Arbeiten mit Träumen in der Analytischen Psychologie
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Arbeiten mit Träumen in der Analytischen Psychologie

Konstantin Rößler, Ralf T. Vogel

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  1. 169 pagine
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Arbeiten mit Träumen in der Analytischen Psychologie

Konstantin Rößler, Ralf T. Vogel

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In der Praxis der Analytischen Psychologie nimmt die Arbeit mit Träumen einen zentralen Platz ein. Sie kann darum auch einen ganz besonders reichen Erfahrungsschatz anbieten. Das vorliegende Buch verknüpft die traditionellen Wurzeln C. G. Jungs mit den heutigen Weiterentwicklungen der Analytischen Psychologie und führt in die historischen Hintergründe, therapeutischen Modelle und die aktuelle Forschung ein. Gleichzeitig bietet es eine umfangreiche Anleitung für die therapeutische Arbeit anhand zahlreicher Traumbeispiele. Diese werden analog zur Situation im Behandlungszimmer ungekürzt vorgestellt, sodass die Lesenden unmittelbar in den Prozess eintauchen können, um den Umgang mit Träumen einzuüben oder zu vertiefen.

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Informazioni

Anno
2021
ISBN
9783170366060
Edizione
1
Argomento
Psicologia

II Die Praxis der Arbeit mit Träumen in der Analytischen Psychologie

1 Eine Gebrauchsanweisung

In den folgenden Kapiteln wird die praktische Arbeit mit Träumen entlang der Konzepte der Analytischen Psychologie vorgestellt. Die Struktur folgt derjenigen, die sich in Seminaren zum therapeutischen Umgang mit Traumberichten bewährt hat. Zu Beginn eines jeden Abschnitts wird zunächst in den theoretischen Hintergrund eingeführt, der den jeweiligen Rahmen für den Zugang zum Traumbeispiel bildet. Wer mit den grundlegenden Ideen der Analytischen Psychologie bereits vertraut ist, kann diesen Teil gegebenenfalls überspringen. Es folgt ein Traumtext, der anschließend auf Basis des jeweiligen Konzepts, z. B. der Komplextheorie, der Übertragung und Gegenübertragung oder der Subjekt-Objekt-Stufe besprochen wird. In diesem Teil erfolgen die Einbettung in die Theorie der Analytischen Psychologie und die Berücksichtigung der aktuellen Bewusstseinslage der Träumenden, ohne die ein Verständnis und eine Einordnung der Traumtexte nur sehr begrenzt möglich ist. Anhand von kurzen Fallvignetten, Informationen zum biographischen Hintergrund und zum jeweils aktuellen Stand der Behandlung wird dabei gezeigt, wie die Träume innerhalb des therapeutischen Prozesses nutzbar gemacht werden können.
Wer sich im Umgang mit Träumen üben möchte, dem ist folgendes Vorgehen zu empfehlen: nach der jeweiligen Einführung in einem ersten Schritt zunächst die Traumtexte aufmerksam lesen und darauf achten, welche Stellen besonders berühren und eine Resonanz hervorrufen, eigene Emotionen oder innere Bilder erwecken, Körpersensationen bewirken, Einfälle, Gedanken, Assoziationen oder Amplifikationen mit sich bringen, die sich beim Lesen einstellen. In der nächsten Stufe ist es sinnvoll, sich in einer eigenen ersten Deutung dem anzunähern, worum es hier gehen könnte, ohne gleich im Kommentar zum Traum weiterzulesen. Anschließend kann es