1.1Prolog: Lobeshymnus auf Gott
Der zürnende und der barmherzige Gott – der sündige Mensch – Rettung durch Strafandrohung per Omina und Prodigia – Gottes stete Bereitschaft zur Vergebung – Strafe für verstocktes Beharren
1,1f. 29–114
Der mehrfach variierte Grundgedanke des breiten Einleitungspassus lautet (1,29ff.): Das liebende Erbarmen Gottes (pietas Dei) bestraft den Sünder niemals durch plötzliche Vernichtung (clade repentina), sondern hält die Strafe an und führt sie (zunächst) als Bedrohung vor Augen, damit der Mensch, erschreckt, sich im Gebet an Gott wenden und von ihm – ohne noch Schaden erfahren zu haben – Verzeihung seiner Sünden erlangen könne (durch sein Bekenntnis wird dem Sünder die Strafe für seine Vergehen erlassen):
| 1,29 | Ac pietas quia sancta Dei uirtute modesta est, |
| 30 | c l a d e repentina numquam p u n i r e nocentes assumat: p o e n a m cohibet p o e n a m que minatur , territa quo Dominum possit mens nostra precari et peccatorum ueniam non laesa mereri. sic impune reis licuit peccasse fatendo2. |
Deutlich markiert wird im ausgeschriebenen Passus der Gegensatz zwischen c l a d e repentina ... p u n i r e (30) und p o e n a m cohibere bzw. minari (31): Statt unmittelbar zu strafen, setzt Gott zunächst den Vollzug der Strafe aus und gewährt dem Sünder durch vorgängige Strafandrohung Zeit zur Umkehr.
Damit aber der Mensch erkennt, was ihm drohend bevorsteht, wird die Natur beauftragt, Zeichen zu geben: Der erbarmungsvolle Gott läßt zunächst mahnende Ankündigungen ergehen, bevor er schlimme Fährnisse schickt; er belehrt das Menschengeschlecht durch unaufhörliche Zeichen und Prodigien der Naturelemente:
| 39 | (dare <s>igna ... natura iubetur.) |
| 40 | ne lateant mortale genus quaecumque propinquent, praemonet ante pius quam <mittat> tanta p e r i c l a, prodigiis signisque docens elementa fatigat3. |
Hier wird die Junktur poenamque minatur von 31 durch praemonet ... tanta pericla variiert4, dieses praemonere unmittelbar anschließend durch prodigiis signisque d o c e n s konkretisiert. Gott warnt also den Sünder durch bedrohliche Zeichen und Prodigia in Natur und Kosmos. Der folgende Abschnitt 1,43–81 veranschaulicht dies durch einen langen Prodigienkatalog5, der durch eine Reihe von Fragen nach der Ursache solcher Prodigia und ersten, vorläufigen Antwortversuchen eingeleitet wird. Dabei erscheint in 56 (uentura monet per tot p r a e - s a g i a) wieder ein Synonym zu dem praemonet von 416.
Die systematische Begründung der mantischen Funktion solcher Naturprodigien wird im Anschluß an den Katalog gegeben: Die untrüglich zuverlässige Naturordnung wahrt ihre Treue zum Menschen, der Teil der großen Weltfamilie ist, dadurch, daß sie ihm aufgrund des Erbarmens des gemeinsamen Vaters – durch Zeichen das Kommende offenbarend – anteilig Kenntnis gibt von dem, was sich ereignen und die Welt bedrohen wird. Auf diese Weise bleibt dem Menschen die Möglichkeit, falls sich Schlimmes ankündigt, durch Gebete Gott, den ewig waltenden Herrn der Weltordnung und des Himmels, zu besänftigen:
| 82 | nescia mentiri rerum cognata fidelis conseruat natura fidem pietate parentis participans, quaecumque forent mundoque minentur, |
| 85 | ostentis uentura monens, ut pectore laeto, si bona sunt uentura, bonis nos ante fruamur, |
| si mala portendant, liceat placare precando naturae caelique Deum post saecla manentem7. |
Diesmal lauten die Begriffe, die vor künftigem Unheil warnen sollen: minentur (84), ostentis ... monens (85), portendant (87).
Ein solches minari und (prae)monere ist Ausdruck der Liebe Gottes, der nicht den strafenden Schlag führen möchte, sondern lieber (durch Zeichen) schreckt: Bei ihm geht nachsichtige Vergebung (indulgentia) der Strafe voraus, so daß die Schuldigen von keinen Züchtigungen getroffen werden:
| 89 | nemo f e r i r e uolens se praemonet ante cauendum, |
| 90 | sed qui terret, amat; sic indulgentia p o e n a m praeuenit et nullos capiunt t o r m e n t a reatus8. |
Diese grundsätzliche Haltung wird anschließend differenziert:
1. Der Allmächtige verwehrt niemandem Verzeihung, der ihn darum bittet, (..., s.u.) und trifft niemanden mit Strafe, wenn dieser nicht böswillig verharrt in dem Makel der Sünde. Ja, auch der strafende Gott handelt (in solchen Fällen)9 noch verhalten, er mäßigt die Wucht der Schläge, sucht den Irrenden zu bessern, bestraft ihn nicht unmittelbar gleich mit dem Tod, wenn der Frevler nicht allzu lange an seinem sündigen Tun festhält. Wenn aber der Mensch in seiner Sündhaftigkeit verharrt und ständig dem Pfad des Vergehens folgt, wird er durch die ihn treffende Strafe das zornige Wüten (Gottes) zu spüren bekommen:
| 92 | Non negat Omnipotens ueniam cuicumque roganti, s u p p l i c i u m cum saepe uetet, licet inde minetur omnibus, et nullum f e r i a t censura Tonantis, |
| 95 | ni uitium peccantis agat perstando maligne, et quemcumque f e r i t moderanter temperat i c t u s: corrigit errantem, non p u n i t morte repente , si peccare diu parcat quicumque profanus. |
| sed cum perstat homo semper delicta sequendo, |
| 100 | sentiet iratum p o e n a plectente furorem10. |
Vers 93 wurde in der Paraphrase übergangen, weil der Text strittig ist: Die jüngeren Herausgeber (und zuletzt NOSARTI 312, s. Anm. 15) drucken BÜCHELERs uetet (nitet B: uitet M2: neget AREVALO), obwohl weder IRWIN erklärt, wie seine Übersetzung „for He often f o r b i d s punishment, although with it He may threaten all“ zu verstehen sein soll, noch CAMUS die ihre („il s’ o p p o s e souvent au supplice, même s’il en menace tous les hommes“) erläu...