Im slowakischen Landesteil der Tschechoslowakischen Republik etablierte sich in der Zwischenkriegszeit ein slowakischer Nationalismus als relevantes gesellschaftliches Phänomen. Sabine Witt analysiert in ihrer Studie die Voraussetzung dafür und findet die Annahme bestätigt, dass die kulturellen Praktiken von Intellektuellen massgeblich zur Durchsetzung der Kategorie des Nationalen in der slowakischen Gesellschaft beitrugen. Mit der Praxis von Mythentransformationen changierte der Nationalismus zwischen der Säkularisierung von religiösen Inhalten und der Sakralisierung von nationalistischen Ideen. Bedingt durch die politischen Verhältnisse wird der slowakische Nationalismus indes selbst im slowakischen Staat nie ganz säkular. Nationalisitische Intellektuelle in der Slowakei offenbart eine viel grössere Durchdringung verschiedenster Lebensbereiche mit nationalistischen Ideen als bisher angenommen. Insofern ist der theoretische Ansatz als eine bedeutsame Erweiterung historischer Methodik zu bewerten.

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Nationalistische Intellektuelle in der Slowakei 1918-1945
Kulturelle Praxis zwischen Sakralisierung und Säkularisierung
- 424 Seiten
- German
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Nationalistische Intellektuelle in der Slowakei 1918-1945
Kulturelle Praxis zwischen Sakralisierung und Säkularisierung
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Information
1 Einleitung
Nationsvorstellungen und ihre Durchsetzung provozieren immer wieder gesellschaftliche Konflikte. Rivalisierende Interessensgruppen argumentieren nationalistisch im Versuch, eine Bevölkerung “national” zu organisieren. Trotz Kenntnis negativer Beispiele sind Menschen für nationalistische Ideologien empfänglich und stellen sich kluge Köpfe in deren Dienst. Die Herauslösung der Slowakei aus der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik im Jahr 1993 brachte lang unterdrückte Emotionen hoch und rief die Verlierer historischer nationaler Kämpfe wieder auf den Plan. Intellektuelle Remigranten kehrten im hohen Alter in die alte Heimat zurück, publizierten Bücher oder brachten ihre alten Ideen gar als Präsidentenberater in der Slowakei zur Geltung. Dort trafen sie noch immer auf einen fruchtbaren Boden, der auch im Kommunismus nicht ausgedörrt war. Sie waren die letzten Repräsentanten des slowakischen Nationalismus der Zwischenkriegszeit und des 1939 folgenden autoritären Regimes.
Am 28.Oktober 1918, als die Tschechoslowakische Republik gegründet wurde, erhielten Slowaken erstmals eine staatliche Repräsentation. Slowakische Nationalisten nutzten die neue Freiheit und machten sich mit Eifer daran, eine slowakische Nation zu erschaffen. Dabei forderten sie den jungen Staat mit ihrem Beharren auf einer nationalen Autonomie heraus. Mit Hilfe der äußeren Umstände führten ihre Aktivitäten 1939 schließlich zur Gründung eines slowakischen Staates. Auch wenn dieser Staat 1945 abrupt beseitigt und durch ein neues Regime ersetzt wurde, etablierten sie dauerhaft und breit ein nationales slowakisches Denken.1
Daraus ergibt sich die leitende Fragestellung für die vorliegende historische Untersuchung: Mit Hilfe welcher kulturellen Praktiken und Techniken etablierte sich ein slowakischer Nationalismus? Wie dieser Nationalismus wirksam wurde, wird schwergewichtig für die Zeit von 1918 bis 1939 und ausblickartig bis 1945 untersucht. Der Fragestellung liegt die Hypothese zugrunde, dass kulturelle Praktiken von Intellektuellen maßgeblich zur Durchsetzung der Kategorie des Nationalen in der slowakischen Gesellschaft beitrugen. Ein weiterer Zugriff auf den Untersuchungsgegenstand besteht darin, den slowakischen Nationalismus für sich zu betrachten. Das wird als legitim vorausgesetzt, weil der slowakische Nationalismus sich bis auf vereinzelte Ausnahmen auf die slowakische Landeshälfte beschränkte. In der tschechischen Landeshälfte gab es während dieser Zeit keinen
vergleichbaren beziehungsweise einen anders ausgerichteten Nationalismus.2 Die tschechische Nation stand nicht ernsthaft zur Diskussion, da die Tschechen zusammen mit Slowaken und Karpatho-Ukrainern den Deutschen im Lande zahlenmäßig überlegen waren. Sie hatten auch keine Mühe, das tschechische Selbstverständnis in ein weiter gefasstes tschechoslowakisches zu integrieren, zumal sie die Bedingungen gegenüber den schwächeren Partnern weitgehend bestimmten. Hingegen unternahmen slowakische nationalistische Aktivisten große Anstrengungen zur Selbstvergewisserung und -behauptung.