hilfreich sein, den Traumtext noch ein zweites Mal zu lesen und nun darauf zu achten, wo sich die eigenen Resonanzen verstärken oder aber ändern. So lassen sich die ersten Einfälle noch einmal korrigieren, relativieren oder bestätigen. Auf diese Weise ist es möglich, den Vorgang einer Arbeit mit Träumen, wie er sich im therapeutischen Prozess konstelliert, schrittweise, sozusagen in Zeitlupe, bewusst zu machen. Ohne die Notwendigkeit, gleich in der unmittelbaren Beziehung reagieren zu müssen, können so diese drei Schritte eingeübt werden: erstens die Wahrnehmung der vielfältigen eigenen Resonanzen auf den unterschiedlichsten Ebenen, zweitens der Vorgang, diese Resonanzen mit dem Traumbericht zu verbinden, und drittens eine erste Annäherung an ein Verständnis zu versuchen. Gerade bei diesem dritten Schritt ist es wichtig, ihn mit einer Haltung zu vollziehen, die sich der Vorläufigkeit der Deutung bewusst und bereit ist, diese wieder aufzugeben, wenn sich in der folgenden Besprechung ein anderer Weg ergibt.
In der therapeutischen Situation selbst kann es aber zugleich auch sein, dass das eigene Verständnis sehr wohl den Kern der Thematik trifft, das Gegenüber aber nicht in der Lage ist, diesen Zugang zu sehen. Dann gilt es, genau diese Spannung auszuhalten. Oft ist es dann die therapeutische Aufgabe, eine Erkenntnis im Bewusstsein zu bewahren, auch wenn die Zeit noch nicht reif dafür ist. Die unbewussten Impulse des Traums können sehr wohl nur in einem Teil des therapeutischen Paars eine Erkenntnis auf bewusster Ebene erzeugen, für die der andere noch nicht bereit ist. Auf therapeutischer Seite ist dann die Ungewissheit zu ertragen, ob es sich um eine zutreffende Erkenntnis handelt, die sich aus dem Traum speist, oder aber ob eigene Resonanzen den individuellen Zugang der Träumenden überlagern.
Außerdem kann uns ein Traumbericht aber auch völlig verwirrt oder verständnislos zurücklassen. Erfahrungsgemäß ist es dann am sinnvollsten, das einzugestehen und sich gemeinsam auf den Weg zu machen, ein Verständnis zu entwickeln, was dann überraschend oft gelingt. Nicht selten werden unverständliche Träume erst nach langer Zeit im therapeutischen Prozess zugänglich und es zeigt sich erst mit Abstand, was gemeint war. C. G. Jung selbst weist darauf hin, dass ihm eigene Träume oftmals erst nach Jahren verständlich wurden. Manchmal bleiben sie trotz aller Bemühungen verschlossen und fremd. Dann scheint es am angemessensten, das als eine Lektion in Bescheidenheit zu akzeptieren und anzuerkennen, dass wir bei Weitem nicht in allem den Sinn erkennen und nicht einmal wissen können, ob es ihn gibt. Das schützt zumindest vor therapeutischer Hybris oder – in der Terminologie der Analytischen Psychologie – vor einer übermäßigen und schädlichen Identifikation mit der archetypischen Dimension der »Alten Weisen« oder der »Heilerin« oder des »Heilers«.
Zurecht weist Dieter Schnocks darauf hin, dass sich Träume »niemals vollständig und erst recht nicht mit einer simplen Gebrauchsanweisung verstehen« lassen. Daher sei »der Umgang mit Träumen jedoch immer auch eine Kunst, in der Intuition und Einfühlung eine große Rolle spielen«, sodass jeder seinen persönlichen Zugang finden müsse (Schnocks, 2007, S. 155).

