Der Schatten in uns
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Der Schatten in uns

Die subversive Lebenskraft

  1. 144 Seiten
  2. German
  3. ePUB (handyfreundlich)
  4. Über iOS und Android verfügbar
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Der Schatten in uns

Die subversive Lebenskraft

Über dieses Buch

"Wo Licht ist, ist auch Schatten", heißt es. Ebenso verhält es sich mit der menschlichen Persönlichkeit: Wir stellen bestimmte Seiten von uns ins Licht, während andere Persönlichkeitsaspekte ins Unbewusste verdrängt werden. Der Schatten ist das, was ein Mensch nicht sein will, aber gleichwohl ist, und er wird oft auf andere projiziert – z.B. auf Fremde oder Asylantinnen und Asylanten – und dort bekämpft. Der Schatten kann aber auch positiv sein und verborgene Fähigkeiten und Potenziale enthalten. In diesem Standardwerk zum Schattenkonzept C. G. Jungs zeigt die renommierte Jung'sche Analytikerin und Psychotherapeutin Verena Kast: Wenn wir bereit sind, für unsere dunklen Seiten die Verantwortung zu übernehmen, wird der Schatten zu einer Kraft, die uns menschlicher und lebendiger macht.

Häufig gestellte Fragen

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Modelle von Schattenakzeptanz