Die Erste Tschechoslowakische Republik war mit ihrem Konzept von einem Einheitsstaat und einer zusammengesetzten Nation mit einer schweren Hypothek beladen. Doch machten das schwierige internationale Umfeld, die Gebiets- und Bevölkerungsansprüche von Nachbarländern die Unnachgiebigkeit der Tschechen gegenüber den politischen Forderungen der Slowaken ein Stück weit verständlich. Während in den umliegenden zentraleuropäischen Ländern autoritäre Regime an die Macht kamen, blieb die Tschechoslowakei als demokratischer Staat bis zum Münchner Abkommen 1938 intakt. Das war der verhältnismäßig guten wirtschaftlichen Ausgangslage in den Böhmischen Ländern zu verdanken sowie der stabilen parlamentarischen Demokratie, in die auch die nationalen Minderheiten eingebunden waren. Von Konflikten mit autoritären Bewegungen und der nationalen Frage als Unruheherd wurde der Staat indes nicht verschont.
Damit der neu gegründete Staat nach 1918 seine Bevölkerung real und symbolisch integrieren konnte, musste er sich nationalisieren. Das große Projekt der Tschechoslowakisierung wurde aber nicht von allen Interessensgruppen gleichermaßen mitgetragen. Vielmehr entstanden Konkurrenzprojekte, im Wesentlichen zwischen Tschechoslowakisten und slowakischen Nationalisten. Der tschechoslowakische Nationalismus war liberal und zielte auf Modernisierung und politische Partizipation ab, auch wenn er in einzelnen Punkten ebenfalls antiliberale Elemente aufwies. Der slowakische Nationalismus hingegen zeigte sich überwiegend antiliberal und modernisierungsfeindlich und argumentierte dabei ethnisch-kulturell. Beide Nationalismen, sowohl der slowakische als auch der tschechoslowakische, zielten jedoch letztlich darauf ab, eine einheitliche kulturelle Nation zu schaffen.
Autoritäre Ideen kamen in der Slowakei bereits in den frühen Zwanzigerjahren auf, blieben aber vorerst marginal. Erst um 1930, im Zuge der Weltwirtschaftskrise,
ließen sich breite Bevölkerungsschichten von rechtspopulistischen Ideen mobilisieren. Die Analysen der gesellschaftlichen Probleme und die Lösungsvorschläge von slowakischen Schriftstellern und Publizisten waren von den Entwicklungen und Ideen in den europäischen Ländern beeinflusst. Deshalb unterschieden sich deren autoritäre Ansätze auch nicht wesentlich. Der resultierende antiliberale Nationalismus war weder die Folge kultureller Vorbestimmung noch reiner Nachahmung von Vorbildern autoritärer Regimes. Vielmehr sind die Ursachen des radikalen Nationalismus unter Slowaken in deren ablehnendem Verhältnis zum eigenen Staat zu finden. Die oft unzimperliche Wahl der Mittel folgte allerdings dem autoritären Diskurs, wie er sich im Verlauf der Zwischenkriegszeit in Zentraleuropa ausbreitete.
