bestandteil der vorliegenden Arbeit stellen experimentelle Untersuchungen dar. Diese beziehen sich auf vier zentrale Themengebiete, wobei die meisten Untersuchungen mehrere Gebiete gleichzeitig betreffen. Im Folgenden werden die vier Themengebiete in ihren Grundzügen umrissen und einige relevante Aspekte auf den aktuellen Forschungsstand bezogen:
  1. Sprache und Kognition: Dieser Bereich deckt den Zusammenhang zwischen grammatikalisierten Kategorien, wie z.B. Aspekt und Tempus, und spezifischen Mustern der Informationsstruktur ab. Die Vorgehensweise ist sprachvergleichend und es werden Produktionsdaten von Muttersprachlern (L1) untersucht (u.a. Gegenüberstellung germanischer und slawischer Sprachen). In der aktuellen Debatte zur Beziehung von Sprache und Kognition wird nicht länger der Frage nachgegangen, ob sprachliche Strukturen überhaupt einen Einfluss auf die Kognition haben, sondern vielmehr, welche Effekte sprachspezifische Strukturen in nicht-sprachlichen Aufgaben auslösen und inwieweit Sprache die allgemeine Kognition prägt (vgl. Dolscheid et al. 2013 zum Einfluss der Sprache auf Rezeption und Reproduktion musikalischer Tonhöhe; Delucchi/Mertins 2016; Delucchi 2017 zum Einfluss der Sprache auf Raumkonzeptualisierung und -orientierung in Weganweisungen). Die Daten und Ergebnisse gehen auf Aufgaben zurück, die als Basis eine übergeordnete sprachliche Anweisung hatten (für den genauen Wortlaut der verschiedenen Aufgabenstellungen siehe die einzelnen Studien). Die so gewonnenen Daten bringen eine weitere Bestätigung der linguistischen Relativitätshypothese und weisen – unter der Voraktivierung des sprachlichen Wissens durch die gestellte Aufgabe – deutlich auf die Existenz sprachspezifischer mentaler Repräsentation im Bereich der Ereigniskonzeptualisierung hin.
  2. Zweitspracherwerb: Neben Daten von Muttersprachlern (Bereich 1) werden hier Daten von Zweitsprachlernern (fortgeschrittene und sehr fortgeschrittene Sprecher – L2)4 in ihren Implikationen für die Sprachproduktion und -verarbeitung untersucht. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob es für L2-Lerner mit einem sehr hohen Niveau in der L2 möglich ist, sich die für eine Zweitsprache typischen Denkschemata anzueignen (Konzeptualisierungsmuster) bzw. die L1-Schemata zugunsten der L2-Schemata zu restrukturieren. Dazu werden L2-Daten analysiert, die zeigen, dass das Erlernen der Konzeptualisierungsmuster einer Nicht-Muttersprache für L2-Lerner eine extrem große Herausforderung darstellt. Die meisten der hier untersuchten L2-Sprecher stützen sich auf die Schemata ihrer L1, obgleich sie die L2 im Hinblick auf Form (alle Bereiche der Grammatik) und Lexikon nahezu muttersprachlich beherrschen.5 Die aus den Lernerdaten gewonnenen Erkenntnisse erlauben einen Rückschluss auf die Persistenz der L1-Präferenzen und das Maß ihrer Verankerung in der Grammatik.
    Die Datenlage im Hinblick auf den Umfang einer kognitiven Restrukturierung sowie die mentale Repräsentation der Sprachsysteme in bilingualen und multilingualen Sprechern ist in der L2-Literatur alles andere als eindeutig. So werden die Befunde der vorliegenden Forschungsarbeit durch Ergebnisse aus anderen L2-Studien unterstützt (vgl. Ervin 1962 – Farbkognition; Cook et al. 2006 – Kategorisierung von Objekten und Materialien; Finkbeiner et al. 2002 – Bewegungsereignisse; Pavlenko 2008 – Emotionen; Cadierno 2010; Hendriks/Hickmann 2011; Brown/Gullberg 2011 – Verbalisierung, Gestik und Gedächtnis von Bewegungsereignissen). Andere Studien belegen jedoch (z.T. für die gleichen Bereiche), dass eine stabile Koexistenz zweier sprachspezifisch unterschiedlich geprägter Systeme ohne gegenseitige Beeinflussung durchaus möglich ist (vgl. Saunders/van Brakel 1997 – Farbkognition; Alvarado/Jameson 2011 – Emotionen; Wang/Shao/Li 2010 – autobiografisches Gedächtnis). Außerdem gibt es Belege für eine Konvergenz der L1 und der L2 Systeme (z.B. Jameson/Alvarado 2003 – Farbkognition; Malt/Ameel 2011 – Objektkategorisierung; Daller et al. 2011 – Bewegungsereignisse) sowie dafür, dass die Konzeptualisierungsschemata der L2 die Schemata der L1 beeinflussen können (vgl. Alvarado/Jameson 2002 – Farbkognition; Pavlenko/Malt 2011 – Objektkategorisierung; Stepanova Sachs/Coley 2006 – Emotionen; Papafragou/Hulbert/Trueswell 2008 – Lexikalisierungsmuster in Bewegungsereignissen; Wassmann/Dasen 1998 – Raumkognition und räumliche Referenzrahmen). Darüber hinaus existiert eine Datenlage für das Phänomen der Attrition (Verlust/Abbau) der aus der L1 stammenden Kategorien und Konzepte (vgl. Pavlenko 2012 – Farbkognition; Ben-Rafael 2004 – Emotionen; Kaufman 2001 – Bewegung; Levinson 1997 – räumliche Referenzrahmen). Die aus dieser Datenlage ersichtliche Komplexität, die die Frage nach dem Ausmaß der kognitiven Restrukturierung bestimmt, wird im abschließenden Kapitel thematisiert.
