Medizinische Flüchtlingsversorgung
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Medizinische Flüchtlingsversorgung

Ein praxisorientiertes Handbuch

  1. 272 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Medizinische Flüchtlingsversorgung

Ein praxisorientiertes Handbuch

Über dieses Buch

Seit Sommer 2015 ist die angewachsene Flüchtlingsbewegung nach Westeuropa das beherrschende Thema in Gesellschaft und Medien. Die medizinische Versorgung von Flüchtlingen stellt alle an der Versorgung Beteiligten vor fachliche, menschliche und gesellschaftspolitische Herausforderungen.
Bisher gibt es keine Leitlinien in der Diagnostik und Therapie typischer Krankheiten von Asylsuchenden. Dieses Buch dient als Leitfaden für die klinische Praxis und geht dabei prägnant und anschaulich auf die häufigsten Krankheiten von erwachsenen und minderjährigen Asylsuchenden, Prävention, Hygiene, interkulturelle Kommunikation, sowie politische und organisatorische Aspekte ein. Hierbei gliedert sich das Buch in Untersuchungstechniken, Infektiologie, nicht-infektiologische Krankheitsbilder, Dermatologie, Zahnmedizin, Gynäkologie und Psychiatrie, jeweils unterteilt für Erwachsene und Kinder. Schwerpunktthemen werden durch Illustrationen und Infoboxen veranschaulicht. Darüberhinaus werden als Kommunikationshilfe medizinische Fachbegriffe in der jeweiligen Landessprache sowie weiterführende Kontaktadressen angegeben. Ein Sprachlexikon bietet zudem die Möglichkeit, wesentliche anamnestische Fragen in der entsprechenden Landessprache zu erheben.

Häufig gestellte Fragen

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Information

Teil A: Erwachsene

Silvia Kraatz

1Einführung in den Untersuchungsablauf

Das Asylgesetz (AsylG) schreibt in § 62 vor, dass sich alle Asylsuchenden, die in Deutschland in einer Gemeinschaftsunterkunft oder Aufnahmeeinrichtung untergebracht werden, einer ärztlichen Untersuchung auf übertragbare Krankheiten incl. einer Röntgenaufnahme (siehe hierzu § 36 Abs. 4 des Infektionsschutzgesetzes) unterziehen müssen. Die oberste Landesgesundheitsbehörde entscheidet über den Umfang der Untersuchung. Diese dient in erster Linie dem Erkennen von übertragbaren Infektionserkrankungen, um einen möglichen Ausbruch zu verhindern. Hierzu gehören beispielsweise Tuberkulose, Masern, Windpocken, Skabies und Läuse.
Selbstverständlich sollte die Untersuchung unmittelbar nach Ankunft und vor Einzug in eine Massenunterkunft erfolgen. Zudem sollte eine Aufklärung des Asylsuchenden über die jeweilige Erkrankung und die Therapiemaßnahmen stattfinden und eine Therapie möglichst unverzüglich eingeleitet werden.
Die Ergebnisse sind schriftlich zu fixieren (mittels standardisierter Anamnese- und Aufklärungsbögen) und Maßnahmen zur Verhinderung der weiteren Übertragung der jeweiligen Unterkunft mitzuteilen. Wird bei der Untersuchung eine meldepflichtige Erkrankung entdeckt, ist dies gemäß§ 6 Infektionsschutzgesetz (IfSG) dem jeweils zuständigen Gesundheitsamt zu melden.
Es hat sich bewährt, neben den Fragen zu infektiösen Erkrankungen mithilfe eines Dolmetschers auch anamnestische Angaben zu weiteren Symptomkomplexen zu erheben.

1.1Anamnese

Husten (Seit wann? In welcher Frequenz?)
Auswurf (Blutig? Eitrig? Morgendlich?)
Gewichtsabnahme (Seit wann? Wie viel? Appetitverlust?)
Nachtschweiß (Frequenz?)
Fieber (Seit wann? In welchen Abständen?)
Hautausschlag (Seit wann? Zusammenhang mit psychischer Belastungssituation? Nach Medikamenteneinnahme?)
Juckreiz (Welche Körperregionen? Tages- oder Nachtzeit? Sind andere Familienmitglieder betroffen?)
Durchfall (Seit wann? Frequenz? Blutig/schleimig? Sind andere Familienmitglieder betroffen?)
psychische Belastung (Erlebtes Trauma? Depressive Verstimmung? Stimmenhören?)
Vorerkrankungen? (Insbesondere infektiöse Erkrankungen: z. B. Tbc, HIV-Erkrankung, Hepatitis; außerdem chronische Erkrankungen: z. B. Diabetes, COPD, kardiale Erkrankungen)
Familienanamnese? (insb. Tuberkulose)
Voroperationen?
Allergien (Medikamente, Nahrungsmittel, Hühnereiweiß)?
vorhandene medizinische Dokumente? (Impfausweis, alte Arztbriefe, bereits erfolgte Erstaufnahmeuntersuchungen)
Grundimmunisierung im Heimatland erfolgt? Impfung im Transitland erfolgt? Abstand zur letzten Impfung? Vorangegangene Impfkomplikationen?
Bei Frauen
Besteht eine Schwangerschaft?
Wenn ja, welche Schwangerschaftswoche?
Schwangerschaftsvorsorge eingeleitet?
Komplikationen bei bisherigen Schwangerschaften?
Bei fraglicher Schwangerschaft Angebot eines Schwangerschaftstests (β-hCG im Urin) hinsichtlich der bevorstehenden Impfung bzw. Röntgenuntersuchung