Schattenakzeptanz im Mythos

Mythen sind zunächst Selbst- und Weltdeutungen einer bestimmten Kultur zu einer bestimmten Zeit, und sie haben den Sinn, das Individuum mit seinen typisch menschlichen Problemen in eine Gruppe und oft auch in den Kosmos einzubinden und Leben verstehbar zu machen. Als Ausdruck des kollektiven Unbewussten sind sie aber auch Modelle für Welt- und Selbstdeutung in bestimmten existentiellen Situationen, die für alle Menschen Gültigkeit haben. Mythen sind Erzählungen, die auch uns heutige Menschen ansprechen, die unsere Phantasie herausfordern und uns anregen, die darin anklingenden, auch für uns aktuellen Probleme in ihrem Spiegel zu sehen.
Mythen sind genauso Erfahrungssysteme, wie es die Wissenschaften sind: Sie verwenden aber andere Bilder der Wirklichkeit, und gerade das interessiert, denn diese Bilder sind farbig, berühren die Emotionen, bilden einen gemeinsamen Vorstellungsraum. Sie sind darüber hinaus auch Modelle von Weltdeutung. Wenn der Umgang mit dem Schatten wirklich ein kollektives Problem ist, auch ein archetypisches Problem, dann muss sich in den Mythen und Märchen der Umgang vieler Menschen mit dem Schatten niedergeschlagen haben. Und damit könnten sie Modelle sein, die wir auf den heutigen Umgang mit dem Schatten zumindest teilweise übertragen können. Dass dies tatsächlich der Fall ist, werde ich nun am sumerischen Mythos von Inanna und Ereschkigal aufzuzeigen versuchen.
Inanna und Ereschkigal65
Es handelt sich um einen Mythos, der etwa 2500 vor Christus in Sumer, im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen südlichen Irak, aufgezeichnet worden ist. Inanna und Ereschkigal sind Schattenschwestern. Als Morgen- und Abendstern, als Göttin des Himmels und Göttin der Erdoberfläche ist Inanna die Göttin des Lebens, des Tages, der Oberwelt. Sie ist aber auch Königin aller Länder, hat also eine große Macht, und sie hat eine innere Verbindung zum Gott der Gewässer, der List und der Weisheit: Enki. Sie gilt weiter als eine Göttin der Liebe, der Schönheit, des Muts und der Entschlossenheit. Sie ist zudem sehr streitbar: Ihr Wagen wird von sieben Löwen gezogen, ein Symbol für eine machtvolle Dynamik, die sie zieht.
Sie ist es auch, die die Heilige Hochzeit mit Dumuzi, dem Schafhirtenkönig von Uruk, feiert. Die Heilige Hochzeit ist immer ein Symbol dafür, dass Himmel und Erde zusammenkommen, sich vermählen, und dass dadurch der ewige Fortgang der Schöpfung gewährleistet ist.66 Die Heilige Hochzeit können wir auf verschiedenen Ebenen verstehen: als Vegetationsmythos, aber auch als Symbol für die Verbindung von Gegensätzen in Liebe, die schöpferisches Leben ermöglicht. So wird von Inanna berichtet, dass sie für die Heilige Hochzeit mit Dumuzi gebadet und gesalbt, ihr Schoß für den Schoß des Königs bereitet wird. Sie preist sich selber als wunderschön und ruft begierig Dumuzi herbei.
Inannas Schattenschwester ist Ereschkigal; aus Ereschkigals Sicht ist natürlich Inanna die Schattenschwester. Ereschkigal ist die Göttin der Unterwelt, des Todes und der Dunkelheit – der für die Lebenden verbotenen Welt. Sie hat »Todesaugen«, entscheidet über Leben und Tod. Es zeichnet sie eine elementare Energie aus: Tage- und nächtelang schläft sie mit einem Mann, ohne dass sie befriedigt ist; wo Inanna lustvoll ist, ist Ereschkigal gierig. Die eine garantiert die Fruchtbarkeit, die andere den Tod. Im Mythos erscheint Ereschkigal als deprimiert-zornig, einsam, ohnmächtig in ihrer großen Macht.
Der Mythos enthält verschiedene mythische Geschichten über Inanna. Ich konzentriere mich auf den Teil, der die Akzeptanz des Schattens zum Thema hat:
