Antike Religion
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Antike Religion

  1. 209 Seiten
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Antike Religion

Über dieses Buch

Lange Zeit galten die religiösen Weltbilder der griechischen und römischen Kultur nur als Relikt eines absterbenden primitiven Weltbildes, das kaum erforscht wurde. Diese Einstellung hat sich in den zurückliegenden zwei Jahrzehnten dramatisch verändert, da immer deutlicher wurde, welch hohe Bedeutung die Religion in den antiken Kulturen besaß und behielt. Der Band bietet einerseits eine kompetente Einführung in die Materie sowie breite Orientierung in der immensen Forschungsliteratur. Andererseits soll die vergleichende Darstellung der religiösen Weltbilder in der Antike das Bewusstsein für die Unterschiede schärfen, die es bei allen Gemeinsamkeiten gab. Auf diese Weise schließt das Buch auch eine Lücke in der Fachliteratur.

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Information

Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783486989731

II. Grundprobleme und Tendenzen der Forschung

1. Forschungsgeschichte

1.1 Geschichte der Religionswissenschaft

Die Annäherung an das Phänomen Religion war in der europäischen Wissenschaftstradition der Neuzeit lange Zeit dadurch geprägt, dass die Autoren selbst einen klaren Standpunkt in religiösen Fragen vertraten. Die existentielle Wahrheit der christlichen Lehre wurde nur selten angezweifelt. In dieser Sichtweise gab es nur eine ,wahre Religion‘, das Christentum, das durch göttliche Offenbarung den Menschen vermittelt worden war. Alle anderen religiösen Strömungen, insbesondere diejenigen, die nicht zu den großen ,Buchreligionen‘ gehörten, wurden mit dem abwertenden Begriff des Heidentums belegt, der ihren Charakter als Irrglauben unterstreichen sollte. Dies führte dazu, dass ,Religion‘ als anthropologisches Phänomen, das sich in den einzelnen Kulturkreisen unterschiedlich manifestierte, nicht ins Blickfeld geriet. Die Deutung wahrer Religion fiel mit der Theologie zusammen, während die Beschäftigung mit anderen Glaubenssystemen eher antiquarischen oder volkskundlichen Charakter besaß. Eine übergreifende Religionswissenschaft konnte unter diesen Umständen nicht entstehen.
Dies änderte sich erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Nachdem schon die Aufklärung die religiösen Überzeugungen mit den Grundsätzen des ,vernünftigen Denkens‘ konfrontiert und relativiert hatte, entwickelte sich vor allem durch den zunehmenden Kontakt mit anderen Kulturen eine neue Einstellung. Aus dem wachsenden Interesse an fremden Sprachen gingen Übersetzungen außereuropäischer Literatur hervor. Vor allem die Übersetzung des iranischen Avesta im Jahr 1771 erregte die Aufmerksamkeit gebildeter Kreise, die sich in der Folgezeit in der Rezeption der Übersetzung von indischen Schriften zur Religion fortsetzte. Die Ägyptenexpedition Napoleons und die daran anschlieβende Ägypteneuphorie, die zur Entzifferung der Hieroglyphen und schließlich auch der Keilschrift führte, warfen ein ganz neues Licht auf die Schilderungen des Alten Testaments. Die alttestamentarischen Ereignisse wurden nun nicht mehr als singuläre Vorgeschichte der modernen Menschheit angesehen, sondern nur noch als ein Teil einer viel breiteren altorientalischen Geschichte, in die sie einzubetten waren.
