Wie die Zukunft der Demokratie in Zeiten von Big Data aussieht, sollte die Frage ablösen, wie wir Kontrolle über unsere persönlichen Daten gewinnen können; denn die Beantwortung könnte sich als wertlos erweisen, wenn das demokratische Leben durch automatisierte Informationsgewinnung zerstört wird, meint Evgeny Morozov in seinem Beitrag zu Kursbuch 177.

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Datenagenten in eigener Sache
Die Zukunft der Demokratie im Big-Data-Zeitalter
- 13 Seiten
- German
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BusinessEvgeny Morozov
Datenagenten in eigener Sache
Die Zukunft der Demokratie im Big-Data-Zeitalter
Was fangen wir nun an mit den Enthüllungen von Edward Snowden? Während die öffentliche Diskussion noch anhält – allerdings leider mit schon deutlich weniger Verve und Hoffnung –, ist von einer echten sozialen Bewegung mit eigenem Programm und Forderungen noch nichts zu erkennen. Doch selbst wenn es sie gäbe, mit welchem Programm würde sie antreten? Bislang sind die Alternativen nicht sehr verlockend: Die Hackerszene will mehr Verschlüsselung, um die Privatsphäre zu schützen, Bürgerrechtler fordern strengere Gesetze, Politiker möchten zwar die amerikanischen Spionageaktivitäten einschränken, aber am liebsten so, dass die diversen Versuche auf nationaler Ebene, genau das Gleiche wie die NSA zu tun, davon nicht berührt werden. Am liebsten würden die Politiker die Spionage weiter betreiben lassen, aber mit einer Technologie »made in Europe«: so viel zum europäischen Projekt.
Was Hacker, Rechtsanwälte und Politiker wohl eint, ist der Wunsch nach Wiederherstellung der »Autonomie« der Bürger/Nutzer. Worauf das genau hinausläuft, ist unklar, doch zumeist hat es mit dem Wunsch zu tun, Informationsflüsse besser kontrollieren zu können. Dies kann man – wieder einmal – entweder mit technischen Mitteln oder mit Gesetzen erreichen. Anstatt also die Entscheidung, was mit unseren Daten passiert, den Launen von Technologieunternehmen zu überlassen oder, schlimmer noch, den Spionen der NSA, wollen wir, dass die Bürger volle Kontrolle über jede Bewegung und Veränderung all ihrer je generierten Daten bekommen: Nur dann könnten wir wirklich von echter informationeller Selbstbestimmung sprechen. Folglich, so die hoffnungsfrohe Logik, brauchen wir die Bürger nur mit wirksamen und einfach zu handhabenden Techniken auszustatten. Dann können sie nach Lust und Laune mit ihren Daten verfahren, und wir brauchen uns nicht weiter zu sorgen. Beim »Autonomie-Projekt« geht es deshalb vor allem um maximale Kontrolle der eigenen Daten. Kontrolle als solche wird zum Kern politischer Forderungen. Wir sind also aufgefordert, gegen die zunehmende Kontrolle von Unternehmen und Regierungen mit größerer Selbstkontrolle anzugehen.
Was aber bringt dieser Fetisch Kontrolle? Und überhaupt: Wenn wir nur davon reden, wie wir die Informationsflüsse perfekt zu meistern vermögen, vermeiden wir es dann nicht, die wirklich wichtigen Triebfedern des heutigen Datenaustauschs zu hinterfragen? Indem wir die Datennutzung ausklammern – was deshalb so schwer ist, weil diese Nutzung sich im gleichen ökonomischen und kulturellen Rahmen bewegt wie unser normales Leben auch –, laufen wir Gefahr, die schwierige und theoretisch komplexe Beziehung von Datenzirkulation im kommerziellen Bereich, in der Verwaltung und den sie begleitenden Veränderungen in den unterschiedlichen Institutionen der derzeitigen Demokratie aus dem Blick zu verlieren.
Um zu verstehen, »wozu« Daten verwendet werden, braucht es eine tragfähige Theorie sowohl des modernen Kapitalismus als auch des modernen Staates. Doch genau auf dieser Ebene zeigen die Rufe nach einer radikalen Veränderung unserer Kommunikationsinfrastruktur einen fast schon peinlichen Grad an Kurzsichtigkeit und Naivität. Bedauerlicherweise sind Hacktivisten keine Gesellschaftstheoretiker, aber sie sollten es sein, denn die Zukunft unserer demokratischen Institutionen könnte schon bald in ihren Händen liegen. Deshalb wollen wir den Wandel der politischen Öffentlichkeit und den wirtschaftlichen Wandel getrennt voneinander betrachten.
Der dateninduzierte Wandel des modernen Kapitalismus steht noch zu sehr am Anfang, als dass es schon nennenswerte theoretische Überlegungen oder Untersuchungen dazu gäbe. Viele der von Firmen gesammelten Daten dienen dazu, ihre Geschäftsmodelle durch Vorhersagen zu optimieren. Die Datenauswertung kann helfen, Werbung effizienter zu machen, Kreditwürdigkeit zu prüfen oder Versicherungspolicen preislich so zu gestalten, dass sie dem eigenen Risikoprofil entsprechen. »Smart objects«, also Dinge mit Screens, Internetzugang und interaktiven Elementen, machen auch neue Kunden(kredit)finanzierung möglich, zumal dann, wenn sie besonders billig abgegeben werden oder sogar kostenlos, unter der Prämisse, dass sie sich durch die nutzungsbedingte Datengenerierung amortisieren.
Wer auch immer in der Lage sein wird, alle unsere Datenströme in einer riesigen Datenbank zu integrieren – Daten, die von unseren Autos, Küchen, Telefonen, Computerbrillen oder Browsern stammen –, hat künftig die optimale Position, unsere Zukunft vorherzusagen. Die Implikationen mögen trivial sein – das zeigt die kürzlich von Amazon zum Patent angemeldete Technologie des »anticipatory shipping«. Diese versucht durch die genaue Analyse individuellen Kaufverhaltens Produkte zu versenden, noch bevor sie von den Kunden überhaupt bestellt wurden. Aber nicht alle Auswirkungen werden so harmlos sein (vorausgesetzt man betrachtet eine Rund-um-die-Uhr-Konsumorgie, wie sie durch »anticipatory shipping« möglich wird, zunächst einmal als »harmlos«!). Zum Beispiel sitzen Google und Facebook, die großen Antreiber der Entwicklung, auf so vielen Nutzerdaten – sie wissen um unser Risiko, einen Unfall zu erleiden oder eine Rechnung nicht bezahlen zu können –, dass sie ohne Weiteres in äußerst lukrative und datenintensive Geschäftsfelder überwechseln könnten, etwa Versicherungen, das Bank- oder Gesundheitswesen, wobei sie ganz neue Normierungs- und Kontrollprogramme in immer mehr Bereiche des Alltagslebens einführen würden, um sp...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Verlag
- Evgeny Morozov
- Über den Autor
- Impressum
Häufig gestellte Fragen
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