Inanna wendet ihr Ohr der Welt unter der Erde zu. Sie hört etwas, spitzt die Ohren – etwas ruft, und sie hört hin. So beginnt die Auseinandersetzung mit dem Schatten: Etwas ruft, und wir hören hin. Es kann um einen »Schattentraum« gehen, der uns beunruhigt oder einfach nicht mehr aus dem Sinne geht; es kann sein, dass uns jemand auf eine Schattenseite hin anspricht oder dass wir selber spüren, dass etwas in unserem Leben unstimmig ist.
Inanna hört, verlässt den Himmel, verlässt den Lebensraum Erde und steigt hinab in die Tiefe. Lange und ausführlich wird im Mythos beschrieben, was alles sie verlässt – und dadurch werden ihr Machtbereich und ihr Reichtum sichtbar. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt in der Auseinandersetzung mit dem Schatten: Wir besinnen uns zunächst auf die Sonnenseiten, auf die Kompetenzen, auf das, was schon gelungen ist. Um uns mit den Schattenseiten wirklich zu konfrontieren, brauchen wir alle Kräfte, die uns zur Verfügung stehen, müssen wir uns noch einmal bewusst werden darüber, welche Kompetenzen und welche Schönheit wir bereits erworben haben.
Dass Inanna sich mit allem schmückt, was sie hat – den sieben heiligen Kräften –, ist ein Symbol dafür. Da ist zum einen die Krone der wilden Steppe, die sie mit der Erde verbindet, dann ein Messrohr und eine Messleine, Symbole für das richtige Maß, Lapislazuliperlen als Symbol für den Himmel mit den Sternen, ovale Doppelsteine, die von der Eiform her Fruchtbarkeit und die Möglichkeit zur Wiedergeburt symbolisieren, ein goldener Armreif als Ausdruck der Bindung an die Sonne und das Solare. Dann trägt sie weiter eine »Mann-komm-komm-Brustplatte«, wahrscheinlich eine alte Form von Büstenhalter, der Verführungskunst, erotische Potenz, aber wohl auch Wehrhaftigkeit andeutet. Dazu kommt eine »Er-soll-kommen-Augenfarbe«, die vermutlich den sinnlichen erotischen Blick darstellt, und vor allem zieht sie das vornehme Gewand der Königin an. Die Persona, die sie hier zeigt, ist beeindruckend.
Inanna hört also den Anruf von unten, folgt ihm aber nicht gleich, sondern umgibt sich mit den heiligen Kräften, bevor sie den unheiligen Bereich betritt. Sie besinnt sich zunächst auf ihren Reichtum und trägt den auch bewusst zur Schau. Übertragen auf eine alltäglichere Schattenkonfrontation: Zuerst erfolgt die Selbstbesinnung in einem akzeptierenden, positiven Sinn: Alles, was unseren Selbstwert stärkt oder gestärkt hat in der Vergangenheit, wird ins Bewusstsein geholt.
Inanna unternimmt aber noch mehr: Bevor sie in die Unterwelt hinabsteigt, instruiert sie die Priesterin Ninschubur. Diese bleibt in der Oberwelt; wenn Inanna nach drei Tagen nicht zurückkommt, soll Ninschubur die Götter bitten, Inanna zu helfen, und diese gibt auch genaue Anweisung, wie man ihr helfen kann: Sie rechnet damit, dass dieser Abstieg in die Unterwelt ein schwieriger sein könnte.
Bei der Schattenbegegnung geht es nicht nur darum, uns alle Kräfte, die wir besitzen, alle Lebensmöglichkeiten, alle Zeichen des gelingenden Lebens noch einmal zu vergegenwärtigen, sondern es geht auch darum, einen Teil von uns, der diese Schattenkonfrontation nicht nötig hat, zurückzulassen. Das heißt, es geht darum, uns nicht ganz und gar verschatten zu lassen. Und es geht darum, Vorkehrungen zu treffen, damit wir nicht für immer im Schattenbereich verbleiben, uns nicht ganz und gar identifizieren mit diesem Bereich, der im Mythos der Todesbereich ist.
Was kann das heißen? Und wie geht dieser Abstieg vor sich?
Inanna gelangt an das Tor der Unterwelt, sie will das Tor auf­drücken, sie ruft, sie schreit. Inanna ist eine ungeduldige Göttin, fordernd, impulsiv und herrisch. »Torhüter, öffne die Tür!« Der Torhüter – Neti – fragt zurück: »Du, wer bist du?« Bevor das Tor geöffnet wird, wird die Frage nach ihrer Identität gestellt. Inannas Antwort: »Ich bin der Abendstern auf der Reise zum Morgen.« Mit diesem Bild, das Abend, Nacht und Morgen miteinander verbindet, also den Durchgang durch die Nacht zum Morgen hin, sagt sie, dass sie die ist, die Wandlung sucht. – Das ist im Moment ihre Identität.
