Der Band ist vor allem gedacht als companion volume zu Gustav Adolf Beckmanns Onomastik des Rolandsliedes (2017). Wie dort bestimmen auch hier zwei zentrale Aspekte den Großteil des Bildes, doch hier gestreut über die altfranzösische Epik als Gattung: Fragen der Onomastik und solche der Historizität des Dargestellten. Auch hier greifen sie meist sogar ineinander: Personennamen wie Audegarius (+ Oscheri) ~ Oggero Spatacurta ~ Ogier, Malduit der Schatzmeister, (Ricardus) Baligan, Nikephóros ~ Hugue li Forz, Witburg ~ Wigburg ~ Guibourc, Alpais, A(da)lgis (? Malgis/Amalgis), Toponyme wie Belin, Lucena ~ Luiserne, Worms ~ Garmaise, Dortmund ~ Tremoigne, Esch-sur-Sûre ~ Ascane, Avroy ~ Auridon ~ Oridon ~ Dordone, Pierrepont sowie das doppelte Hydronym Rura ~ Rune und Erunia ~ Rune bringen jeweils ein Stück ihrer aufschlussreichen Geschichte mit sich. Die Texte sind in ihrer ursprünglichen Erscheinungsform belassen, doch sämtlich aus der Forschungsperspektive des Jahres 2018 durchgesehen und, wo nötig, mit einem Postskriptum versehen. So entsteht ein facettenreiches Panorama zur Entstehung der älteren Chansons de geste – von der Ogier-, Rolands-, Wilhelms- und Sachsenepik über Pèlerinage de Charlemagne und Berthe au(x) grand(s) Pied(s) bis zu Renaut de Montauban.

- 475 Seiten
- German
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Gesammelte Aufsätze zur altfranzösischen Epik
Über dieses Buch
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Information
Thema
LiteraturThema
Sprachwissenschaft
Ein Seitwärtsblick
18Odins Schatten auf der Durchreise in Rouen
Anmerkung: Erstmals veröffentlicht in: Romanische Forschungen 116 (2004), 214–222.
Résumé : Dans la partie de sa Chronique des Ducs de Normandie traitant de Rollon, Benoît décrit le passage à Rouen d’un mystérieux cavalier vêtu de gris et qui se déplace sur la Seine sans que son cheval en touche l’eau. Refusant de révéler son identité, il prédit pour la dynastie ducale un avenir de neuf règnes prospères. Sans attendre une rencontre avec Rollon devenu chrétien, il continue, en étapes journalières surhumaines, une chevauchée qui semble sans commencement ni fin. En latin, cette histoire est racontée dès avant 1120 comme étant de notoriété générale. Qui est l’inconnu? En ancien norrois, dans les nombreux récits comparables jusque dans les détails, c’est toujours Odin en personne. Pour la Normandie, il faut conclure que si ce n’est plus lui explicitement, c’est quand même son ombre qui hante le domaine flou, dans l’imagination populaire, entre christianisme et paganisme – domaine dont a su se servir, comme on le voit, même une propagande producale, donc, en principe, chrétienne.
In seiner Chronique des Ducs de Normandie, an der er von etwa 1174 bis spätestens 1189 arbeitete, erzählt uns Benoît eine merkwürdige Episode aus der Zeit Rollos, des ersten Herzogs. Da sie in ihrem narrativen Teil fast zweihundert Verse umfaßt, zu denen noch einhundert Verse ihrer historischen Würdigung durch Benoît kommen, können wir sie hier nur gedrängt paraphrasieren.1030
Eines Tages erleben die Bürger von Rouen, wie ein stattlicher Reiter in einem Mantel aus kostbarem grauem Stoff1031 auf dem Wasser der Seine flußaufwärts in die Stadt einreitet, ohne daß auch nur die Füße seines Pferdes naß werden. Über seine Person verweigert er jede Auskunft – außer daß er am Morgen aufgebrochen sei von Rennes, in Avranches (nach 80 km!) zur dritten Tagesstunde eine Mahlzeit eingenommen habe und nun gegen Abend (nach weiteren 220 km!) in bequemem Paßgang in Rouen eintreffe. In Avranches habe er übrigens sein Speisemesser vergessen; wer seine Angaben nachprüfen wolle, könne es dort abholen. Ein reicher Bürger lädt den Fremden zum Nachtquartier ein. Andere melden dem Herzog von dem Ereignis. Dieser läßt dem Fremden gebieten, sich ihm vor dem Weiterritt vorzustellen. Der Fremde antwortet, er werde am Morgen bis zur Prime für den Herzog bereitstehen,1032 reitet dann aber schon bei Tagesanbruch weiter. Der erzürnte Herzog äußert den Verdacht, das sei ein böser Geist gewesen; doch seine Leute, auf die der Fremde einen sehr positiven Eindruck gemacht hat, antworten ihm, der Fremde rechne wohl als Prime einen früheren Zeitpunkt als der Herzog und sei deshalb nicht wortbrüchig geworden. Der Gastgeber des Fremden erzählt, er habe diesen nach der Abendmahlzeit in einem langen Gespräch am Feuer nach der Zukunft der Herzogsdynastie gefragt und die Antwort erhalten, von Rollo an würden neun Herzöge kraftvoll regieren. Nach dem zehnten befragt, habe der Fremde nur nachdenklich die Furchen, die er mit einem Stock in die Asche gezeichnet hatte, wieder eingeebnet. Er habe dem Gastgeber übrigens die Scheide zu dem in Avranches vergessenen Messer geschenkt. Der Herzog sendet nach Avranches, und siehe da, der Bote kommt mit dem Messer zurück.