  3. Psycholinguistik: Die in den meisten Studien eingesetzte Methodik verbindet qualitative linguistische Analysen mit experimentellen psycholinguistischen Verfahren. Der Fokus liegt dabei auf der Sprachproduktion. Da die verwendeten Methoden für die vorliegende Arbeit eine zentrale Rolle spielen, werden sie in Abschnitt 1.3 dieses Kapitels gesondert behandelt.
  4. Sprachkontakt: Die linguistischen und psycholinguistischen Auswirkungen des Sprachkontakts zwischen dem Deutschen und dem Tschechischen spielen eine zentrale Rolle. In der Regel besteht Kontakt zwischen Sprachen dann, „wenn sie in derselben Gruppe gebraucht werden“ (Riehl 2004: 11). Nach dieser Auffassung ist der Kontaktbegriff eng mit dem Begriff der Zwei- oder Mehrsprachigkeit verbunden (vgl. auch Földes 2005; Nekula 2002). Im Allgemeinen wird von einer integrierten Theorie des Sprachkontakts ausgegangen, in der entweder Aspekte einer Einzelsprache fokussiert werden, die individual-synchrone Aspekte des Bilingualismus oder strukturell-diachrone, durch Sprachkontakt entstandene Veränderungen betreffen (Matras 2009). Neben klassischen Werken aus der Bilingualismusforschung zu Themen wie Spracherwerb, Sprachverarbeitung, Diglossie und Sprachpolitik in multilingualen Gesellschaften (vgl. Grosjean 1982; Hamers/Blanc 1989; Romaine 1989; Hoffmann 1991) ist im Kontext der Kontaktlinguistik besonders die Arbeit von Appel/Muysken (1987) zu erwähnen. Diese behandelt als eine der ersten Arbeiten systematisch diachrone Aspekte von durch Kontakt entstandenen Sprachveränderungen. Thomasons und Kaufmans Monografie aus dem Jahre 1988 bleibt bislang das einflussreichste und meist zitierte Buch zu Sprachkontakt unter der Perspektive der historischen Linguistik. Winford (2003) verbindet zum ersten Mal Code-Switching mit diachronen Aspekten von Sprachkontakt. Einen wichtigen Beitrag zur kontaktlinguistischen Debatte leistet Myers-Scotton (2002) mit dem Ma...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Inhalt
  6. Danksagung
  7. 1 Einleitung
  8. 2 Aspekt-Terminologie sprachvergleichend: Konsequenzen für den Zweitspracherwerb
  9. 3 Zur Verwendung der perfektiven Präsensform im heutigen Tschechisch
  10. 4 Zur Unterscheidung zwischen west- und ostslawischen Aspektsystemen
  11. 5 Wie grammatikalisierte Kategorien die Ereigniskonzeptualisierung für die Sprachproduktion prägen: Erkenntnisse aus Sprachanalysen, Messungen der Augenbewegungen und Gedächtnisleistungsexperimenten
  12. 6 Zum Einfluss des Deutschen auf das Tschechische: Die Effekte des Zeitdrucks auf die Sprachproduktion
  13. 7 Denken L2-Sprecher in ihrer Muttersprache, wenn sie die L2 sprechen?
  14. 8 Die Rolle des grammatischen Aspekts in der Ereignisenkodierung: Ein Vergleich zwischen tschechischen und russischen Lernern des Deutschen
  15. 9 Einflüsse des Deutschen auf das Tschechische: Ein Sprachvergleich aus der Lernerperspektive
  16. 10 Fazit und Ausblick
  17. 11 Literatur
  18. 12 Abkürzungsverzeichnis
  19. 13 Anhang
  20. 14 Sachregister

Häufig gestellte Fragen

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