Sind wir mit Schatten konfrontiert, dann ist es sehr wichtig, dass die Frage nach der Identität an uns gestellt wird, gerade auch dann, wenn, wie hier im Mythos, der äußere Machtbereich zusammenschrumpft, keine Beziehungen mehr da sind, die tragen, die Insignien der Macht weggenommen werden. Dass Inanna sich als Stern sieht, der die natürliche Wandlung sucht, ist ihre Identität. Schattenakzeptanz heißt auch, Wandlung zu suchen, Wandlung zu akzeptieren. Neti, der Torhüter, aber sagt: »Das ist ein Land, das keine Rückkehr kennt.« Das heißt: Es gibt keine Wandlungsmöglichkeit, nur Tod. – Oder ist es die Idee, dass es sich um eine existentielle Lebenssituation handelt, durch die man »hindurch« muss, wo es keine ungewandelte Rückkehr gibt?
Neti fragt Inanna nun nach dem Grunde ihres Kommens, und Inanna sagt, der Himmelsstier – der Mann der Ereschkigal – sei durch Gilgamesch und Enkidu getötet worden, zu dessen Begräbnis wolle sie kommen. Sie kommt also, weil eine alte Ordnung zerstört worden ist. Schattenakzeptanz oder das Zurückholen des Verdrängten wird in unserem Leben dann wesentlich, wenn eine alte Ordnung nicht mehr trägt. Aber auch die umgekehrte Sichtweise gilt: Eine alte Ordnung trägt nicht mehr, weil zu viel an Mensch­lichem verschattet worden ist, zu viel an Lebendigem verdrängt worden ist.
Ereschkigal erfährt von der Ankunft Inannas an einem der sieben Tore zur Unterwelt. Sie hat kein Interesse an diesem Besuch und schäumt vor Wut, dass Inanna kommt, und dann auch noch in ihrer ganzen Herrlichkeit. Sie gibt Neti den Auftrag, Inanna jeweils bei einem Tor eintreten zu lassen, sie festzuhalten und sie auszuziehen. Und Neti befolgt den Befehl der Ereschkigal. Den sieben Toren der Unterwelt entsprechen die sieben heiligen Kräfte der Inanna; bei jedem Tor muss sie eine der sieben Kräfte abgeben. Natürlich ist sie äußerst böse darüber. Neti weist sie rituell darauf hin, dass die heiligen Bräuche vollzogen werden müssen. »Still Inanna! Heilige Bräuche müssen vollzogen werden, widersprich ihnen nicht.«67
Ein Attribut oder Symbol der heiligen Kräfte nach dem anderen wird ihr abgenommen, bis sie ganz nackt und tief gebeugt vor ihrer Schwester steht. Diese steigt vom hölzernen Thron, und Inanna setzt sich darauf.
Das ist eine bildhafte Beschreibung des Weges der Schattenkonfrontation: Stück um Stück müssen Aspekte der Persona, aber auch Symbole für geglücktes Leben abgelegt werden, bis man nackt und gebeugt ist, und dann findet ein Rollentausch statt: Inanna nimmt den Platz von Ereschkigal ein, sie ist nun identifiziert mit ihrer dunklen Schwester, der Todesgöttin – wir haben es mit einer Schattenidentifikation zu tun. Aber noch nicht genug: Die Richter der Unterwelt starren sie an mit dem Todesblick, und Inanna stirbt, ist nur noch ein faulendes Stück Fleisch. Wirkliche – letzte – Schattenkonfrontation heißt, dass die alte Persönlichkeit tot ist. Das hat Inanna vorhergesehen und deshalb Ninschubur orientiert.
Ninschubur klagt, als Inanna nach drei Tagen und drei Nächten nicht zurückkommt, sie sucht, wie Inanna angeordnet hatte, Hilfe und findet diese bei Enki, dem Gott der Weisheit, des Wassers und der List. Dieser erschafft zwei Wesen aus dem Lehm unter seinen Fingernägeln. Offenbar war auch Enki einmal in der Unterwelt, denn der Lehm stammt aus dem Reich der Ereschkigal. Enki schafft aus dem Lehm zwei Wesen: Galaturra und Kurgarra. Diese werden mit der Pflanze des Lebens und dem Wasser des Lebens in die Unterwelt geschickt. Für diese »Wesen« sind die Tore kein Hindernis, sie schlüpfen durch den Türspalt.
