The series Trends in Medieval Philology includes central topics of current research debates in medieval studies and provides a place for groundbreaking research in the field. It is intended to give international researchers/research teams the opportunity to effectively present innovative surveys and discussions to the scientific community. The series sees itself as a 'young' research forum with a high standard of quality and is therefore also open to excellent degree theses, should they enhance the series.

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Sprechen und Erzählen beim Stricker
Kommunikative Formate in mittelhochdeutschen Kurzerzählungen
- 308 Seiten
- German
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Sprechen und Erzählen beim Stricker
Kommunikative Formate in mittelhochdeutschen Kurzerzählungen
Über dieses Buch
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Information
Thema
Literatur1 Einleitung
1.1 Die Kurzerzählungen des Strickers als Sprechdichtungen: Eine Annäherung am Beispiel des Klugen Knechts
Die Figuren in mittelhochdeutschen Kurzerzählungen sprechen auffallend viel. Dies trifft auch auf die wohl bekannteste Kurzerzählung des Strickers zu, die unter dem Titel Der kluge Knecht1 geläufig ist. In ihr wird erzählt, wie ein Knecht seinen Herrn darüber in Kenntnis setzt, dass dessen Ehefrau eine ehebrecherische Beziehung mit einem Pfaffen unterhält. Im Epimythion der Erzählung lobt die Erzählinstanz den Knecht dafür, dass er handfeste Beweise für das außereheliche Verhältnis geliefert hat, sodass die Ehebrecher des Vergehens nicht nur bezichtigt, sondern überführt und bestraft werden konnten:
hæte er [der Knecht, N. N.] gesprochen rehte:
„der pfaffe minnet iuwer wîp,
als tuot si sêre sînen lîp“,
daz hæte der meister niht verswigen
und hæte sis zehant gezigen
und hæte si ouch lîhte geslagen.
sô begunde ouch siz dem pfaffen sagen;
sô schüefen lîhte ir sinne,
daz der wirt ir zweier minne
niemer rehte ervüere
und ze jungest wol geswüere,
der kneht hæte in betrogen
und hæte die vrouwen anegelogen
durch sînen bœsen haz,
und würde im vîent umbe daz.
daz was allez hingeleit
mit einer gevüegen kündikeit.
des enhazze ich kündikeit niht,
dâ si mit vuoge noch geschiht. (V. 320 – 338)
„der pfaffe minnet iuwer wîp,
als tuot si sêre sînen lîp“,
daz hæte der meister niht verswigen
und hæte sis zehant gezigen
und hæte si ouch lîhte geslagen.
sô begunde ouch siz dem pfaffen sagen;
sô schüefen lîhte ir sinne,
daz der wirt ir zweier minne
niemer rehte ervüere
und ze jungest wol geswüere,
der kneht hæte in betrogen
und hæte die vrouwen anegelogen
durch sînen bœsen haz,
und würde im vîent umbe daz.
daz was allez hingeleit
mit einer gevüegen kündikeit.
des enhazze ich kündikeit niht,
dâ si mit vuoge noch geschiht. (V. 320 – 338)
Wenn der Knecht der Wahrheit entsprechend gesagt hätte: „Der Pfaffe liebt Eure Frau und sie ihn“, hätte der Herr das nicht für sich behalten, sondern seine Ehefrau dessen sogleich bezichtigt, und er hätte sie vermutlich auch geschlagen. Deshalb hätte diese es wohl auch dem Pfaffen erzählt. Auf diese Weise hätten sie sich leicht überlegen können, wie sie dem Herrn ihre Liebesbeziehung verheimlichen könnten, sodass dieser zuletzt sogar noch geschworen hätte, dass der Knecht ihn betrogen habe, indem er die Herrin bösartig anschwärzte, und aus diesem Grund hätte er den Knecht gehasst. Das wurde aber alles durch geschickte Beredsamkeit verhindert. Darum verachte ich Beredsamkeit nicht, wenn sie mit Geschick angewendet wird.
Die hier verwendete Formulierung der gevüegen kündikeit (V. 336) gilt seit Hedda Ragotzkys Untersuchung zur Gattungserneuerung und Laienunterweisung in Texten des Strickers2 als programmatisch für die Interpretation des Klugen Knechts und darüber hinaus auch für viele andere Kurzerzählungen des Strickers. Unter dem Begriff der gevüegen kündikeit (V. 336) versteht Ragotzky
ein situationsspezifisches Interpretations- und Handlungsvermögen, das auf das ordogemäße Zusammenspiel der Rollen und in diesem Sinne auf die Wahrung oder Wiederherstellung von Recht abzielt.3
Das Handeln des Protagonisten im Klugen Knecht, das zur Aufdeckung des Ehebruchs und zur Bestrafung der Ehebrecher führt, interpretiert Ragotzky als prototypischen Entwurf des erzählerischen Programms der Kurzerzählungen des Strickers. In diesen werde immer wieder von einer problematischen Gefährdung gesellschaftlicher Normen und Ordnungen durch ungevüegiu kündikeit oder von ihrer Wahrung oder Wiederherstellung durch gevüegiu kündikeit erzählt.4 Entsprechend versteht auch Klaus GrubmÜller gevüegiu kündikeit als „schickliche Klugheit“5 und sieht darin das gemeinsame Motto der Kurzerzählungen des Strickers:6 Thema der Erzählungen sei, so GrubmÜller, die „Störung und ihre immer verbürgte, immer gelingende Restitution“7. Den Ausgangspunkt der Handlung bilde die Störung einer durch „die (minimal bestimmten) Personen und ihre Konstellation als ‚ordnungsgemäße‘ nahe gelegte[n] Verhaltenserwartung“8, den Zielpunkt bilde eine explizite Herstellung der Ordnung oder auch eine implizit bleibende Normierung im Sinne schicklicher Klugheit.
