Die Rheinlandkrise 1936
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Die Rheinlandkrise 1936

Das Auswärtige Amt und der Locarnopakt 1933-1936

  1. 528 Seiten
  2. German
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Die Rheinlandkrise 1936

Das Auswärtige Amt und der Locarnopakt 1933-1936

Über dieses Buch

Die Wiederbesetzung der entmilitarisierten Zone im Rheinland am 7. März 1936 galt seit jeher als Wendepunkt in der Geschichte der Zwischenkriegszeit. Von diesem Zeitpunkt an war es nicht mehr möglich, Hitler ohne den großen Krieg in die Schranken zu weisen. Dabei waren die Motive, die die deutsche Führung zu diesem riskanten Schritt veranlassten, unklar. Erstmals werden nun die Zusammenhänge auf breiter Quellengrundlage untersucht. Alexander Wolz zeigt, dass das Auswärtige Amt den Locarnopakt als erloschen ansah und früher als Hitler auf eine Beendigung des Vertrags hinarbeitete. Wo die Diplomaten eine politische Aktion im Auge hatten, ergriff Hitler die Gelegenheit, um in dramatischen Beratungen einen Gewaltcoup zu formen, der seine Stellung nach Innen und nach Außen festigte.

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Information

Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783486989816

1. Einleitung und Problemstellung

Am 8. März 1936 begegneten sich nach der Feier zum Heldengedenktag der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Bernhard Wilhelm von Bülow und der General der Artillerie Ludwig Beck, Chef des deutschen Generalstabes, auf der Treppe der Berliner Staatsoper1. Bülow war groß gewachsen und lief leicht vorn übergebeugt. Er war ein schweigsamer und zurückhaltender Junggeselle, aber ein brillanter Denker und leidenschaftlicher Kämpfer, wenn er von einer Sache überzeugt war2. Bülow war 1911 in das Auswärtige Amt eingetreten, hatte den Dienst aber 1919 aus Protest gegen den Versailler Vertrag quittiert. Erst nach seiner Rückkehr im Jahr 1923 begann der Aufstieg Bülows, der ihn im Juni 1930 in das Amt des Staatssekretärs führte. Im März 1933 verfasste er, betroffen vom Terror der nationalsozialistischen „Revolution“, ein Rücktrittsgesuch, das er jedoch niemals abschickte3. Er verblieb im Amt in der Hoffnung, Hitler lenken und von unüberlegten Handlungen abhalten zu können. Er diente als Staatssekretär bis zu seinem plötzlichen Tod im Juni 1936 und gilt vielen Beobachtern als der eigentliche Lenker der deutschen Außenpolitik dieser Zeit4.
Auch Beck kam leicht gebeugt die Operntreppe herunter. Mit seinem schmalen und gefurchten Gesicht glich er dem älteren Moltke, dessen Bewunderer er war5. Wie Bülow war Beck ein Mensch, der wenig von sich preisgab. Er war bekannt für seinen Fleiß und seine Selbstdisziplin ebenso wie für seine überragenden Kenntnisse, die ihm den Ruf eines soldat-philosophe eingebracht hatten. Beck war 1898 in die preußische Armee eingetreten. Schnell stieg er auf, auch nicht gebremst von den begrenzten Karrierechancen des 100 000 Mann-Heeres der Weimarer Republik. Anders als Bülow hatte er keine Schwierigkeiten mit der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten. Hitlers Bekenntnis zur schnellen und umfassenden „Wiederwehrhaftmachung“ des Deutschen Reiches schuf Beck erst seine Lebensaufgabe. Im Oktober 1933 wurde er zum Chef des Generalstabes (damals als Truppenamt bezeichnet) ernannt und bestimmte in dieser Funktion fortan Ziel, Methode und Tempo der deutschen Aufrüstung6. Als Beck im Sommer 1938, entsetzt von den kriegerischen Absichten der deutschen Führung, seinen Dienst quittierte, hinterließ er Hitler die schlagkräftige Armee, die dieser für seinen Lebensraumkrieg gegen die Sowjetunion brauchte7.