2 Komplexe

2.1 Komplexe und die Ebene des persönlichen Unbewussten

Der Begriff »Komplexe« hat längst Eingang in die Umgangssprache gefunden und ist von daher jedermann geläufig. Und jeder weiß auch, was Komplexe sind – so irgendwie. Wenn wir es nämlich erklären sollen, wird es schwierig. Und selbst wenn wir uns in Fachkreisen darüber verständigen wollen, ist es oft erstaunlich, dass doch sehr unterschiedliche Auffassungen über so etwas wie »Komplexe« herrschen, obwohl doch jeder glaubt zu wissen, was darunter zu verstehen sei.
Die Grundstrukturen der psychischen Dynamik, die sich hinter dieser Begrifflichkeit verbergen, haben jedoch in vielen psychodynamischen Therapiemodellen Aufnahme gefunden haben, auch wenn jeweils eine andere Terminologie verwendet wurde und sich die Bedeutungen und Betonungen von System zu System unterscheiden können. Bovensiepenund Meier weisen schlüssig nach, dass das Komplexmodell unmittelbar anschlussfähig ist zu den verschiedensten Ansätzen (vgl. Bovensiepen, 2019, S. 34ff.; Meier, 2017, S. 89ff.). Es zeigt sich kompatibel mit den Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie, der Bindungstheorie, Übertragungs- und Abwehrmodellen, aber auch mit der Objektbeziehungstheorie, den emotionalen Schemata der Psychoanalyse und den verhaltenstherapeutischen Schemata nach Young. Bestätigungen für die empirisch beobachteten Komplexmuster finden sich ebenso in der Emergenztheorie und neurobiologischen Modellen. Mit der Beschreibung der Komplexe als Modell psychodynamischer Abläufe entwickelt C. G. Jung somit zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der Geschichte der Psychoanalyse ein Modell, das sich später in den unterschiedlichsten Traditionen wiederfindet. Daraus soll kein Anspruch auf ein schulenfixiertes Copyright der Analytischen Psychologie auf dieses Modell abgeleitet werden, sondern es zeigt, dass mit dem Komplexmodell tatsächlich eine universale Struktur der Psychodynamik gefunden und beschrieben wurde, deren Gültigkeit letztlich von allen Schulen bestätigt wird, ganz gleich aus welcher Perspektive.
Der Begriff »Komplex« wurde von Jung anhand der empirisch nachvollziehbaren Ergebnisse des Assoziationsexperiments eingeführt. Den Versuchspersonen wurde eine Liste von 100 Begriffen vorgelesen mit der Aufforderung, auf diese mit einem assoziativen Begriff zu antworten. Neben physiologischen Parametern wie dem galvanischen Hautwiderstand wurde als wesentliches Messkriterium die Reaktionszeit vom Vorlesen des Begriffs bis zur Antwort bestimmt. Dies entsprach Anfang des 20. Jahrhunderts dem modernsten Stand der technischen Entwicklung. Es ließ sich zeigen, dass die Versuchspersonen ganz unterschiedliche Latenzzeiten bis zur Antwort aufwiesen. Fügte man die Begriffe mit den verzögerten Antwortzeiten zusammen, so ließen sich jeweils individuelle Themenfelder erkennen, bei denen die Versuchsperson offenbar länger bis zur Assoziation benötigte. Dies wurde als Hinweis auf eine im Unbewussten bestehende Dynamik gedeutet, die die Begriffsfindung hemmte, weil offenbar emotional bedeutsame Erfahrungen damit verknüpft waren. Mit diesem Verfahren ließen sich unbewusste Strukturelemente identifizieren, die als Komplexe bezeichnet wurden. Man erkannte, dass sie sich besonders intensiv um die Erfahrungen mit Mutter, Vater, Geschwistern oder aber auch um zentrale individuelle Lebensthemen herum gruppierten, woraus sich im Laufe der Zeit eine nicht immer systematische Terminologie entwickelte. So sind in der Literatur unterschiedliche Benennungen von einzelnen Komplexen zu finden, die