Das damit deutlich gemachte normorientierte Verständnis der gevüegen kündikeit als schickliche Klugheit ist in Anbetracht der Forschung zu den Kurzerzählungen des Strickers wenig überraschend. Im Zuge der umfangreichen Gattungsdebatte hat die Mären- und Novellenforschung bis in die 1990er Jahre hinein viel Energie darauf verwendet, gattungshistorische Entwicklungen der – je nach Forschungstendenz – als Märe, Versnovelle bzw. Kurzerzählung bezeichneten Texte zu beschreiben.9 Besonders einflussreich war dabei die Vorstellung von einer Normorientierung der frühen Vertreter dieses Texttyps, die sich später abschwächte. Die dem Stricker, einem in der ersten Hälfte des dreizehnten Jahrhunderts (1220 – 1250) tätigen Autor,10 zugeschriebenen Kurzerzählungen,11 die den Beginn der deutschsprachigen Tradition des Texttyps markieren, galten und gelten in der Forschung als im besonderen Maße auf eine Vermittlung von Normen ausgerichtet: Die Vorstellung, dass es in den Kurzerzählungen des Strickers stets darum gehe, „dass eine Norm gebrochen werde und der Normbrecher oder der von Normbruch Betroffene dies erkenne und dem Recht Geltung verschaffe“12, ist trotz der sich in der jüngeren Stricker-Forschung mehrenden Positionen, die auf Probleme mit dem Normativen in Texten des Strickers13 aufmerksam machen,14 noch immer weit verbreitet. GrubmÜller betont etwa noch 2006, die Texte hätten
ihr besonderes, genau beschreibbares Profil: Sie sind Erzählungen von modellhaft konstruierten Fällen, in denen mit Hilfe von Handlungspointen nach dem Schwankprinzip (‚Ordnungsverstoß und Revanche‘) vorgeführt wird, wie eine wohl geordnete Welt funktioniert.15
Einen alternativen Zugang zu solch normorientierten Ansätzen formuliert etwa Michael Schilling, indem er auf die Poetik der Kommunikativität16 der Strickerschen Kurzerzählungen verweist. Er nimmt dazu verschiedene kurze Texte des Strickers in den Blick und geht der These nach, dass für diese ein kommunikatives Verhältnis zwischen Autor und Rezipienten anzunehmen sei.17 Im Rekurs auf die Kategorie der gevüegen kündikeit sollen Schillings Überlegungen im Folgenden ausgeweitet werden:
Die Semantik des Substantivs vuoge, das zweimal im Klugen Knecht belegt ist (V. 309 u. V. 338), und der Adjektivableitung gevüege, die an drei Textstellen zu finden ist (V. 4, V. 305 u. V. 336),18 lässt sich mit Ragotzky und GrubmÜller im Sinne von ‚Vernunft‘, ‚Anstand‘ oder ‚Schicklichkeit‘ bzw. ‚vernünftigem‘, ‚anständigem‘ oder ‚schicklichem Verhalten‘ verstehen.19 Aber vuoge und gevüege können ebenso ‚Geschick‘ oder ‚Kunstfertigkeit‘ bzw. ‚geschicktes‘ oder ‚kunstfertiges Handeln‘ bedeuten.20 Diese Bedeutungsdimension ist in der bisherigen Forschung allerdings kaum beachtet worden.
Auch für das Substantiv kündikeit, das im Klugen Knecht insgesamt fünfmal gebraucht wird (V. 308, V. 311, V. 317, V. 336 u. V. 337),21 und für die Adjektivform kündige (V. 248) sind bestimmte Bedeutungsdimensionen bislang nicht berücksichtigt worden: In der Forschung, die sich intensiv mit der kündikeit beim Stricker befasst hat, dominieren Positionen, die das Substantiv kündikeit vom Verb kunnen22 ableiten und kündikeit als ‚Klugheit‘ verstehen.23 Gevüegiu kündikeit wurde entsprechend als ‚schickliche Klugheit‘ interpretiert und übersetzt.24 Allerdings lässt sich kündikeit auch als eine Ableitung vom Verb künden25 verstehen, das verbale Äußerungsvorgänge beschreibt. Entsprechend ließe sich kündikeit also auch mit ‚Beredsamkeit‘ übersetzen. Unter dieser Voraussetzung kann die gevüegiu kündikeit auf den geschickten bzw. situationsangemessenen Umgang mit Sprache bezogen werden, der das Handeln des Knechts prägt.