Das Treffen der beiden Männer vor der Berliner Oper ereignete sich im Augenblick einer schweren außenpolitischen Krise. Am Tag zuvor, dem 7. März 1936, waren deutsche Truppen in die entmilitarisierte Zone am Rhein einmarschiert. Hitler hatte in einer Rede vor dem Reichstag die Wiederherstellung der vollen Souveränität des Deutschen Reiches proklamiert und den Vertrag von Locarno, den Stresemann im Jahr 1925 mit England und Frankreich vereinbart hatte, für null und nichtig erklärt8.
Der Ernst der Lage war dem Gespräch nicht anzumerken. Im Scherz schoben sie sich gegenseitig die Verantwortung für die Krise zu. Beck fragte Bülow: „Was macht Ihr für Sachen?“, woraufhin der entgegnete: „Sind wir ins Rheinland einmarschiert oder Ihr?“ Hinter dem Lächeln der Männer – bemerkt Schwerin v. Krosigk, damals Reichsfinanzminister, der diese Episode überliefert hat – verbarg sich das Bewusstsein, dass Reichswehr und Auswärtiges Amt nicht an der Entscheidung zur Wiederbesetzung der Rheinzone beteiligt worden waren9.
Die Remilitarisierung des Rheinlandes war nicht der erste außenpolitische Gewaltcoup seit der NS-Machtübernahme im Jahr 1933. Der Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund und die Einführung der Wehrpflicht waren ebenfalls eklatante Vertragsbrüche gewesen. Aber das Wagnis und die Gefahr einer militärischen Reaktion der Locarnomächte waren diesmal viel größer10. „Ich muss sagen, dass uns etwa so unheimlich zumute war, wie einem Spieler, der sein ganzes Vermögen im Roulette auf Rot oder Schwarz setzt“11, beschrieb Alfred Jodl, damals Oberst, das Gefühl der Militärs während der Rheinlandbesetzung. Zum ersten Mal hatte sich die Wehrmacht aktiv an der Exekution eines politischen Beschlusses beteiligt. Zum ersten Mal richtete sich der Schlag nicht nur gegen das „Diktat von Versailles“, sondern auch gegen einen frei ausgehandelten Vertrag, dessen Einhaltung Hitler noch vor Kurzem zugesichert hatte. Zum ersten Mal kündigte Deutschland nicht nur eine völkerrechtliche Vereinbarung, sondern vollzog eine territoriale Revision in Form einer tatsächlichen Veränderung der Versailler Nachkriegsordnung. Zum ersten Mal – so schien es den Zeitgenossen – handelte der „Führer“ selbstherrlich und gegen den Willen seiner Berater, die einen Konflikt mit den Westmächten für verfrüht hielten, weil die Aufrüstung der Wehrmacht noch nicht beendet war; traf also Hitler die Entscheidung zur überraschenden Besetzung der Zone aus eigenem „außenpolitischen Genie“12 und behielt Recht mit seinen Einschätzungen: Die Westmächte und der Völkerbund in Genf waren düpiert worden, lehnten aber eine militärische Antwort ab. Hitlers Fazit aus der Rheinlandkrise lautete: „Weder Drohungen noch Warnungen werden mich von meinem Weg abbringen. Ich gehe mit traumwandlerischer Sicherheit den Weg, den mich die Vorsehung gehen heißt.“13 Der Führermythos war geboren14.
Die außenpolitischen Folgen der Aktion waren immens15. Einmal verbesserte die Besetzung des Rheinlandes die strategische Lage des Deutschen Reiches. Dies betraf den Schutz des industriellen Potenzials im Ruhrgebiet genauso wie die Errichtung einer sicheren Barriere gegen französische Einfälle. Die Sicherung der Grenze im Westen war die unabdingbare Voraussetzung, um deutsche Revisionsansprüche im Osten aktiv angehen zu können. Umgekehrt hinderte die Befestigung der deutschen Westgrenze das französische Heer, seinen östlichen Verbündeten Polen, der Tschechoslowakei und Russland durch einen schnellen Vorstoß nach Deutschland zu Hilfe zu eilen; das Fundament des französischen Bündnissystems war mit einem Schlag zerstört16.