teils der Begrifflichkeit aus den Assoziationsexperimenten oder aber Erfahrungswerten folgten. Es existiert in der Analytischen Psychologie jedoch keine allgemein anerkannte Systematik in der Bezeichnung von Komplexen oder gar eine festgelegte Zahl, wie viele Komplexe es nun tatsächlich geben soll. Man mag den Halt eines solchen Systems vermissen, der auch für eine Erforschung unter wissenschaftlichen Kriterien nützlich wäre. Jedoch bietet die Variabilität des Komplexkonzepts wiederum eine große Offenheit, die der individuellen Ausprägung und den Betonungen von Komplexen angemessen ist. Ergänzende und vertiefende Vorschläge zur Einteilung von Komplexen finden sich beispielsweise bei Müller (Müller & Müller, 2018).
Für die praktische Arbeit hat sich jedoch zunächst eine Konzentration auf Komplexe entlang der prägenden Beziehungserfahrungen bewährt. Ihre Benennung folgt dabei den zentralen Beziehungsfiguren oder prägenden Beziehungsthemen als Vater-, Mutter-, Geschwister/Rivalitäts-, Schuld-, Trennungs-, Minderwertigkeits-, Größen- oder Schatten-Komplex.
Entdeckt und experimentell zugänglich gemacht wurde mit dem Komplexmodell letztlich die Erkenntnis, dass die prägenden Erfahrungen, die wir mit den frühen Bezugspersonen gemacht haben und die sich unter anderem in unseren Mutter- und Vater-Komplexen als Subjekt- und Objekt-Repräsentanzen, in inneren Modellen oder in Beziehungsmustern konstellieren, entscheidenden Einfluss darauf besitzen, welche Teile unserer Persönlichkeit sich frei entwickeln konnten und welche ein Schattendasein führen mussten.
Somit beschreibt der Begriff der Komplexe die Existenz von psychischen Inhalten und Strukturelementen, die durch eine gemeinsame Emotion und eine gemeinsame Bedeutsamkeit verknüpft sind. Diese können im Verständnis der Analytischen Psychologie bis zu einem archetypischen Kern hin reichen.
Komplexe bilden sich demnach um stark affektgeladene Erlebnisse herum, wie Kristalle um einen Kristallisationskern. Es handelt sich um eine Verdichtung und Generalisierung von Beziehungserfahrungen: Kommt es zu wiederholtem Erleben dieser affektgeladenen Situationen, »lädt« sich der Komplex immer weiter auf und gewinnt an Autonomie, das heißt, er kann in Situationen aktiviert werden, die der Ursprungssituation nur ungefähr ähneln, und zu einer unangemessenen Reaktion und Affektentladung führen. Diese erscheint häufig nur für die Umgebung inadäquat, jedoch gerade nicht für denjenigen, der sich mitten im dynamischen Ablauf seines eigenen Komplexes befindet.
Grundsätzlich kann jedes affektgeladene Ereignis, vor allem dann, wenn es wiederholt wird, zu einem Komplex werden (Angst, Zorn, aber auch Freude und Zuneigung). Im Komplexgeschehen kommt es zu einer Aktivierung der Gesamtheit dieser unbewussten Verknüpfungen mit allen dazugehörigen Emotionen und Erlebens- und Verhaltensweisen. Diese aktivierte Gesamtheit äußert sich in einem stereotypen und autonomen Ablauf; das heißt, ohne wesentliche Steuerbarkeit durch das Ich können sich diese emotional aufgeladenen Beziehungs- und Erlebensmuster einstellen und die ganze Persönlichkeit erfassen.
Der Charakter der Stereotypie äußert sich in Sätzen wie: »Warum passiert das immer nur mir?« oder »Warum passiert mir das immer wieder?«, die pathognomonisch sind für das Auffinden von Komplexdynamiken in der therapeutischen Arbeit. Diese Stereotypie ist Ausdruck der Wiederholung des bekannten und unbewusst erwarteten Ablaufs, der sich ohne bewusste oder gezielte Absicht einstellt. Eine bildliche, analoge Vorstellung zur Autonomie und Stereotypie der Komplexe ist die eines Programms auf dem PC oder einer App. Ist das Icon einmal angeklickt, fährt das Programm mit großer Zuverlässigkeit und nahezu unaufhaltsam hoch.
