Das »Unternehmen Barbarossa«, der Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941, gilt in der Geschichtsschreibung als die letzte Phase von Hitlers Stufenplan zur Eroberung von »Lebensraum im Osten«.
Der renommierte Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller bestreitet in seinem neuesten Buch diese Sichtweise. Auf Grundlage von bislang weithin unbeachteten Quellen kann er zeigen, dass Hitler sich seit seinem Machtantritt 1933 immer wieder mit der Möglichkeit eines baldigen Interventionskriegs gegen die UdSSR beschäftigt hat. Dafür setzten er und die Wehrmacht zunächst auf Verhandlungen mit Polen und zogen auch früh eine Allianz mit Japan in Erwägung. Noch im September 1939, nach dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, war ein unmittelbarer militärischer Zusammenprall mit der Roten Armee möglich. Die Wehrmacht scheute ihn nicht.
Der Blick auf die Vorgeschichte zeigt: Es gab weder einen festgelegten Stufenplan für die Ostexpansion, noch war das »Unternehmen Barbarossa« ein Präventivkrieg, wie manche Publizisten meinen.

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Der Feind steht im Osten
Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939
- 296 Seiten
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Der Feind steht im Osten
Hitlers geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939
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Zweiter WeltkriegVom Hitler-Stalin-Pakt zum »Unternehmen Barbarossa«

Das Auswärtige Amt in Berlin versuchte sofort, die überraschenden Signale Stalins auf ihre Glaubwürdigkeit zu testen. Im Rahmen der doppelgleisigen Verhandlungen, die Moskau im Sommer 1939 einerseits mit den Westmächten über Militärfragen, andererseits mit dem Reich über Handelsfragen führte, boten die deutschen Diplomaten eine Teilung Polens an, um eine Wiederaufnahme der Wirtschaftsgespräche zu erreichen. Als Moskau zusätzliche Ansprüche auf die baltischen Staaten und Finnland erkennen ließ, zögerte Hitler Ende Juni. Kam es zum Krieg gegen Polen, würde sich die Besetzung des östlichen Teils durch die Rote Armee für die Wehrmacht strategisch nicht weiter nachteilig auswirken. Die Ausweitung der territorialen Ansprüche Stalins hingegen war geeignet, einen späteren deutschen Angriff zu erschweren.
Als sich die UdSSR Ende Juli 1939 mit den Westmächten über einen Beistandspakt verständigte, sah sich Hitler zum Handeln gezwungen. Auf seine Anweisung hin sorgte das Auswärtige Amt zunächst für den Abschluss eines deutsch-sowjetischen Kreditabkommens. Mit dem Vertrag vom 19. August verpflichtete sich die Sowjetunion, in den folgenden zwei Jahren kriegswichtige Rohstoffe an das Reich im Austausch gegen Industriegüter zu liefern. Ob der Wirtschaftsaustausch tatsächlich funktionieren würde, blieb aus Hitlers Sicht nebensächlich. Die bloße Perspektive war schon geeignet, die Besorgnisse in deutschen Führungskreisen über die Wirtschaftslage im Kriegsfall zu zerstreuen. Zugleich mussten die Westmächte damit rechnen, dass im Falle eines militärischen Eingreifens zugunsten Polens die geplante Blockade gegen das Reich unwirksam sein würde, was sie nach Hitlers Kalkül dazu veranlassen könnte, auf den Kriegsentschluss zu verzichten.
Für das Kreditabkommen wollte Stalin weitergehende territoriale deutsche Zusicherungen. So flog Ribbentrop am 23. August nach Moskau und unterzeichnete einen deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der den französisch-britisch-sowjetischen Militärpakt hinfällig machte. Die UdSSR nahm damit gegenüber dem deutschen Aufmarsch gegen Polen eine vordergründig neutrale Haltung ein. Für Hitler hätte das ausgereicht, um den Überfall beginnen zu können. Aber Stalin beharrte auf einem geheimen Zusatzabkommen, dessen Existenz die sowjetische Geschichtsschreibung mehr als fünf Jahrzehnte lang geleugnet hat. Dieses erste Abkommen legte »Interessensphären« in Ostmitteleuropa fest. Sie umfassten mehr als die Aufteilung Polens, in dem es, ohne Einzelheiten festzulegen, einen sowjetischen Zugriff auf Finnland, Estland, Lettland und Bessarabien ermöglichte, was in etwa der alten Grenze Russlands von 1914 entsprach. Litauen kam erst in einem zweiten Zusatzabkommen vom 28. September zum Einflussbereich der UdSSR.