Parallel zu diesen Entwicklungen dehnten sich die Herrschaftsräume der großen europäischen Mächte im Zuge des aufkommenden Imperialismus immer stärker aus. Vor allem in Afrika, aber auch in Fernost und Polynesien sahen sich die Repräsentanten der europäischen Staaten mit einheimischen Kulturen konfrontiert, deren Weltbild und Organisationslogik sich grundlegend von der Kulturtradition der neuen Machthaber unterschied. Geboten schon die Grundsätze einer effizienten Herrschaftsorganisation intensivere Kenntnisse der Gewohnheiten und Denkstrukturen der unterworfenen Bevölkerung, übernahmen es bald christliche Missionare, sich längerfristig bei den Einheimischen aufzuhalten, um sie zum Christentum zu bekehren. Aus diesen – wenn auch oft tendenziösen – Quellen nahmen die Kenntnisse der so genannten Naturvölker erste Konturen an. Die entstehenden europäischen Sozialwissenschaften mussten das Problem lösen, diese ,primitive‘ Kulturen in ihre Kulturtheorien der Menschheit einzufügen.
Während ursprünglich die Meinung vorherrschte, die Stammesgesellschaften repräsentierten degenerierte Überreste alter Hochkulturen, setzte sich seit den Studien von EDWARD BURNETT TYLOR (1832-1917) die Auffassung durch, dass die ,primitiven‘ Kulturen die Anfangsstadien in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Gesellschaft darstellten [1.1: TYLOR, Primitive Culture]. Besonders anhand von religiösen Phänomenen suchte TYLOR den Nachweis zu führen, dass es keine eindeutige Trennung zwischen primitiven und modernen Gesellschaften gebe, sondern dass auch in den gegenwärtigen Gesellschaften eine Vielzahl alter Rituale als Relikte überlebt habe, so dass diese eher eine Mischung aus beiden Entwicklungsstufen darstellen. Die Beschäftigung mit den frühen Gesellschaften war also auch für die Selbsterkenntnis der eigenen Gegenwart von großer Bedeutung. Auch die berühmte Umfrage von WILHELM MANNHARDT (1831-1880) über Ernterituale in verschiedenen Regionen Mitteleuropas aus dem Jahr 1865 wies in die gleiche Richtung und stimulierte die Forschung wesentlich [1.1: Wald- und Feldkulte]. Fortgesetzt wurden diese Studien durch die einflussreichen Arbeiten von JAMES GEORGE FRAZER (1854-1941), der von einer Dichotomie von Magie und Religion ausging [1.1: Bough]. Zwischen diesen beiden religiösen Ebenen, die er nur unzureichend konzeptionalisierte, sah er einen Prozess des Fortschritts, den allerdings nur Teile der Gesellschaft vollzogen. Während die Gebildeten sich aus den Fängen des magischen Weltbildes befreiten und komplexe Religionen entwickelten, verharrte vor allem die bäuerliche Unterschicht in der Welt magischer Rituale [1.1: HARRISON, Ancient].
Mit diesen Forschungsansätzen war eine wichtige Verbindungslinie zwischen den Gesellschaftsformen hergestellt. Doch blieb bei ihnen die Religion ein eher isoliertes Phänomen. Einen Weg aus dieser isolierten Betrachtung wies WILLIAM ROBERTSON SMITH (1846-1894) am Ende der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. In seinen Studien zu der ,Religion der Seiten‘ wies er auf den engen Zusammenhang zwischen dem religiösen Weltbild und den Sozialstrukturen einer Gesellschaft hin [1.1: Religion]. Noch konsequenter als bei SMITH findet sich dieser Ansatz bei dem bedeutenden französischen Soziologen EMILE DURKHEIM (1858-1917) verwirklicht. Für DURKHEIM entsprang die Religion nicht dem Bestreben der Menschen, Erscheinungen zu deuten und die Welt zu erklären, sondern für ihn war sie eine universelle Komponente des menschlichen Verhaltens, die es dem Individuum erst ermöglichte in Gesellschaften zu leben [1.1: Formen]. Die Religion symbolisiert in allen Gesellschaften die Integration des Einzelnen in kollektive Strukturen der sozialen Organisation. Religion ist also kein geistiges Phänomen der Vormoderne, das durch wissenschaftlichen Fortschritt überwunden werden kann, sondern sie ist integraler Bestandteil aller Gesellschaften und legt erst das Fundament für deren Funktionsfähigkeit. Die Forschungsperspektive verschob sich damit von der isolierten Untersuchung und Klassifizierung religiöser Überzeugungen hin zum Aufbau menschlicher Gesellschaften und der Bedeutung, die der Religion dabei für den Bestand der Gesellschaften zukam.