Meine Untersuchung des Nationalismus fokussiert nicht auf den äußersten rechten Rand der Gesellschaft. Denn auch politisch weniger aktive Intellektuelle hatten Teil an einer nationalisierenden gesellschaftlichen Praxis, in der “Kulturfähigkeit” ein wesentliches Attribut der Kategorie “national” darstellte. Das erklärt auch die zentrale Rolle, die junge Intellektuelle aus publizistisch-literarischem Umfeld bei den Nationalisierungsbemühungen spielen konnten. Die beabsichtigte Nationalisierung verlief nicht einheitlich, sondern bildete ein gewisses Spektrum ab, an dessen einem Rand sich extreme Positionen sammelten, die für faschistische und nationalsozialistische Ideen anschlussfähig waren.
Slowakische Intellektuelle stellten sich nach 1918 die Aufgabe, eine eigenständige Nationalkultur zu schaffen. Sie sahen sich als Schöpfer einer Nationalkultur, auch wenn diese offiziell Teil der tschechoslowakischen Kultur zu sein hatte. Viele Künstler wandten sich nationalen Themen zu, selbst wenn sie ihre Arbeiten zuvor an der zivilisatorisch orientierten, internationalen Moderne ausgerichtet hatten. Das Feld der Kultur musste neu definiert werden. Der ungarische personelle und institutionelle Kontext fiel plötzlich weg, doch das alte Selbstverständnis wandelte sich nur allmählich. Die tschechische Kultur, zu der sich nur ein Teil der slowakischen Intellektuellen hingezogen fühlte, wurde mit einem Mal dominant und zentraler Bezugspunkt. Die Umbruchssituation von 1918/1919, die Bildung des neuen, zentralistischen Staates und vor allem die de facto ungleiche Position der Slowaken entfachten einen partikularistischen slowakischen Nationalismus, in dem intellektuelle Führer alternative Gesellschaftsmodelle entwarfen. Anfänglich setzte der Nationalismus kreative Prozesse in Gang, von denen Zeitschriften, Literatur, Film, Malerei und Bildhauerei profitierten. Die kulturellen und künstlerischen Aktivitäten bewegten sich dabei zwischen den Polen des Politischen und des Ästhetischen. Angesichts der relativ großen Vielfalt handelte es sich bei den nationalistischen Kulturschaffenden nicht um eine einheitliche kulturelle Bewegung oder Gruppierung. Vielmehr ist hier von einer thematisch bestimmten Elitenbildung mit einem Netzwerkcharakter auszugehen. Nichtsdestoweniger hatten die
unterschiedlichen Manifestationen dieser neuen intellektuellen Elite im Kern eine gemeinsame Idee, und zwar die der Segregation, verstanden als die Absonderung von Menschengruppen unter der Kategoriebildung des “Nationalen”.
“Segregation” als ein negativer Begriff wurde selten in offener Form propagiert, stattdessen in euphemistische Formeln gekleidet. Je programmatischer die Texte, desto repetitiver sind die nationalistischen Phrasen. An der Oberfläche solcher Texte lassen sich wenige Erkenntnisse gewinnen. In literarischen Texten hingegen werden komplexere Narrative entwickelt, in denen die kulturellen Quellen nationalistischer Vorstellungen umfassender entzifferbar sind.
Der Begriff der “intellektuellen Elite” wird in der vorliegenden Arbeit zum Erfassen der Akteure gewählt. Das ist von Vorteil für die Bestimmung einer Gruppe von Intellektuellen, die professionell in verschiedenen Feldern tätig war. Eine Elite wird vor allem durch ihren Status in der Öffentlichkeit definiert, nicht aber durch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten und einzigen gesellschaftlichen Feld. Zudem muss sie sich nicht genuin als politisch verstehen, kann durchaus aber Ziele verfolgen, die einer bestimmten politischen Richtung nahestehen. So verdanken etwa die kulturellen Produkte ihre Gestalt nicht allein politischen Zielen, sondern gleichzeitig einer eigenständigen symbolischen Praxis, die künstlerische Kriterien oder sozialen Absichten folgt. Berücksichtigt werden in der vorliegenden Untersuchung Kulturschaffende, deren publizistische und literarische Werke über die angestrebte Nationalisierung Auskunft geben, das heißt über den Versuch, das gesellschaftliche Leben mit der nationalen Idee zu durchdringen und umzugestalten. Voraussetzung und Rahmen der Elitenbildung sind Organisationen wie Vereine und Parteien und deren Zeitschriften.