1.2Orientierende körperliche Untersuchung

Temperaturmessung
Inspektion der behaarten Kopfhaut und insbesondere der Haaransatzstellen auf Läuse, Nissen und Kratzspuren (Kopftuch abnehmen lassen!)
Inspektion des Gesichtes und des Retroaurikulärraumes auf Exantheme (Masern, Varizellen, Röteln)
Inspektion des Mund-Rachen-Raumes auf Ulcera, Lymphknotenvergrößerungen, Soor
Lymphknotenpalpation (möglicher Hinweis auf Lymphknoten-Tuberkulose?)
Lokalisation: retroauriculär, cervical, nuchal, supraclaviculär, inguinal
Beschaffenheit: induriert? fluktuierend? verschieblich?
Druckdolenz? Rubor? Überwärmung?
Auskultation, Perkussion der Lunge
Inspektion der Interdigitalfalten, Handgelenke, Genitalbereich auf Skabies typische Papeln (und Gangstrukturen)
sichtbare Verletzungszeichen (Trauma, DD häusliche Gewalt?)

1.3Untersuchung auf infektiöse Lungentuberkulose

Gemäß § 36 Abs. 4 des Infektionsschutzgesetzes haben Personen, die in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht werden, ein ärztliches Zeugnis darüber vorzulegen, dass bei ihnen keine infektiöse Lungentuberkulose vorliegt [1].
Das folgende praktische Vorgehen wird vorgeschlagen:
Bei Kindern bis zum vollendeten 15. Lebensjahr empfiehlt die „AWMF-Leitlinie Diagnostik, Prävention und Therapie der Tuberkulose im Kindes- und Jugendalter“ eine Diagnostik mittels Tuberkulinhauttest (THT) oder Interferon-Gamma-Release-Assay (IGRA) [2],
Cave!
Wenn die Infektion weniger als acht Wochen zurückliegt oder eine Miliartuberkulose besteht, können beide Teste negativ ausfallen [3].
bei Personen ab dem vollendeten 15. Lebensjahr: Röntgen-Thorax-Aufnahme,
bei Schwangeren: immunologische Diagnostik (IGRA-Test) bzw. bei Symptomatik: ggf. Sputumuntersuchung.
Anamnestische Angaben, die auf eine Tuberkulose deuten können sind:
bekannter Tuberkulosekontakt,
Gewichtsverlust,
persistierender bzw. therapierefraktärer Husten > 2 Wochen Dauer,
Fieber unklarer Genese (> 38 °C) > 1 Woche,
persistierende Müdigkeit,
Herkunft aus einem Land mit hoher Tuberkuloseinzidenz (> 100 pro 100.000 Bewohner) [4],
entscheidend ist die Dokumentation der erhobenen Befunde, einschließlich einer ärztlichen Festlegung, ob gegen das Unterbringen in einer Gemeinschaftsunterkunft gemäß § 62 AsylG und § 36 IfSG ein Einwand erhoben wird. Der Dokumentationsbogen sollte in Kopie an den Asylsuchenden ausgehändigt werden. Ein Muster-Dokumentationsbogen kann auf der Internetpräsenz des Robert Koch-Instituts heruntergeladen werden.

1.4Literatur

[1]Robert Koch-Institut (RKI). Erläuterungen zu Vorscreening und Erstaufnahmeuntersuchung für Asylsuchende. 11/2015. Available from: https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesundAZ/Content/A/Asylsuchende/Inhalt/Erstaufnahmeuntersuchung.pdf?__blob=publicationFile
[2]Ritz N, Brinkmann F, Feiterna-Sperling C, et al. Arbeitsgruppe AWMF-Leitlinie Diagnostik, Prävention und Therapie der Tuberkulose im Kindes- und Jugendalter unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Tuberkulosescreening bei asylsuchenden Kindern und Jugendlichen < 15 Jahren in Deutschland. Stellungnahme der Arbeitsgruppe AWMF-Leitlinie Tuberkulose im Kindes- und Jugendalter: Diagnostik, Prävention und Therapie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie. Monatsschrift Kinderheilkunde 163. doi: 10.1007/s00112-015-0007-5.
[3]Pfeil J, et al. Empfehlungen zur infektiologis...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Geleitwort
  5. Vorwort
  6. Inhalt
  7. Verzeichnis der Autoren
  8. Teil A: Erwachsene
  9. Teil B: Kinder
  10. Teil C: Prävention
  11. Teil D: Soziokulturelle Aspekte
  12. Teil E: Öffentlicher Gesundheitsdienst
  13. Teil F: Infektionsschutzgesetz
  14. Teil G: Juristische Grundlagen
  15. Teil H: Aufbau medizinischer Versorgungsstrukturen
  16. Stichwortverzeichnis