Bis zu der entsprechenden sowjetischen Forderung im August 1939 hatte es kein Anzeichen dafür gegeben, dass Hitler bereit gewesen wäre, auf Ostpolen, Finnland und das Baltikum zu verzichten. Um noch rechtzeitig den Propagandacoup eines scheinbaren deutsch-sowjetischen Einvernehmens zu starten, hatte er seinem Außenminister die Vollmacht erteilt, jeden gewünschten Preis zu bezahlen, Hauptsache der Nichtangriffsvertrag trat mit sofortiger Wirkung in Kraft. Alles andere war nebensächlich. Eine Teilung Polens nach historischem Vorbild wäre aus Hitlers Sicht ohnehin nur von kurzer Dauer.
Spricht Hitlers Bereitschaft, sich mit Stalin über eine Aufteilung Osteuropas zu verständigen, tatsächlich dafür, dass er 1939 seine aggressiven Absichten gegenüber der Sowjetunion vorerst zurückgestellt hat und nach dem Sieg über die polnische Armee unbedingt die Westmächte angreifen wollte? In seiner Ansprache vor den militärischen Führern am 22. August 1939, einem weiteren Schlüsseldokument zur Auslösung des Zweiten Weltkriegs, ging es ihm vor allem darum, die Generale und Admirale in der großen Halle des Berghofes davon zu überzeugen, dass jetzt durch den Pakt mit Stalin die Gefahr eines Zweifrontenkrieges vermieden werde. Er vertraute auf die Schockwirkung gegenüber den Westmächten und Polen, um sein Ziel einer isolierten Niederwerfung Polens doch noch erreichen zu können.
Der Nichtangriffsvertrag sicherte ihm zumindest auf dem Papier zu, dass die Rote Armee Polen bei einem deutschen Angriff nicht unterstützen würde. Der größte Vorteil lag im Moment darin, dass die militärischen Verhandlungen Moskaus mit den Briten und Franzosen damit endgültig begraben waren. Polens militärische Lage schien nun hoffnungslos, es sei denn, die Westmächte wären zu einer raschen Gegenoffensive im Westen bereit. Um dieser Gefahr zu begegnen, hatte die Wehrmacht hinter dem Westwall einen Teil ihrer weniger kampfkräftigen Divisionen aufmarschieren lassen. Aber das war nur eine Rückversicherung. An eine ernsthafte Gefahr aus dem Westen dachte zunächst niemand.
»Alles was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet.«
Den befehlsgemäß in Zivilkleidung erschienenen Oberbefehlshabern der Wehrmachtteile sowie den wichtigsten Befehlshabern der Heeresgruppen und Armeen wollte Hitler am 22. August 1939 vor allem seine Entschlossenheit zum Angriff demonstrieren. Einzuräumen, dass er sich in seinen Plänen gegenüber der UdSSR und in diesem Zusammenhang auch in seiner Einschätzung der Haltung Polens getäuscht hatte, wäre ein schlechter psychologischer Einstieg in die bisher wichtigste interne Besprechung als Reichskanzler gewesen. Das hätte vielleicht Widerspruch ermutigen können, den er um keinen Preis gebrauchen konnte. Hitler sprach im Stehen mit lockerer Haltung, den rechten Arm auf einen Konzertflügel gestützt, rund 90 Minuten. Nach einem gemeinsamen Mittagessen folgte noch einmal eine Ansprache, nun hauptsächlich zum militärischen Vorgehen gegen Polen.
Die dokumentarische Überlieferung auch dieser Ansprache ist nicht unproblematisch.2 Sie enthält zunächst eine widersprüchliche Darlegung seiner Entscheidung, sich gegen Polen zu wenden.