Die Betonung der Universalität von sozialen Tatbeständen (faits sociaux ) sowohl in einfachen wie auch in komplexen Gesellschaften, etwa der religiösen Überhöhung sozialer Strukturen, bei DURKHEIM ließ zudem aus dem qualitativen Sprung von ,primitiv‘ zu modern, der die ältere Forschung beherrschte, einen graduellen Unterschied werden.
Funktionalität und Universalität wurden die entscheidenden Aspekte, die die einflussreichen ethnologischen Forschungsrichtungen des Funktionalismus und der strukturalen Anthropologie prägen sollten, deren Überlegungen weitin die Religionswissenschaften abstrahlten [1.1: LÉVI-STRAUSS, Mythologicae; DERS., Anthropologie; 1.1: MALINOWSKI, Argonauten; zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dieser Forschungsrichtung 1.1: EVANS-PRITCHARD, Theorien; einen vorzüglichen Forschungsüberblick gibt 1.1: PETERMANN, Geschichte]. Eine besonders konsequente Weiterentwicklung in der aktuellen soziologischen Forschung stellt der systemtheoretische Ansatz von NIKLAS LUHMANN (1927-1998) dar [1.1: Funktion; Gesellschaft].
Parallel zu DURKHEIM entwickelte MAX WEBER (1864-1920) seine gesellschaftstheoretischen Konzepte [1.1: Wirtschaft; Religionssoziologie]. Auch WEBER ging davon aus, dass soziales Handeln von Menschen mit ,Sinn‘ behaftet ist, indem es sich am Verhalten anderer orientiert und darauf Bezug nimmt. Auch für WEBER ist also die Einordnung in einen gemeinsamen Handlungszusammenhang die Grundlage menschlicher Existenz. Im Gegensatz zu DURKHEIM verzichtet WEBER aber auf eine universell anwendbare Definition von Religion und sieht in ihr den Versuch einer Sinngebung in rational kaum zu bewältigenden Krisensituationen, wie z. B. Tod und Krankheit. Darüber hinaus komme der Religion eine wichtige Funktion bei der gemeinsamen Auswahl bzw. dem Ausschluss von Handlungsoptionen innerhalb einer Gruppe zu. Die Konvergenz sozialen Verhaltens durch religiöse Legitimation und die Verarbeitung persönlicher Existenzkrisen stehen somit im Zentrum der Betrachtung. Damit werden zwei Komponenten bei der Analyse religiöser Phänomene stärker berücksichtigt als bei DURKHEIM: die Individualität und die jeweilige Gruppenzusammensetzung. Erst aus dem Spannungsfeld zwischen der individuellen Sinnsuche und der Konstellation des sozialen Umfeldes, z. B. unter Bauern, Kaufleuten oder Adligen, ergibt sich die spezifische Ausformung der religiösen Sphäre. Der universellen Funktion des Religiösen für das Sozialleben bei DURKHEIM steht bei WEBER also die spannungsreiche Einbettung der Religion in den jeweiligen gesellschaftlichen Kontexten gegenüber.
Aus diesen fundamentalen Ansätzen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden, ist in der Folge eine immense Fülle von Forschungstendenzen und Religionstheorien hervorgegangen, die an dieser Stelle in ihrer ganzen Komplexität unmöglich resümierend referiert werden können. Ein herausragendes Beispiel bleibt ohne Zweifel der in den 1960er Jahren von den Soziologen THOMAS LUCKMANN und PETER BERGER unternommene Versuch, ,Wirklichkeit‘ als ein gesellschaftliches Produkt der permanente...

Inhaltsverzeichnis

  1. Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike
  2. Titel
  3. Impressum
  4. Widmung
  5. Vorwort
  6. Zu diesem Band
  7. Inhaltsverzeichnis
  8. I. Enzyklopädischer Überblick
  9. II. Grundprobleme und Tendenzen der Forschung
  10. III. Literatur
  11. Anhang
  12. Register
  13. Enzyklopädie der griechisch-römischen Antike

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