Schreibende Frauen gab es einige, darunter vereinzelte professionelle Journalistinnen. Doch waren sie nicht an der nationalen Elitenbildung beteiligt. Sie fanden weder Eingang in die nationalistischen Netzwerke, noch wurden sie politische Funktionsträgerinnen. Die Männer wiesen den Frauen indes bestimmte Rollen im Nationalismus zu, was die “Nation” als männliche Imagination in den fiktiven Texten spiegelt.
Dominant im slowakischen Nationalismus waren die Intellektuellen im Umfeld der Slowakischen Volkspartei sowie einzelne Personen der kleineren Slowakischen Nationalpartei. Die populistische und teilweise als völkisch zu charakterisierende Partei war zwar dominant, doch nicht allein bestimmend. Ein Teil der Intellektuellen, oft im Umfeld katholischer Organisationen, hielt die junge Nation innerhalb der Doppelnation für gefährdet und sah es als persönliche Pflicht an, sie zu stärken. Sie taten dies durch das Verfassen literarischer und publizistischer Texte oder öffentlicher Reden.
Der intellektuelle Nationalismus profitierte von der paradoxen Ungleichzeitigkeit der Nation: Sie war zugleich Legitimation und Ziel im Nationalismus. Somit
war sie wesentlich auf Symbolisierungen und deren Kommunikation angewiesen.3 Die Notwendigkeit einer Arbeit am Symbolischen erwies sich oft als Karrierechance für junge Intellektuelle.
Methodisch folgt meine kulturhistorische Untersuchung einem soziologischen Praxisbegriff. Dem Praxisansatz zufolge ist eine “Nation” vor allem eine Kategorie, die in einer Gesellschaft als wesentliche Deutungsinstanz etabliert werden soll. Dabei stellt sich die Frage nach wichtigen Akteuren bei der Umsetzung. Im untersuchten Zeitraum und im abgesteckten politischen Raum richtet sich der Fokus auf Intellektuelle und Kulturschaffende, bei denen sich eine kulturelle und zugleich nationalistische Praxis nachweisen lässt. Bezogen auf die kulturelle Tätigkeit vermeidet der Praxisbegriff einerseits eine essentialistische Definition von „Kultur“ und erfasst andrerseits die zwei unterschiedlichen, in dieser Arbeit relevanten Dimensionen von „Kultur“. Es werden die literarischen und publizistischen Werke einer intellektuellen Elite untersucht, die Identifikations- und Deutungsangebote schaffen will. Die Werke dieser elitären Kultur werden nach ihrem anthropologischen kulturellen Gehalt befragt, nach kulturellen Mustern, die sich darin teilweise unbewusst manifestieren. In erster Linie werden die Texte als Teil einer gesellschaftlichen Praxis gedeutet, die gleichzeitig mittendrin ist und dennoch immer auf der Suche nach reflektierender Distanz gegenüber der Gesellschaft.
Einigen Raum nimmt die Darstellung der Geschichte slowakischer Ideen des Nationalen ein, wobei Divergenzen und Spannungen deutlich gemacht werden, so dass die Kontingenz und Arbitrarität der historischen Nationsvorstellungen zu Tage treten. Unumgänglich war es im Weiteren, den historischen Kontext, in dem die nationalistischen Akteure agierten, gründlich darzustellen. Der ethno-politisch motivierte, historische Nationalismus verlangt geradezu, die politischen Verhältnisse des binationalen und multiethnischen Staatsgebildes mit seinen diversen Kulturen und Religionen genauer zu beleuchten. Erst vor diesem Hintergrund sind die Handlungsgrundlagen der Akteure und ihrer nationalistischen Entwürfe zu erkennen.