Hitler in seiner Ansprache an die Oberbefehlshaber am 22. August 1939:
»Ich fasste den Entschluss bereits im Frühjahr, dachte aber, dass ich mich zunächst in einigen Jahren [!] gegen den Westen wenden würde und dann erst gegen den Osten. Aber die Zeitfolge lässt sich nicht festlegen. Man darf auch vor bedrohlichen Lagen nicht die Augen schließen. Ich wollte zunächst mit Polen ein tragbares Verhältnis herstellen, um zunächst gegen den Westen zu kämpfen. Dieser mir sympathische Plan war aber nicht durchführbar, da sich Wesentliches geändert hatte. Es wurde mir klar, dass bei einer Auseinandersetzung mit dem Westen Polen uns angreifen würde. Polen strebt den Zugang zum Meer an. Nach der Besetzung des Memelgebietes zeigte sich die weitere Entwicklung, und es wurde mir klar, dass u. U. eine Auseinandersetzung mit Polen zu einem ungünstigen Zeitpunkt kommen könnte.«3
Diente Hitlers Bemühen um Polen tatsächlich nur dazu, einen Krieg gegen die Westmächte zu ermöglichen? Höchst unwahrscheinlich, denn die Wehrmacht führte einen Deckungsaufmarsch durch, hatte aber keinen offensiven Kriegsplan gegen die Westmächte erarbeitet. Es waren ihre Bautruppen, die sich im Einsatz befanden und fleißig am Westwall betonierten. Und im Übrigen wurden Vorbereitungen getroffen, die Bevölkerung aus den westlichen Grenzgebieten im großen Stile zu evakuieren, um den Kampf im eigenen Lande führen zu können. Ebenso unwahrscheinlich war die angebliche Gefahr, dass Polen ihm in den Rücken fallen könnte. Zehn Tage zuvor hatte Hitler gegenüber Carl J. Burckhardt, dem Völkerbundkommissar in Danzig, bei dessen Durchreise nach London auf dem Berghof ganz andere Erklärungen abgegeben.
Hitler zu Carl J. Burckhardt am 11. August 1939:
»Ich habe keinen Wunsch, zu herrschen. Vor allem will ich vom Westen nichts, heute nicht und nicht morgen. Ich wünsche nichts von den dichtbesiedelten Regionen der Welt. Hier suche ich nichts und ein für allemal: gar nichts. All die Ideen, die mir die Leute zuschreiben, sind Erfindungen. Aber ich muss freie Hand im Osten haben. […] Alles was ich unternehme, ist gegen Russland gerichtet; wenn der Westen zu dumm und zu blind ist, um dies zu begreifen, werde ich gezwungen sein, mich mit den Russen zu verständigen, den Westen zu schlagen und dann nach seiner Niederlage mich mit meinen versammelten Kräften gegen die Sowjetunion zu wenden.«4
Daraus folgte: Wenn der Westen stillhalten und Polen nachgeben würde, könnte die Wehrmacht auch gleich den eigentlichen Gegner, die Rote Armee, niederwerfen.5 Nur wenn ihm Großbritannien die »freie Hand im Osten« verweigerte und ihn an die Kette zu legen versuchte, wäre er gezwungen, im Westen loszuschlagen.
Wann und gegenüber wem sprach der Diktator mit ehrlichem Sinn? Hitlers Ansprache vor der militärischen Führungsspitze am 22. August war in Bezug auf Russland ebenfalls widersprüchlich. Einerseits verwies er auf Stalins Interesse an einer langfristigen Kooperation und auf dringend benötigte sowjetische Rohstofflieferungen, andererseits unterstellte er, dass Stalin keinen Krieg gegen Deutschland riskieren könne, weil es dann zu einem Zusammenbruch der UdSSR komme. Dann – fast in einem Atemzug – fügte er an, er werde mit Russland das Gleiche machen wie mit Polen. »Nach Stalins Tod, er ist ein schwerkranker Mann, zerbrechen wir die Sowjetunion. Dann dämmert die deutsche Erdherrschaft herauf.«6 Stalin hat Hitler bekanntlich acht Jahre überlebt, und der deutsche Diktator dachte auch gar nicht daran, mit dem geplanten Überfall allzu lange zu warten. Hitlers merkwürdige Spekulation über Stalins Tod ist zumindest ein Hinweis darauf, dass er die oben zitierte Denkschrift aus dem Amt Rosenberg zur Ostpolitik offenbar zur Kenntnis genommen hatte.
