Der Titel „Mord(s)bilder“ verweist zunächst auf den thematischen Schwerpunkt meiner Untersuchungen: Die Schilderung physischer Gewalttaten wie Folter, Mord und Hinrichtung gilt als charakteristisch für die Literatur der zweiten Hälfte des 1. Jhs. n. Chr.1 Im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen mit Senecas philosophischer Schrift De ira und dem Bürgerkriegsepos De bello civile seines Neffen Lucan zwei Texte aus diesem Zeitraum, deren Tendenz zu aufzählenden Beschreibungen gerade von gewaltintensiven Szenen immer wieder bemerkt, oft kritisiert, und kaum befriedigend analysiert wurde. Mit dem deutschen Plural „Mord(s)bilder“ möchte ich die schiere Länge und motivische Breite dieser Aufzählungen andeuten und gleichzeitig auf die beeindruckende Wirkung hinweisen, die sie auf den Rezipienten2 ausüben können. Ins Lateinische übertragen würde der Buchtitel in etwa caedis imago lauten. imago bedeutet im Lateinischen das (Ab)Bild. Es wird nicht nur für künstlerische Darstellungen von Menschen gebraucht, sondern bezeichnet auch den Anblick, der sich einem Betrachter darbietet – realiter oder als innerlich visualisertes Bild. Aufgeladen mit Wertvorstellungen steht imago zudem für ein gedankliches Konzept, das dennoch in einer Beschreibung oder bildlichen Darstellung konkretisiert werden kann.
Doch warum präsentieren beide Autoren physische Gewalt in Aufzählungen? Welche Rezeptionshaltung(en) können wir von ihrem zeitgenössischen Publikum erwarten? Diese Fragen haben mich dazu bewogen, nicht nur die beiden Texte in den Blick zu nehmen, sondern auch den Zusammenhängen von Aufzählung und Anschaulichkeit, Gewaltdarstellung und Affekterregung nachzugehen.
1.1 Forschungsreaktionen auf Gewaltbeschreibungen und Aufzählungen
Detaillierte Beschreibungen von Gewalttaten provozieren auch akademische Leser zu emotionalen Reaktionen und wertenden Einordnungen. Aus heutiger Sicht nurmehr unterhaltsam ist die Annahme OTTO KIEFERs, die Römer seien ein von Grund auf sadistisches Volk gewesen, dessen Grausamkeit sich nicht nur im Krieg, sondern ebenso im Alltag und in der Literatur manifestiere.3 Noch etwas früher untersucht HUGO BLüMNER Sterbeszenen in Lucans Bellum Civile und anderen römischen Epen. Ohne es deutlich zu machen, belegt er mit dem Adjektiv „grausig“ in erster Linie solche Stellen, die entweder durch die detaillierte Beschreibung körperlicher Auswirkungen auffallen; oder aber Stellen, die durch das schiere Ausmaß des Tötens und die Länge der Beschreibung hervorgehoben sind. Abschließend konstatiert BLüMNER:
So ist Lucan, obschon es bei ihm an Kampf- und Sterbeszenen nicht fehlt, für unser Thema eigentlich wenig ergiebig. Für Wunden und fürchterliche oder seltsame Todesarten, für rhetorische Übertreibungen jeder Art ist er eine Fundgrube; aber die einfache Schilderung einer Sterbeszene liegt ihm ebenso fern wie das Heranziehen der für solche bei seinen Vorgängern zu findenden Schilderungen.4
Die neuere Forschung der Alten Geschichte und Klassischen Philologie ist sich der Gefahr bewusster, eigene Präferenzen und (moralische) Kategorien auf die antiken Texte zu übertragen.5 Viele Studien zur Gewalt in der Antike widmen sich dabei vor allem der Schilderung von Gewalt in historiographischen Werken und im Zusammenhang mit Gladiatorenspielen. Notwendigerweise tritt dabei die literarische Gestaltung einzelner Texte zugunsten des kulturgeschichtlichen Überblicks in den Hintergrund.6
Auf der anderen Seite hat auch sich die Klassische Philologie bislang nur vereinzelt mit der ästhetischen Konzeption gewaltsamen Sterbens beschäftigt. Erst seit wenigen Jahren wird über Modelle wie Verkehrungsprinzipien7 und den produktiven Umgang mit Elementen antiker Literatur diskutiert, die dem Horror, der Phantastik und der Groteske nahestehen.8 Diese Ansätze erscheinen vielversprechender als derjenige der älteren Forschung, die Werke Senecas und Lucans auch aufgrund der detaillierten Beschreibungen physischer Gewalttaten als „barock“9 oder „manieristisch“10 zu bezeichnen. Problematisch an diesen Begriffen ist nicht nur die zum Teil unreflektierte Projektion neuzeitlicher kunstgeschichtlicher Stilbegriffe auf die antike Literatur, sondern vor allem die darin mitschwingende abwertende Haltung gegenüber den so eingeordneten Texten. Sie begünstigen die Tendenz, die Werke hauptsächlich im Verhältnis zur „klassischen“ Dichtung Vergils zu lesen.11 Jenseits einer derart hierarchisierenden Wertung ermöglicht es der Rückgriff auf ästhetische Konzepte, die literarische Gestaltung der Texte genauer in den Blick zu nehmen. Im Fokus der aktuellen Forschung stehen dabei bislang vor allem die Tragödien Senecas, Paradestücke für die Inszenierung gewaltsamer Tode und ekphrastischer Sprechweisen.12 Die Untersuchung der literarischen Gestaltung von Senecas Prosaschriften wie De ira bleibt dagegen ein Forschungsdesiderat; ebenso wie die Beschäftigung mit den aufzählenden Strukturen dieser Werke. Möglicherweise trägt dazu bei, dass derartige Passagen in ihrer Rezeptionsgeschichte auf wenig Gegenliebe gestoßen sind. Bei Senecas De ira, das eher aus philosophischem als aus literarischem Interesse gelesen wird, werden enumerative Tendenzen en passant negativ bewertet. Justus Lipsius notiert 1614 in seiner Einleitung zur gedruckten Ausgabe:
Libri in partes pulchri & eminentes sunt, in toto parum distincti, & repetitionibus aut digestione confusi.