Die Integration dieser zusätzlichen Bedeutungsdimension der gevüegen kündikeit ist folgenreich, denn kündikeit und kündiges Handeln tauchen nicht nur im Klugen Knecht, sondern auch in anderen Kurzerzählungen des Strickers auf.26 Das Thema des kundigen Sprachgebrauchs erscheint so im Œuvre des Strickers als zentral. Entsprechend soll die vorliegende Arbeit Ansätze, welche die gevüegiu kündikeit im Klugen Knecht als schickliche Klugheit interpretieren, um eine Perspektive erweitern, die auf die herausgehobene Rolle Rücksicht nimmt, die das Sprechen in der Erzählung spielt. Indem die Erzählinstanz im Klugen Knecht den Protagonisten für dessen gevüegiu kündikeit lobt, würdigt er, so lautet die hier vertretene These, dessen besonders geschickte Beredsamkeit. Die (nachträglich ausradierte) Überschrift Ditz ist von einem kvndigen knehte / Ein vil schones mere, mit der die Erzählung in der Stricker-Handschrift H überliefert ist,27 kann somit auch nahelegen, die Erzählung mit einem Titel wie Der sprachgewandte Knecht zu versehen, der die Relevanz der mündlichen Kommunikation für den Text verdeutlicht.
Durch diese Neuperspektivierung wird kündikeit nicht mehr auf ein moralisches bzw. normbezogenes Konzept beschränkt, das schon Walter Haug als unzureichend für eine programmatische Deutung der Kurzerzählungen des Strickers angesehen hat.28 Dennoch wird gevüegiu kündikeit weiterhin als programmatisch verstanden, doch ist nicht mehr die Dimension der Normierung, sondern die ‚kommunikative Poetik‘ der Texte, die bereits Schilling andeutet,29 ausschlaggebend. Die Konsequenzen eines solchen Vorgehens lassen sich am Beispiel des Klugen Knechts exemplarisch entfalten:
Kommunikatives Geschick spielt für den Handlungsverlauf im Klugen Knecht von Beginn an eine wesentliche Rolle. Der Knecht nämlich möchte seinen unwissenden Herrn gerne über den Ehebruch in Kenntnis setzen, befürchtet aber, dass ein sprachlich geäußerter Vorwurf allein nicht überzeugend genug sei:
er halz dem meister umbe daz:
er vorhte, er würde im gehaz,
ob er im des verjæhe,
ê er die wârheit sæhe. (V. 9 – 12)
er vorhte, er würde im gehaz,
ob er im des verjæhe,
ê er die wârheit sæhe. (V. 9 – 12)
Er verheimlichte es seinem Herrn, weil er fürchtete, dieser werde ihn hassen, wenn er ihn darüber in Kenntnis setzte, bevor dieser die Wahrheit selbst gesehen habe.
Die Bedenken des Knechts betreffen die mangelnde Glaubwürdigkeit bzw. die fehlende Evidenz des Vorwurfs bzw. der Beschuldigung. Es geht ihm im Folgenden darum, Evidenzen zu schaffen und die wârheit (V. 12) augenscheinlich werden zu lassen. Der Knecht braucht Beweise, damit sein Herr ihm glaubt. Er entwirft deshalb einen Plan, wie er diese mittels einer List herstellen kann. Dass der List im Œuvre des Strickers eine besondere Bedeutung zukommt, ist keine neue Erkenntnis.30 In der Forschung ist oft betont worden, dass listiges Handeln – ganz im Sinne der Semantik des mhd. Substantivs list31 – ein Modell darstellt, mit dem in den Texten vielfach intelligentes bzw. kluges Handeln konkretisiert wird, und dabei ist auch auf die Nähe zwischen list und kündikeit aufmerksam gemacht worden.32 Dass die Klugheit bzw. der Einsatz des Verstands33 ein bevorzugtes Thema des Strickers ist, zeigt sich nicht nur in den kurzen Reimpaartexten: Auch im Daniel von dem blühenden Tal und im Pfaffen Amis agieren die Protagonisten listig.34 Gerade im Amis zeigt sich dabei die Bedeutung des geschickten Umgangs mit Sprache, denn der gleichnamige Protagonist des Schwankromans schafft es nicht zuletzt durch sein rhetorisches Geschick immer wieder, verschiedene Menschen mit ganz unterschiedlichen Strategien zu täuschen.
Im Klugen Knecht wird die Verbindung zwischen Klug...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- Vorbemerkungen
- 1 Einleitung
- 2 Methodische Überlegungen: Darstellungen des Sprechens und kommunikative Formate in den Kurzerzählungen des Strickers
- 3 Beraten. Konsiliarische Kommunikation
- 4 Streiten. Kontroverse Kommunikation
- 5 Beten, Beerdigen, Betrügen. Religiöse Kommunikation
- 6 Fazit
- 7 Anhang
- 8 Verwendete Literatur
- 9 Register
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