Benoît schließt nun die Betrachtung an, daß sich die Prophezeiung voll bewahrheitet habe: nach dem neunten Herzog, König Heinrich I., habe sich der zehnte (nämlich Benoîts Gönner König Heinrich II.) erst gegen ungeheure Widerstände schließlich glorreich durchgesetzt. In der Tat: Da Heinrich I. 1135 bei seinem Tod keine legitimen Söhne, wohl aber durch seine Tochter Mathilde seinen damals zweijährigen Enkel Heinrich II. hinterließ, war dieser in Heinrichs I. wie in Benoîts Denken der legitime Erbe; daß bis zu seiner Großjährigkeit ein Zwischenherzog Gottfried von Anjou und ein Zwischenkönig Stephan von Blois auftreten sollten, ist in der Perspektive ‹Rolloniden als Normannenherzöge› irrelevant.1033
Als 1883 Hugo Andresen erstmalig Benoîts Chronik quellenkritisch untersuchte, ging er auf die Gestalt des ‹geheimnisvollen Fremden› nicht ein, konnte aber die lat. Quelle der Episode aufzeigen:1034 die sog. Additamenta ad Historiam Normannorum, Zusätze zu den – wie man heute sagt – Gesta Normannorum Ducum des Wilhelm von Jumièges. Und zwar gehört unser Zusatz wie das ganze Buch VIII der Gesta zur heute so genannten Redaktion F, die Robert de Torigny um 1139 besorgte und die auch sonst Benoîts Hauptquelle ist.1035
Statt wie Benoît von neun kraftvoll regierenden Herzögen spricht Robert de Torigny von sieben Generationen, was auf dasselbe hinausläuft, da auf Richard III. sein Bruder Robert II., auf Robert Courteheuse sein Bruder Heinrich I. folgte.1036 Was die dunkle Zeit nach der siebten Generation betrifft, so bemerkt Robert de Torigny zutreffend, «wir, die wir Heinrich I. überlebt haben», steckten jetzt in der Krise.1037
Auch Robert de Torigny seinerseits folgt eng einer schriftlichen Quelle, der sog. Brevis relatio de Guillelmo Conquestore, die uns eindeutig schon aus der Zeit Heinrichs I. vorliegt, nämlich in einer Form aus den Jahren 1114–20 und einer ältesten Hs. aus den Jahren 1120–28. Zugesetzt hat Robert nur die Bemerkung, man lebe jetzt in der Krisenzeit nach der siebten Generation.1038 Die Auszählung der sieben Generationen bis zu Heinrich I. gehört aber schon der Brevis Relatio an, auch wenn sie dort drei heutige Druckseiten vor unserer Erzählung erscheint.1039
Daß nun die Episode eine Erfindung der Zeit Heinrichs I. oder gar des Autors der Brevis Relatio selbst wäre, ist sehr unwahrscheinlich. Denn erstens erklärt der Autor einleitend, er habe die folgende Episode aus dem Munde vieler vernommen, die sie als wirklich geschehen bezeichneten. Und zweitens wird so leicht doch niemand die Regierungszeit des gegenwärtigen Herrschers als die wahrscheinlich letzte glückliche Epoche bezeichnen und damit das Unheil geradezu herbeireden. Wahrscheinlicher ist, daß sich die magische Zahl Sieben hier einnistete, als sie noch weit in die Zukunft wies. Doch auch wenn wir zur Frage der Entstehungszeit keine autoritative Antwort zu bieten haben, lohnt es, die Episode zu analysieren.
Die Hauptgestalt reitet auf einer bewegten Wasserfläche, ohne sie zu berühren, und legt bequem Tagereisen zurück, die menschliches Vermögen um ein Mehrfaches übersteigen; sie bleibt anonym selbst gegenüber ihrem freiwilligen Gastgeber, wird von diesem aber ohne weiteres – und wie sich zeigt, zu Recht – für fähig gehalten, bis in die ferne Zukunft zu blicken; sie diktiert in Mißachtung der menschlichen Hierarchie dem Herzog enge Bedingungen für ein mögliches Treffen und setzt beim ersten Tageslicht eine Fahrt fort, von der in diesem Erzählhorizont nie der Anfangs- noch der Endpunkt noch der Sinn zu erfahren sein werden. Gerade weil hier verschiedene, voneinander logisch unabhängige übernatürliche Fähigkeiten zusammenkommen, handelt es sich sichtlich – obwohl der Reiter auf Fragen nach seiner Identität sich selbst kryptisch als ‹einen Menschen› bezeichnet – um eine übernatürliche Gestalt, die nur ‹...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Danksagung
- Zum Geleit
- Inhalt
- Ogier
- Rolandslied und Pseudo-Turpin
- Wilhelmsepik
- Karlsreise
- Sachsenepik
- Alpais und Berthe
- Renaut de Montauban
- Zwei Fehlspuren und ein Ersatz für sie
- Vorgeschichte zweiten Grades
- Ein Seitwärtsblick
Häufig gestellte Fragen
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