Nach einer anderen Aufzeichnung seiner Rede sagte er. »Ich war überzeugt, dass Stalin nie auf das englische Angebot eingehen würde. Russland hat kein Interesse an der Erhaltung Polens, und dann weiß Stalin, dass es mit seinem Regime zu Ende ist, einerlei, ob seine Soldaten siegreich oder geschlagen aus einem Krieg hervorgehen.«7 In diesem Satz enthüllt sich sein bisheriges antisowjetisches Programm, denn in welchem Krieg sollten Stalins Soldaten wohl geschlagen werden können, wenn nicht in einem Krieg mit der Wehrmacht? Außerdem zeigt sich seine Erwartung, dass ein bloßer Anstoß genügen würde, um das Sowjetregime zum Einsturz zu bringen – ein fataler Irrtum, der ein Jahr später in die Planung von »Barbarossa« einfließen und zum Scheitern von Hitlers Ostkrieg beitragen sollte.
Allem Anschein nach hielt es der »Führer« für klüger, die militärische Führungsspitze nicht damit zu beunruhigen, dass er eine Ausweitung des Ostkrieges im Sinne hatte. Jetzt lag ihm erst einmal daran, mit dem Verweis auf Stalins Neutralität und wirtschaftliche Unterstützung die Sorge der Militärs vor einem Zweifrontenkrieg zu besänftigen. Ansonsten schwadronierte er triumphierend über die Schwäche seiner Gegner, die es nicht wagen würden, Polen zu unterstützen. Auch die Sorge vor einem langen Blockadekrieg erklärte er für unbegründet. Mit besonderem Nachdruck forderte er eine schnelle Kriegsentscheidung gegen Polen durch rücksichtslose Vorstöße bis zur völligen Vernichtung des Feindes.
Manche seiner Äußerungen sind in diesem Zusammenhang als Hinweis auf seine rassenideologische Vernichtungsstrategie interpretiert worden. Doch Formulierungen wie »größte Härte« und »brutales Vorgehen« zielen bei genauer Betrachtung nicht auf die Zivilbevölkerung, sondern gegen das polnische Militär. Hier schien es ihm wohl wichtig zu sein, vor »Mitleid« zu warnen. Später, im Frühjahr 1941, fand er für die Rotarmisten die Formel »Keine Kameraden« – die Parole hätte 1939 auch auf die Polen gemünzt werden können. Im Zusammenhang mit der Frage nach einem möglichen Krieg gegen die Sowjetunion 1939 ist besonders wichtig, dass Hitler mehrfach davon sprach, es ginge nicht um das »Erreichen einer bestimmten Linie« und die militärischen Operationen sollten keine Rücksicht nehmen auf eine spätere Grenzziehung. Und im Hinblick auf die künftige Grenze zur UdSSR ist die Formulierung bemerkenswert, dass man an ein »Protektorat als Vorgelände« denken könne. Das hielt die polnische Option immerhin offen.
Als Ribbentrop einen Tag später nach Moskau flog, fiel die Verständigung mit der sowjetischen Seite auch deshalb leicht, weil neben dem Nichtangriffsvertrag die Forderungen Stalins noch sehr vage gehalten waren. Das geheime Zusatzprotokoll skizzierte lediglich eine »Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa«. Demnach fielen Finnland, Estland und Lettland sowie Bessarabien in den sowjetischen Bereich, was immer zu diesem Zeitpunkt unter »Interessensphäre« zu verstehen war. Litauen sollte in den deutschen Bereich fallen, einschließlich des Anspruchs auf das Wilna-Gebiet. Konkreter war die beabsichtigte Teilung Polens entlang der Flüsse San, Weichsel und Narew, was in etwa der sogenannten Curzon-Linie entsprach, die in Versailles festgelegt, von Polen aber nicht anerkannt worden war. Diese Verabredungen am 23. August 1939 blieben zunächst noch lose Absichtserklärungen und konnten später geändert werden.
Das Abkommen vom 23. August 1939 war also zunächst nicht mehr als ein »Stillhalteabkommen« (Klaus Hildebrand) zwischen beiden Parteien, ein Ergebnis der Zwangslage, in die sich Hitler mit seiner antipolnischen Wende hineinmanövriert und die Stalin geschickt für sich genutzt hatte. Gegenüber seinen Militärs stellte sich der »Führer« natürlich als überlegener Schachspieler dar, der in dem Nervenkrieg bereits gesiegt hatte. Nun seien die Soldaten am Zuge. Rosenberg als sein wichtigster ostpolitischer Berater zeigte sich nicht überzeugt und war enttäuscht. Es fehlte ihm zwar nicht am Verständnis dafür, dass »Übergänge« erforderlich sein konnten, um das Ziel einer Dekomposition Russlands zu erreichen. Drei Monate zuvor hatte er sich in einer langen Aussprache mit Göring im Hinblick auf den sich abzeichnenden Konflikt mit Polen darüber verständigt.8 Beide hatten sich seit 1935 für das Konzept einer antisowjetischen Interventionspolitik massiv eingesetzt und dafür auf die Zusammenarbeit mit Polen, England und Japan gesetzt. Wenn Polen jetzt ausfiel und die Haltung Japans undurchsichtig blieb, dann kam es umso mehr darauf an, England einzubinden.