Die Bücher sind in Teilen schön und bedeutend, alles in allem zu wenig unterschiedlich & durch Wiederholungen oder Aufzählung verworren.13
Über den Auftakt von Senecas langer exempla-Reihe in Buch 3 (3.14 – 21) schreibt WILLIAM WYCISLO 2001:
Along with Seneca’s later exempla, the passage represents a seemingly impossible supression of ira, as well as a tasteless [Hervorhebung M. B.] and deliberately abhorrent choice of historical incidents to recount; more extreme, perhaps, than was necessary for a project purporting to advise restraint on anger.14
Und auch der Althistoriker DIRK ROHMANN vermerkt 2009 zu einer Stelle in Buch 3: „Minutiös und mit rhetorischem Schwulst [Hervorhebung M. B.] zählt Seneca die Folterinstrumente auf, die angeblich zur Anwendung kamen.“15
Mindestens ebenso kritisch stehen Rezipienten den Aufzählungen bei Lucan gegenüber. Schon im 2. Jh. n. Chr. liest der Redner Fronto das Bellum Civile und bemängelt die inhaltlich repetitive Aufzählung, die schon das Proöm dieses Gedichts prägt.16 Fronto missbilligt nicht die Fülle an Details, sondern die Tatsache, dass alle aufgeführten Formulierungen nur Variationen des schon im ersten Vers genannten Hauptgedankens bella plus quam civilia sind. Dieser an sich schon griffigen Sentenz fügen sie nichts inhaltlich Neues hinzu, sondern listen vielmehr für den Leser selbstverständliche Unterpunkte auf.
Auch der Rhetoriker Julius Caesar Scaliger, ein Zeitgenosse von Lipsius, beschwert sich über die Ausführlichkeit von Lucans Beschreibungen.
Hic Lucanus dedisset declamationem quemadmodum de temporibus Sullanis. Nam etsi et senex ibi narrat et licet poetae coniungere tempora cum temporibus, tamen longus est et taedii pater, etiam cum vera fictis tegimus aut adumbramus aut illustramus.
Hier hätte Lucan eine ganze Rede gehalten, wie die über die Zeiten Sullas. Denn auch wenn dort ein alter Mann erzählt und es dem Dichter freisteht, verschiedene Zeiten miteinander zu verbinden, ist es dennoch langatmig und er der Vater der Langeweile, selbst wenn wir Wahres mit Erfundenem bemänteln oder bebildern oder verdeutlichen.
Scaliger, poeticis libri septem 3.25
Obwohl Scaliger im Aufbau der Rückschau die Zielsetzung der Veranschaulichung erkennt, ist er mit der Ausführung nicht zufrieden. An anderer Stelle bemängelt er Lucans auch sprachlich überbordenden Stil.17 Die negativen Bemerkungen von Scaliger und anderen legten die Grundlage für die Verurteilung Lucans im 18. und 19. Jh. – und für den Vorwurf, zu „rhetorisch“ zu sein, der bis ins 20. Jh. wiederholt wird.18 Der Philologe und Übersetzer ROBERT GRAVES fällt 1956 ein beißendes Urteil über Lucan, dem er schlechte Rhetorik und eine Fixierung auf makabre, sensationsheischende Details vorwirft, die – zum Leidwesen von GRAVES – für ungebrochene Begeisterung beim Publikum sorgen; eine Begeisterung, die bis heute anhält.19
Sicherlich ist die Funktion von Aufzählungen in antiken Texten nicht immer auf den ersten Blick klar. Doch wenn JAQUES AUMONT zu Lucans Aufzählung von 18 Giftschlangen und deren tödlicher Wirkung das Fazit zieht, diese 146 Verse seien letztlich nur dem barocken, ungestümen Wesen des jungen Dichters geschuldet,20 greift das wohl zu kurz. Selbst ROBERT KASTERs Bemerkung zu De ira, dass die „Kataloge“ von Charakterfehlern und ihren Folgen allein durch ihre Masse beeindrucken wollten,21 spricht nur einen Teilaspekt dieser Aufzählungen an.
Die aufzählenden Strukturen in De ira und im Bellum Civile wurden also in der Forschung bislang als Eigenart der Werke vermerkt, jedoch nicht oder nur in Teilen auf ihren genauen Aufbau und ihre Funktion hin untersucht.22 Vielmehr dominieren die (Geschmacks‐)Urteile der jeweiligen Rezipienten, die derartige Passagen als langweilig und zu ausführlich in der Form, sensationsheischend und geschmacklos im Inhalt bewerten. Kurz gesagt scheint in dieser Haltung die längst überwunden geglaubte Ablehnung der „rhetorischen“ Prägung kaiserzeitlicher Literatur wieder auf. Ich möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag dazu leisten, Autoren wie Seneca und Lucan vorurteilsfreier gegenüber zu treten und die Gestaltung ihrer Werke im Kontext der zeitgenössischen Literaturproduktion und –rezeption zu lesen.23