In der Unterwelt hat sich derweil viel getan: Dadurch, dass Inanna in die Unterwelt eingedrungen ist, wird sie von Ereschkigal gleichsam verschlungen. Und diese ist jetzt am Gebären – Tod und Wiedergeburt werden hier dargestellt. Gerade die Schattenidentifikation, die den Tod des alten Ichs bedeutet, ermöglicht die Wiedergeburt.
Ereschkigal ist bei diesem Gebären einsam, hilflos, ihren Schmerzen ausgeliefert – und plötzlich sind Galaturra und Kurgarra da, und sie sind empathisch, mitfühlend. Schreit Ereschkigal: »Mein Leib, o mein Herz!«, dann antworten diese Wesen mit: »Unsere Gebieterin. Du bist in Sorge. Dein armer Leib, o dein armes Herz.« Diese Wesen sind empathisch mit Ereschkigal als leidendem Menschen, empathisch auch mit ihr als verschattetem Menschen. Ereschkigal verändert sich durch diese Empathie. Sie fragt: »Wer weint zusammen mit mir, wer stöhnt zusammen mit mir?« Sie ist nicht mehr allein, nicht mehr – zusammen mit der ganzen Unterwelt – abgespalten von den anderen, sie kann teilhaben an anderen Wesen. Und sie will diese Wesen beschenken. Galaturra und Kurgarra sind aber instruiert: Sie dürfen nichts essen, sie dürfen nichts trinken in der Unterwelt, und als Belohnung sollen sie sich das tote Stück Fleisch, Inanna, geben lassen. Ereschkigal gibt ihnen das tote Fleisch, sie bedecken es mit der Pflanze des Lebens, sie beträufeln es mit dem Wasser, das Leben spendet – Inanna erwacht, steht auf. Ereschkigal sagt: »Bringt eure Königin weg.«
Inanna muss aber einen Ersatz für sich stellen, sie muss jemanden finden, der sie in der Unterwelt vertritt. Am Ende einer langen Geschichte wird Dumuzi, ihr Mann, mit dem sie die Heilige Hochzeit gefeiert hat, in die Unterwelt geschickt. Er hatte von ihrer Reise in die Unterwelt keine Kenntnis genommen, braucht also noch eine Konfrontation mit diesem Lebensbereich. Es wird gesagt, dass Inanna ihn mit »Todesaugen« anstarrt – sie hat jetzt die Augen der Ereschkigal, das ist die Veränderung durch die Schattenkonfrontation, die an ihr sichtbar wird. Inanna weiß jetzt um den Tod, um die Vergänglichkeit alles Irdischen, mit »Todesaugen« kann sie aber auch unterscheiden zwischen Sein und Schein, weiß, dass alles einen Schatten hat.
Auch die Verbindung zu Ereschkigal ist nun offen, die Unterwelt wird nicht wieder abgespalten, die Verbindung mit dem Schatten ist gewährleistet. Jeweils ein halbes Jahr ist Dumuzi in der Unterwelt, seine Schwester Geschtinanna anerbietet sich, ihn dort jeweils die andere Hälfte des Jahres zu vertreten. Verstehen wir Ereschkigal als destruktiven, wohl auch depressiven Schatten der strahlenden Inanna, dann kann dieser destruktive Schatten nun kreativ werden, Neues gebären. Und Inanna ist nicht mehr nur die strahlende Himmelsgöttin, sie weiß jetzt um den Tod.
Wir können diesen Mythos natürlich auch anders verstehen, andere Aspekte betrachten. Wir können ihn als Vegetationsmythos sehen, als Mythos des Mondes in seinen verschiedenen Phasen, als Menstruationsmythos68 oder aber als Wandlungsmyth...

Inhaltsverzeichnis

  1. NAVIGATION
  2. HAUPTTITEL
  3. Inhalt
  4. BUCH LESEN
  5. Vorwort
  6. Der Schatten – ein Konzept von C. G. Jung
  7. Persona und Schatten
  8. Der Schatten
  9. Die »Man-Persona«, der »Man-Schatten«
  10. Der Schatten als das Fremde
  11. Der kollektive Schatten
  12. Modelle von Schattenakzeptanz
  13. Die Akzeptanz des komplementären und des ­analogen Schattens
  14. Was die Akzeptanz des Schattens erschwert
  15. Der Schatten in der Beziehung
  16. Die Sprengkraft des Schattens
  17. Die verschatteten Frauen
  18. Schluss
  19. Dank
  20. Anhang
  21. ÜBER DIE AUTORIN
  22. ÜBER DAS BUCH
  23. IMPRESSUM
  24. HINWEISE DES VERLAGS
  25. LESEEMPFEHLUNG