Rosenberg fragte sich deshalb, ob man nicht statt der aus seiner Sicht peinlichen und riskanten Annäherung an Moskau besser die andere Lösung hätte verfolgen sollen, nämlich durch den ausdrücklichen Verzicht auf die ehemaligen deutschen Kolonien Großbritannien dafür zu gewinnen, Deutschland die Expansion nach Osten – entsprechend dem Plan von 1934 – zu ermöglichen.9 Göring und Rosenberg waren sich darin einig, dass Ribbentrop ein arroganter Dummkopf sei, dem es an nationalsozialistischer Prägung mangele und der mit seiner antibritischen Gesinnung auf den »Führer« einen unheilvollen Einfluss ausübe.
Rosenberg am 25. August 1939 über den Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags:
»Ich habe das Gefühl als ob sich dieser Moskau-Pakt irgendwann am Nationalsozialismus rächen wird. Das war nicht ein Schritt aus freiem Entschluss, sondern die Handlung einer Zwangslage, ein Bittgesuch seitens einer Revolution gegenüber dem Haupt einer anderen, die niederzukämpfen das vorgehaltene Ideal eines 20-jährigen Kampfes gewesen ist. Wie können wir noch von der Rettung und Gestaltung Europas sprechen, wenn wir den Zerstörer Europas um Hilfe bitten müssen? Wir können heute auch nicht offen sagen, durch ein Zusammengehen würden wir nach und nach in Russland eine Änderung herbeiführen, um dadurch wirklich an das russische Volk heranzukommen. Wenn wir zudem der Sowjet-Union das Territorium der poln. [ischen] Ukraine überlassen müssen, so ist das nach der Karpatho-Ukr.[aine] der zweite Schlag unsererseits gegen die stärkste antimoskowitische Kraft. Das mag sich auch jetzt noch nicht auswirken, wohl aber in späteren Zeiten. Aber da nun einmal ein entscheidender Entschluss gefasst worden war, so ergibt sich das, und noch manches andere, mit Konsequenz.
Und wieder entsteht die Frage: musste diese Situation kommen? Musste die polnische Frage jetzt gelöst werden und in dieser Form? Heute kann niemand darauf eine Antwort geben. Ich jedenfalls halte Ribbentrop für den Verbrecher Iswolsky, der auch aus gekränkter Eitelkeit die ›Gründe‹ zu seiner politischen Haltung schöpfte.«10
Am 22. August 1939, als Hitler auf dem Obersalzberg seine entscheidende Rede vor den Oberbefehlshabern hielt, traf in Berlin Oberst im Generalstab Eduard Wagner ein, der einige Monate lang das Artillerie-Regiment 10 in Regensburg kommandiert hatte. Es war die routinemäßige Truppenverwendung eines Generalstabsoffiziers, der seit 1936 als Abteilungschef im Generalstab des Heeres gearbeitet hatte. Im Bereich des Generalquartiermeisters war er in den vergangenen Jahren unter anderem für die planerischen Vorbereitungen zuständig gewesen, um im Falle einer Bedrohung der Ostgrenze die Bevölkerung in Ostpreußen und Schlesien zu evakuieren. Der Angriffsbefehl gegen Polen und der »Russenpakt« machten solche Vorbereitungen Ende August 1939 überflüssig. Wagner, der zu einer der Schlüsselfiguren des »Unternehmens Barbarossa« a...
Inhaltsverzeichnis
- Titel
- Titelseite
- Impressum
- Inhalt
- Einleitung
- Deutschland und die Nachbarn im Osten
- Ein Interventionskrieg gegen die Sowjetunion?
- Wende im deutsch-polnischen Verhältnis
- Vorbereitungen auf den Ostkrieg
- Vom Hitler-Stalin-Pakt zum »Unternehmen Barbarossa«
- Resümee
- Anhang
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