Die Untätigkeit Frankreichs in der Rheinlandkrise und die fehlende Bereitschaft, den Status quo notfalls mit Gewaltanwendung zu verteidigen, beendeten die französische Hegemonie auf dem Kontinent. Frankreich war alleine nicht handlungsfähig, seine militärische Planung beschränkte sich auf die Verteidigung des Mutterlandes und die französische Armee war nicht Willens, an der Seite der Verbündeten zu marschieren. Viele Staaten Ostmitteleuropas orientierten sich daher weg von Frankreich und hin zu Deutschland. Jugoslawien, Rumänien und Ungarn gerieten vor allem wirtschaftlich in zunehmende Abhängigkeit vom Reich17. Italien verließ die Stresafront, und Mussolini begann, der deutschen Braut schöne Augen zu machen. Um dem Reich die Liaison zu versüßen, brachte er Österreich als Geschenk mit. „Wenn Österreich ( ...) praktisch ein Satellit Deutschlands würde, so hätte er dagegen nichts einzuwenden“, so ließ er sich gegenüber dem deutschen Botschafter vernehmen18. Während so Italien seine Rolle als Schutzmacht der Alpenrepublik aufgab, schlossen Deutschland und Österreich am 11. Juli 1936 ein Abkommen, in dem die Wiener Regierung zusicherte, eine Außenpolitik zu führen, die dem deutschen Charakter des Landes entsprach19 – ein wichtiger Schritt in der Vorgeschichte des „Anschlusses“ vom März 193820. Belgien21 und die skandinavischen Länder kehrten zur Neutralitätspolitik der Vorkriegszeit zurück.
Schließlich wurde bei der Wiederbesetzung des Rheinlandes die letzte Gelegenheit vertan, das NS-Regime ohne einen großen Krieg aufzuhalten22. Mit der „Kündigung“ Locarnos durchschnitt Hitler die letzten Bindungen zu Europa. Die Befestigung der Grenzen und die rasante Aufrüstung verschafften dem Deutschen Reich die Macht, erst Europa seine politische Dynamik aufzuzwingen und dann die ganze Welt in den Untergang zu stürzen23. „Der 7. März 1936“, so lautete das Urteil der Historiker, „war das Relais, an dem die Schicksalsreiter die Pferde wechselten“24.
Die Deutung der Rheinlandkrise im Urteil der Zeitgenossen hielt sich an das Bild Krosigks, wonach Armee und Diplomatie nicht am Entschluss zur Rheinlandbesetzung beteiligt gewesen seien. Man kann darin die klassische, auf die Person Hitlers zentrierte Erklärung des Geschehens erkennen (das lange Zeit für die Erklärung der NS-Außenpolitik generell Geltung besaß25). Demnach habe sich der Reichskanzler Anfang Februar 1936 in Bayern zur „überraschenden Besetzung“ des entmilitarisierten Rheinlandes entschlossen, ohne seine professionellen Berater zu konsultieren26. Nur der Reichswehrminister, der Oberbefehlshaber des Heeres, der Außenminister und einige Diplomaten waren eingeweiht, während die Mitglieder des Reichskabinetts erst am 6. März 1936 verständigt wurden27. Den Fachleuten aus Diplomatie und Reichswehr verblieb die Umsetzung eines Beschlusses, den sie für verfrüht und zu riskant hielten. Der Coup gelang spektakulär, und Hitler triumphierte über das matt protestierende Ausland und die warnenden Stimmen im Innern28.
Die Geschichtswissenschaft griff diese Deutung bereitwillig auf. Die ersten Arbeiten zur Wiederbesetzung des Rheinlandes, die nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, bewegten sich im Rahmen der auf die Person Hitlers fixierten Deutung. Die erste umfassende Studie zur Rheinlandkrise stammte von dem Amerikaner Aaron L. Goldman, der in seiner im Jahr 1967 abgeschlossenen Dissertation „the events which led up to the ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Inhaltsverzeichnis
  4. Vorwort
  5. 1. Einleitung und Problemstellung
  6. 2. Die Ausgangslage (1925-1933)
  7. 3. Die Haltung Hitlers und der Reichswehr zum Rheinpakt von Locarno und zur entmilitarisierten Zone (1933-1936)
  8. 4. Die Locarnopolitik des Auswärtigen Amtes (1933–1936)
  9. 5. Entscheidung und Aktion (Februar-März 1936)
  10. 6. Zusammenfassung der Ergebnisse
  11. Quellen- und Literaturverzeichnis
  12. Abkürzungsverzeichnis
  13. Personenregister

Häufig gestellte Fragen

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