Tohuwabohu
  1. 347 Seiten
  2. German
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eBook - ePub

Über dieses Buch

This book-series, initiated in 1992, has an interdisciplinary orientation; it is published in English and German and comprises research monographs, collections of essays and editions of source texts dealing with German-Jewish literary and cultural history, in particular from the period covering the 18th to 20th centuries.

The closer definition of the term German-Jewish applied to literature and culture is an integral part of its historical development. Primarily, the decisive factor is that from the middle of the 18th century German gradually became the language of choice for Jews, and Jewish authors started writing in German, rather than Yiddish or Hebrew, even when they were articulating Jewish themes. This process is directly connected an historical change in mentality and social factors which led to a gradual opening towards a non-Jewish environment, which in its turn was becoming more open. In the Enlightenment, German society becomes the standard of reference – initially for an intellectual elite. Against this background, the term German-Jewish literature refers to the literary work of Jewish authors writing in German to the extent that explicit or implicit Jewish themes, motifs, modes of thought or models can be identified in them.
From the beginning of the 19th century at the latest, however, the image of Jews in the work of non-Jewish writers, determined mainly by anti-Semitism, becomes a factor in German-Jewish literature. There is a tension between Jewish writers’ authentic reference to Jewish traditions or existence and the anti-Semitic marking and discrimination against everything Jewish which determines the overall development of the history of German-Jewish literature and culture. This series provides an appropriate forum for research into the whole problematic area.