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Als Quellen dieser Arbeit dienen publizistische und literarische Texte, die mit dem Fokus auf der nationalistischen Praxis erstmalig zusammengestellt und untersucht werden. Doch ist der eigentliche Ausgangspunkt nicht ein bestimmter Quellenkorpus, sondern vielmehr eine nach sozialen Kriterien zusammengestellte Gruppe von jungen aufstrebenden Intellektuellen aus ähnlichem Milieu und derselben Generation, die sich durch ihr nationalistisches Engagement in der Öffentlichkeit hervortaten. Dieser biografisch-thematische Zugang erlaubt den Blick auf Akteure, die sich als bereits bekannte Persönlichkeiten in verschiedenen Öffentlichkeitsbereichen profiliert hatten: in Politik, Journalismus und Literatur.
Der den Akteuren gemeinsame Weg vom journalistischen Schreiben bis zur Übernahme öffentlicher Funktionen ist als Teil einer historischen nationalistischen Praxis erkennbar und wird im biografischen Kapitel nachgezeichnet. So wie sich die kulturellen Institutionen ausdifferenzierten und etablierten, diversifizierten sich auch die Werdegänge der nationalistischen Intellektuellen. Oftmals stand gerade die Initiative einzelner nationalistischer Intellektueller hinter der Gründung und Profilierung von Presseorganen und Kulturinstitutionen. Wie diese Einrichtungen als Teil des slowakischen Nationsprojektes und in Opposition zum gesamtstaatlichen Nationalismus funktionierten, wird in einem eigenen Kapitel dargestellt.
Untersucht man die literarische Praxis der nationalistischen Intellektuellen im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Kontext, zeigt sich als vorrangiges Ziel, die Nation als Gefühlsgemeinschaft in Analogie zur christlichen Glaubensgemeinschaft zu deuten. Dafür gründeten sie ihre nationalistischen Entwürfe und Vorstellungen auf christlichen Mythen. Sie transformierten das christliche Narrativ und dessen Elemente wie Martyrium, Opfer, Auferstehung und Reinigung in nationale Narrative und säkularisierten diese dabei. Besonders eignete sich die fiktionale Literatur dafür, was detailliert an Romanen und Gedichtzyklen von exemplarischen Vertretern der jungen nationalistischen Elite herausgearbeitet wird. In der publizistischen Rhetorik mit ihren journalistischen Textsorten wurden mythische Verfahren weniger angewendet. Doch selbst in der institutionellen kulturellen Praxis lassen sich Spuren von Mythentransformationen nachweisen. Gewisse mythische Motive verbinden wie Rhizome diese drei untersuchten Praxisbereiche, die in eigenständigen Kapiteln dargestellt sind.
Die Praxis der kulturell tätigen Nationalisten changierte zwischen der Säkularisierung von religiösen Inhalten und der Sakralisierung von nationalistischen Ideen. Religiöse Themen dominierten, weil katholische Theologen das Fundament des modernen slowakischen Nationalismus legten. Der Grad an Säkularisierung des katholischen Glaubens zugunsten der Gestaltung und Durchsetzung einer nationalen Religion blieb unausgesprochen der Zankapfel zwischen den verschiedenen
Lagern, den gemäßigten und den radikalen, den älteren und den jüngeren Nationalisten.
Was war aber das Ziel der säkularisierenden und sakralisierenden kulturellen Praxis? In den Kategorien christlicher Moralvorstellungen wurde die Gestalt der idealen slowakischen Nation entworfen und verhandelt. Die starke Position der Schriftsteller im nationalistischen Diskurs rührte nicht zuletzt vom grundsätzlich antistaatlichen, integralistischen Charakter des dominierenden slowakischen Nationalismus her. Mit ihren Beiträgen zu einem Nationalismus mit religiösen Zügen stellten sich die Intellektuellen - beabsichtigt oder nicht - in den Dienst der autonomistischen politischen Bewegung, die aus ihren totalitären Absichten keinen Hehl machte.