Bei dieser autonomen Konstellation eines Komplexes kann meist so wenig von der innewohnenden Dynamik abgewichen werden, dass C. G. Jung gar von einer Dissoziabilität der Seele spricht, wobei in einem aktivierten Komplexgeschehen nicht mehr das Ich die Führung hat, sondern der Komplex als ein anderes, im Unbewussten liegendes innerseelisches Zentrum. Die unterschiedlichen Ansätze und Akzentuierungen des Dissoziationsbegriffs und die Bedeutung einer Dissoziabilität der Psyche behandelt Meier in ihrem Buch »Komplexe und Dissoziationen« (Meier, 2017, S. 58ff.). Sie verdeutlicht Jungs Auffassung von Komplexen als »abgesprengten Teilpsychen« und weist die Parallelen anderer psychodynamischer Konzepte zum Komplexmodell auf.
Gelingt es jedoch, sich diese Abläufe, ihren Ursprung und das eigene unbewusste Zutun nach und nach bewusst zu machen, kann ein Komplex dem Ich-Bewusstsein zugänglich gemacht werden, so das Konzept. Im Laufe dieses Prozesses steht die Energie, die zuvor im Komplex gebunden war, dem Ich-Bewusstsein zunehmend zur Verfügung. Dies führt zu einem höheren Grad an innerer Freiheit, einem Rückgewinn von Kontrolle und Autonomie und einer Reduktion von Ohnmachts- und Hilflosigkeitsgefühlen, letztlich zu einer Stärkung des Ich-Bewusstseins. Dabei geht dieses Konzept von einer zentralen Rolle der Affektivität als Basis psychischer Dynamik aus: »Die wesentliche Grundlage unserer Persönlichkeit ist die Affektivität. Denken und Handeln ist sozusagen bloß Symptom der Affektivität.« (Jung, 1907/1990, S. 43, § 78)
Zusammenfassend sei eine allgemeine Definition des Komplexbegriffs in der Formulierung von Verena Kast genannt:
»Diese Komplexe sind Energiezentren, die um einen affektbetonten Bedeutungskern aufgebaut wurden, hervorgerufen vermutlich durch einen schmerzhaften Zusammenstoß des Individuums mit einer Anforderung oder einem Ereignis in der Umwelt, dem es nicht gewachsen ist. Jedes ähnliche Ereignis wird dann im Sinne des Komplexes gedeutet und verstärkt den Komplex noch.« (Kast, 2016, S. 44)
Dieser Gedanke wie auch die Grundlagen der Komplexdynamiken finden in der jüngsten neurophysiologischen Forschung Bestätigung, z. B. bei Panksepp und Damasio (vgl. Kast, 2019). Interessante Weiterentwicklungen des ursprünglichen Komplexmodells, die im Kontrast zur Dissoziabilität vor allem auch die Interaktion verschiedener Komplexdynamiken untereinander berücksichtigen im Sinne von Komplexlandschaften, Komplex-Netzwerken, finden sich bei Kast und Bovensiepen (vgl. Kast, 2019; Bovensiepen, 2019).
Komplexe repräsentieren dabei grundsätzlich ein unbewusstes dynamisches Geschehen. Schon der Begriff der Dynamik entstammt dem Umfeld der Energie-Metapher, die in Gestalt der Libidotheorie und der energetischen Perspektive Jungs auf innerseelische Abläufe zu den Grundvorstellungen der Psychoanalyse zählt und von einem Energiegefälle und einem Energiefluss zwischen zwei polaren Strukturen ausgeht. So stellt sich auch die innere Struktur der Komplexe als polar dar: Als Repräsentationen früher Beziehungserfahrungen enthalten sie meist eine kindliche und eine Erwachsenen-Perspektive. Eine zentrale Frage lautet dabei stets: Mit welchem Teil dieses Komplexes identifiziert sich das Ich?
Häufig entsteht eine Täter-Opfer-Konstellation, in der das Ich mit einem schwachen kindlichen Pol identifiziert ist, der sich einem mächtigen ...

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