Häufig gestellte Fragen

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Text

Sammy Gronemann: Tohuwabohu

MEINER FRAU

Goethe in Borytschew 58

I

Berl Weinstein hatte sich wieder einmal taufen lassen, und diesmal mit besonderem Erfolg. Alles in allem hatte er dabei wohl an die 800 Mark erübrigt. Die Spesen waren diesmal ziemlich gering gewesen. Von Amsterdam aus, das auf seiner Tourlag, [5] hatte er den Abstecher nach London gemacht; er hatte fast drei Wochen dazu verwendet, das Inkasso auf Konto Wohltätigkeit in allen jüdischen Vierteln zu erledigen und sich erst dann bei dem großen Meeting der Missionsgesellschaft in Whitechapel59 gezeigt; er hatte eine Reihe von Arbeitern im Weinberge des Herrn auf lange hinaus innerlich beglückt, — er hatte einem hitzköpfigen, sehr starken [10] Tee und sehr wässerige Reden bietenden jungen Geistlichen den Triumph seines ersten Bekehrungserfolges verschafft, — er hatte, ein Bild ernster Rührung und friedvoller Selbsteinkehr, in der kleinen Kapelle der Gesellschaft den Taufakt über sich ergehen lassen, — er hatte demütig, doch mit dem Ausdruck innerer Entschlossenheit, offensichtlich unfähig, den Gefühlen, die ihn erfüllten, Worte [15] zu verleihen, seinen Gönnern und Paten die Hand gepreßt, in ihnen das beglückende Gefühl erweckend, daß sein künftiges, dein Himmel geweihtes Leben von dem Bewußtsein unauslöschlicher Dankbarkeit und unabtragbarer Schuld erfüllt und bedrückt sein würde, — er hatte eine herrliche, reichlich mit Bibelzitaten geschmückte Missionsschrift in klassischem Hebräisch verfaßt, von der Reverend [20] Hickler für sich dauernden Autorenruhm und für die Sache des Herrn großen Erfolg erhoffte, — kurz: er hatte eine Menge Menschen glücklich gemacht, eine Atmosphäre von Vertrauen und Menschenfreundlichkeit um sich verbreitet und dabei etwa 800 Mark verdient; er konnte nach jeder Richtung mit sich zufrieden sein und er nahm sich vor, am nächsten Sabbat im Tempel für die Armen in Palästina [25] eine gehörige Spende zu geloben. —
Berl Weinstein pflegte sich jedesmal taufen zu lassen, wenn er eine Tochter auszusteuern hatte. Diesmal war Chane dran, — die vierte und jüngste. Es hatte sich eine wirklich gute Partie geboten: Jossel Schlenker, — der Sohn von Moische Schlenker, dem Schreiber, galt als besondere Leuchte talmudischer Gelehrsamkeit,— [30] ein frommer „feiner“ junger Mann, dessen Ruhm weit über die Grenzen seiner Synagoge sich durch ganz Borytschew erstreckte; trotz seines etwas dunklen Stammbaumes hätte er leicht einen wohlhabenden Schwiegervater finden können, der ihn „auf Kost“ zu sich genommen hätte, damit er von Nahrungssorgen frei seinen Studien leben konnte, zu Ehren des Hauses Israel im allgemeinen und des schwiegerväterlichen Hauses im besonderen. Es ging die [5] dunkle Rede, daß Kleinmann selbst, — der reiche Kleinmann von den Kleinmanns aus Kiew, — Rosenfeld, den Schadchen, zu Moische Schlenker geschickt habe, — aber Jossel lehnte alle Partien ab. Heiraten wollte er schon, — welcher fromme jüdische junge Mann will nicht dieses Hauptgebot der Thora erfüllen? — aber ihm war es nicht nur um die Erfüllung des Gebotes im allgemeinen zu tun: höchst [10] seltsamer Weise legte er ein besonderes Gewicht darauf, mit einem ganz bestimmten Mädchen unter den Trauhimmel zu treten, — nämlich mit Chane, der vierten Tochter von Berl Weinstein. — Es war eine seltsame Sache, aber da war nichts zu machen. Moische Schlenker lief verzweifelt herum, — er bat und drohte, er betete und schwur, — es half alles nichts; Jossel wurde älter und älter, — es war eine [15] Schande: er war schon fast zweiundzwanzig Jahre und noch nicht verheiratet. Da gab schließlich Moische Schlenker nach, — Rosenfeld ging zu Weinstein, — der Verlobungskontrakt wurde unterzeichnet und Berl Weinstein ging auf Reisen, um die Mitgift zusammenzubringen.
So hängt alles im Leben zusammen; hätte damals an jenem Sabbat-Nachmit-[20] tag Jossel Schlenker nicht zufällig draußen auf dem äußersten Boulevard auf der letzten Bank Chane getroffen, wie sie in ein Buch vertieft war, und hätte er nicht seine Scheu bekämpft, um des heiligen Zweckes willen, nämlich, um das junge Mädchen darauf aufmerksam zu machen, daß sie, jedenfalls aus Fahrlässigkeit, ein heiliges Gebot verletze, indem sie auf dieser Bank am Sabbat ein Buch in den [25] Händen hatte, obwohl die Sabbatgrenze ein paar Schritte vor jener Bank endete, so daß also bis zu dieser Bank und also auch dorthin, wo sie saß, nichts getragen werden dürfe, auch nicht ein Buch,60 — so hätte Jossel vielleicht nie die nähere Bekanntschaft Chanes gemacht, — hätte Moische Schlenker nicht nötig gehabt, zu bitten und zu schwören, — noch dazu umsonst, — wäre nie der Verlobungsbrief [30] geschrieben, — hätte Berl Weinstein vielleicht nie jene Mitgiftreise antreten müssen und wäre vielleicht Reverend Hickler nie zu jenem Ruf als Missionar und hebräischer Autor gelangt, der ihm später die Berufung nach Amerika einbrachte. Dabei ist noch gar nicht in Rechnung gestellt, welche Änderungen in der Entwickelung der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen und der Borytschewer [35] Gemeinde im besonderen daraus hätten resultieren können, wenn Chanes gesetzwidrige Lektüre auf der Bank jenseits der Sabbatgrenze nicht die Verbindung der Häuser Schlenker und Kleinmann zerstört hätte. — Und dem Landgerichtsdirektor61 Lehnsen in Berlin wäre künftig viel Verdruß erspart geblieben.