2 Nationalismus und kulturelle Praxis
2.1 Forschung zum slowakischen Nationalismus
Zum Begriff „Nationalismus”
Der Begriff “Nationalismus” ist für die wissenschaftliche Untersuchung nicht nur von den Konzepten „Faschismus” und „Nationalsozialismus‟ abzugrenzen. Seine Semantik differiert auch aufgrund unterschiedlicher nationaler Vergangenheiten und Wissenschaftskulturen. Im Polnischen versteht sich unter dem Begriff Nationalismus ein National-Chauvinismus. Auch im Tschechischen wird darunter die Priorität der eigenen nationalen Werte gegenüber allen anderen Werten und Gruppen verstanden.4 Ähnlich wie in Zentraleuropa ziehen einige westliche Philosophen wie Hannah Arendt und Jürgen Habermas den Begriff Patriotismus dem Nationalismus sowie Staatsbürgerschaft dem „Nationentum‟ vor. Ein weniger belastetes Verhältnis hingegen weist die Verwendung im englischen Sprachraum auf, in dem Nationalismusforschung in verschiedenen Disziplinen etabliert ist.
In der Slowakei wird der Begriff Nationalismus bis heute als eine Bezeichnung für rechtsextreme Strömungen verwendet. Der Begriff „Nationalismus” war nach 1918 unter slowakischen Nationalisten im Gegensatz zur Verwendung bei den politischen Gegnern positiv besetzt. Davon ausgehend etablierte sich die bis heute in der Slowakei gebräuchliche Aufspaltung in „národovec“5 und „nacionalista“. Beide Ausdrücke stehen für „Nationalist“. Allerdings ist der erste Ausdruck aus dem slowakischen Wort „národ“ (Nation, Volk) gebildet und positiv konnotiert - das erlaubt auch die Übersetzung als „Patriot“. Der zweite Ausdruck hingegen ist aus dem lateinischen Wort „natio“ gebildet und trägt die negative Konnotation. Die slowakische Variante gilt für die „guten“ Nationalisten des 19. Jahrhunderts mit ihren emanzipatorischen Zielen. Die lateinische Variante hingegen steht retrospektiv für rechte, antidemokratische Kräfte und wird auf die Nationalisten nach 1918 bezogen, und zwar auf jene, die für das Auseinanderbrechen der Ersten Republik verantwortlich gemacht werden.
In der historischen Forschung werden etwa die Hlinka-Garden unter diesem Schlagwort untersucht. Ein breiteres Verständnis wird in letzter Zeit wieder mit dem Begriff „slowakisches Denken“6 oder durch das zurückkehrende „nationale Bewusstsein“7 abgedeckt, das vor allem in der Zwischenkriegszeit mit Blick auf die nationalen Erwecker des 19. Jahrhunderts angewandt wurde. Meines Erachtens ist der Begriff „nationales Bewusstsein“ bereits ein Ideologem, da er etwas Unbewusstes impliziert, das zu Bewusstsein gebracht werden muss. Abgelöst wurde die kognitive Kategorie „Bewusstsein“ in jüngerer Zeit vom Begriff „Identität“, der ebenfalls problematisch ist, da er in der Gegenwart einer Politik von Interessengruppen 8 dient und eine positiv-tendenziöse Konnotation trägt. Zudem wird „Identität“ hinsichtlich ihrer analytischen Aufgaben überfrachtet.9 Der slowakische Ausdruck für Patriotismus „vlastenectvo“ [Vaterlandsliebe] taucht zögerlich wieder au...
Inhaltsverzeichnis
- Ordnungssysteme
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- Vorwort
- 1 Einleitung
- 2 Nationalismus und kulturelle Praxis
- 3 Nationale Ideen vor 1918
- 4 Tschechoslowakische Nationalisierung und slowakischer Nationalismus
- 5 Eine neue intellektuelle Elite
- 6 Die „Nation” in der institutionellen Praxis
- 7 Nation als rhetorische Praxis
- 8 Literarische Praxis
- Schlussfolgerungen
- Bibliografie
- Ordnungssysteme
Häufig gestellte Fragen
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