So aber hatte Jossel Schlenker aus dem Gefühl heraus, das bedrohte Gesetz schützen zu müssen, — vielleicht auch in der dunkelen Furcht, ein minder wohlwollender [5] Gesetzesschützer könne Chane in ihrem ungehörigen Tun beobachten und ihr Unannehmlichkeiten bereiten, — sich zu jener Ansprache aufgerafft. Chane hatte ruhig und etwas spöttisch lächelnd den errötenden und ziemlich verwirrten Jossel angeblickt, — zugegeben, daß sie sich der Gesetzesübertretung schuldig gemacht habe, — freundlich für den aufmerksamen Hinweis gedankt [10] und nach kurzem Besinnen, gerade als Jossel ungeschickte Versuche machte, seinen Rückzug anzutreten, gefragt, was sie nun eigentlich machen solle, nachdem das Unheil einmal geschehen sei. Sie kenne nicht die Vorschriften, setzte sie unschuldig hinzu, er aber solle doch so gelehrt sein und müsse wissen, was in solch besonderem Falle zu geschehen habe. Solle sie mit dem Buche sich [15] über die Grenze zurückziehen oder solle sie das Buch aus der Hand legen und auf der Bank liegen lassen? Oder was habe sonst zu geschehen?
Jossel fiel von einer Verlegenheit in die andere; alle scharfsinnigen Kontroversen über die Frage des Tragens am Sabbat gingen ihm durch den Kopf. Die reiche Kasuistik des Lehrhauses überwältigte seinen Verstand und lähmte die Raschheit [20] der Entscheidung. Das eigentliche Vergehen bestand ja gerade in dem Transport der Last, — hier des kleinen Heftchens, — aus dem durch die Sabbatgrenze abgezäunten Gebiete — der Zaun war hier ein hochgespannter, kaum sichtbarer Draht — in das freie Land jenseits des Drahtes; ein Rücktransport wäre nun eine Wiederholung des Vergehens, — somit ein neues Vergehen gewesen. Das ging also [25] nicht an. Das Buch auf der Bank liegen lassen, — das ging auch nicht. Denn eine Last, welchen Umfanges auch immer, dort draußen niedersetzen, das wäre erst recht ein Verstoß gegen die Lehre gewesen, — während doch das Tragen an sich, solange eben noch kein Niedersetzen der Last erfolgt und solange die Grenze nicht überschritten wird, nur eine zwar von vornherein verbotene aber doch nicht als [30] eigentliches Vergehen, als Sünde bezeichnete Sache ist, — vorausgesetzt freilich, daß der Träger mit seiner Last sich nicht mehr als vier Schritte von seinem Platze entfernt. — Also was war da zu tun? Chane folgte ruhig ohne Unterbrechung, als Jossel ihr etwas umständlich diese Konflikte auseinandersetzte; nie war ihm ein Vortrag, und sei er über die schwierigste Talmudfrage, so schwer gefallen. Der [35] Umstand, daß er noch niemals mit einem fremden jungen Mädchen sich unterhalten hatte, — die Notwendigkeit, für die im Lehrhaus allgemein gebräuchlichen Fachausdrücke gemeinverständliche Worte zu finden, — die peinliche Furcht, ein Studiengenosse könne ihn bei diesem seltsamen Lehrvortrag überraschen, — alles das machte ihn weidlich schwitzen. Und als er schließlich mit der Darlegung des gesamten Streitstoffes fertig war, fragte Chane ruhig, ob sie also nun bis [5] Sabbatausgang auf der Bank sitzen bleiben müsse, — eine Frage, die bewies, daß sie den Vortrag wohl aufgefaßt hatte, denn etwas anderes schien ja wirklich unter besagten Umständen kaum angängig. — Während aber Jossel betroffen schwieg und über den Fall nachdachte, näherte sich eine laute Gesellschaft, — das Buch verschwand in der Kleidertasche des sich erhebenden Mädchens, das zum Entsetzen [10] Jossels mit einem heiteren Sabbatgruß, offensichtlich ohne jeden Gewissensdruck, weiter in die Felder hinausschritt. — Jossel sah ihr lange recht unruhig nach, bis ihre helle Bluse hinter einem Gebüsch verschwand, und kehrte langsam und verwirrt heim, unter dem schweren Kaftan und der dicken Mütze noch mehr als sonst von Schweiß übergossen. —
[15] Jossel hätte ja nun eigentlich empört darüber sein müssen, daß Chane das strenge Arbeitsverbot des Sabbats derart verletzte, — daß sie, zuletzt doch offenbar mit vollem Bewußtsein, die Arbeit des Tragens außerhalb der Sabbatgrenze verrichtete, — statt dessen aber vertiefte er sich die Woche über in das Studium der angeregten Frage, und so traf es sich, daß er am nächsten Sabbat wohl ausgerüstet [20] mit Kenntnissen auf Chane zuschreiten konnte, die wieder mit ihrem Buch auf der verbotenen Bank saß. Aber je näher er kam, desto mehr dämmerte es ihm, daß hier doch ein beabsichtigtes Attentat auf die Lehre62 vorlag. Jetzt wußte sie doch, einmal durch ihn darauf aufmerksam gemacht, daß die Bank außerhalb der Grenze lag; da waren nun freilich alle die Argumente, die er im Laufe der Woche gesammelt [25] hatte, wenig am Platze. — So kam es, daß er nun in noch größerer Verwirrung als bei der ersten Begegnung vor Chane stand, aber als sie ihn mit spöttischem Lächeln fragend ansah, da faßte ihn der Eifer und er machte sich zornig daran, ihr klarzumachen, welche Sünde sie in ihrem Leichtsinn begehe und wie sie Unheil über sich und ganz Israel bringe. — Sie hörte verdrossen und anscheinend etwas [30] gelangweilt zu, — dann machte sie erst einen Einwurf, tat eine Frage, und es entwickelte sich eine lebhafte Debatte, in der er, wie er sich nachher gestehen mußte, nicht zum Besten abschnitt; sollte er doch plötzlich und zum ersten Male im Leben Dinge begründen, die ihm stets als Selbstverständlichkeiten, als Natursätze, die einer Begründung überhaupt nicht bedürfen, erschienen waren. —
Unvermittelt fragte auf einmal Chane, ob er das Buch kenne, das sie lese, und hielt es ihm vor die Nase. Er näherte vorsichtig seine Augen, — denn selbst konnte er ja die Last nicht aufnehmen, — und las „Faust“ und „Reclams-Universal-Bibliothek“. — Er ver...

Inhaltsverzeichnis

  1. Cover
  2. Titelseite
  3. Impressum
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. Einleitung
  6. Editorische Hinweise
  7. Danksagungen
  8. Text
  9. Anhang