Paulus
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Paulus

Leben und Denken

  1. 730 Seiten
  2. German
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Paulus

Leben und Denken

Über dieses Buch

Diese zweite, umfangreich überarbeitete und erweiterte Auflage entfaltet das Denken des Paulus vor dem Hintergrund seines Lebens unter Aufnahme der neueren wissenssoziologischen, geschichtstheoretischen und religionsgeschichtlichen Diskussion. Der erste Teil behandelt das Leben und die Briefe, im zweiten Teil folgt eine thematisch strukturierte Darstellung der zentralen Themen des paulinischen Denkens, das so in seiner historischen Genese wie in seiner Systemqualität erfasst wird. Drei Aspekte werden dabei in der Neuauflage ausgebaut und gestärkt: 1) Die Frage nach dem Ort des Paulus in der Religions- und Philosophiegeschichte seiner Zeit. 2) Die Einbindung des Paulus in die Konfliktgeschichte des frühen Christentums. 3) Paulus als theologischer Denker, der den Vergleich mit den Philosophen seiner Zeit nicht scheuen muss. Ziel ist es, ein differenziertes Bild des paulinischen Wirkens und Denkens zu entwerfen, das sowohl seine religionsgeschichtlichen und innerchristlichen Kontexte ernst nimmt als auch die Fähigkeit des Paulus berücksichtigt, neue religiöse Welten zu entwerfen und sie ggf. auch weiter zu entwickeln. Die paulinische Theologie ist weitaus kreativer und komplexer, als sie oft mit der einseitigen Fixierung auf einen jüdischen Hintergrund und/oder die Rechtfertigungs- bzw. Versöhnungslehre dargestellt wird.

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Information

Jahr
2014
ISBN drucken
9783110301571
eBook-ISBN:
9783110371819

1 Prolog: Paulus als Herausforderung

1.1 Annäherung

Paulus war eine Reiseexistenz. Wie kein anderer vor oder nach ihm verband er unterschiedliche Kontinente, Kulturen und Religionen und schuf etwas bleibend Neues: das Christentum als Weltreligion1. Als erster wirklich grenzüberschreitender Christ entwarf und lebte Paulus im Horizont der Parusie des Kyrios das neue Sein in Christus (ἐν Χριστῷ). Dies ist das Band, das ihn mit den Christen aller Zeiten verbindet. Einzutauchen in seine Gedankenwelt bedeutet deshalb auch immer, dem eigenen Glauben auf der Spur zu sein. „Welcher Missionar, Prediger und Seelsorger kann sich ihm vergleichen, sowohl was die Größe der vollendeten Aufgabe als was die heilige Energie in ihrer Ausführung betrifft!“2
Eine solche Persönlichkeit konnte nicht unumstritten bleiben. Schon in neutestamentlicher Zeit hatte man Probleme mit seinen subtilen Gedankengängen (vgl. 2Petr 3,15f). Während Paulus im Verlauf der Kirchengeschichte für die einen zum Garanten ihrer Theologie (Augustin, M. Luther, K. Barth) und zur Kraftquelle theologischer und kirchlicher Neuaufbrüche wurde, sahen andere im Völkerapostel nur einen Epigonen, der Jesu ursprüngliche Lehre von Gott in Theologie auflöste und damit verfälschte. H. J. Schoeps findet es denkwürdig, „daß die christliche Kirche sich von einem den väterlichen Glaubensvorstellungen weithin entfremdeten Assimilationsjuden der hellenistischen Diaspora hat ein völliges Zerrbild vom jüdischen Gesetz überreichen lassen“.3 J. Klausner konstatiert: „Paulus fehlt bei all seiner Bemühung um Autorität und bei seiner Art, jeden zu mißachten und zu hassen, der nicht sein besonderes Evangelium oder seine Ermächtigung als Apostel anerkennt, eben das, was man die wahre geistige Souveränität nennt.“4

1.2 Geschichtstheoretische Überlegungen

Wie soll man sich der vielschichtigen Persönlichkeit des Apostels Paulus nähern? Ist es überhaupt möglich, das Leben und Denken des Paulus hinreichend zu erfassen? Wie muss eine Darstellung des Lebens und Denkens des Paulus aufgebaut sein? Um diese Fragen zu beantworten, sind hermeneutische und methodologische Überlegungen auf zwei Ebenen erforderlich: 1) Unter welchen erkenntnistheoretischen Voraussetzungen vollzieht sich Geschichtsschreibung5? 2) Welche besonderen Probleme zeigen sich bei Paulus?

Das Entstehen von Geschichte

Im Zentrum der neueren geschichtstheoretischen Diskussion steht die Frage, wie sich historische Nachrichten und ihre Einordnung in den gegenwärtigen Verstehenszusammenhang des Historikers/Exegeten zueinander verhalten6. Das klassische Ideal des Historismus, nur zu „zeigen, wie es eigentlich gewesen“7 ist, erwies sich in mehrfacher Hinsicht als ideologisches Postulat8. Die Gegenwart verliert mit ihrem Übergang in die Vergangenheit unwiderruflich ihren Realitätscharakter. Schon deshalb ist es nicht möglich, das Vergangene ungebrochen gegenwärtig zu machen. Der Zeitabstand bedeutet Abständigkeit in jeder Hinsicht, er verwehrt historisches Erkennen im Sinne einer umfassenden Wiederherstellung dessen, was geschehen ist9. Vielmehr kann man nur seine eigene Auffassung von der Vergangenheit in der Gegenwart kundtun. Vergangenheit begegnet uns ausschließlich im Modus der Gegenwart, hier wiederum in interpretierter und selektierter Form10. Relevant von der Vergangenheit ist nur das, was nicht mehr Vergangenheit ist, sondern in die gegenwärtige Weltgestaltung und Weltdeutung einfließt11. Die eigentliche Zeitstufe des Historikers/Exegeten ist immer die Gegenwart 12, in die er unentrinnbar verwoben ist und deren kulturelle Standards das Verstehen des gegenwärtig Vergangenen entscheidend prägen. Die Sozialisation des Historikers/Exegeten, seine Traditionen, seine politischen und religiösen Werteinstellungen prägen notwendig das, was er in der Gegenwart über die Vergangenheit sagt13. Zudem sind auch die Verstehensbedingungen selbst, speziell die Vernunft und der jeweilige Kontext, einem Wandlungsprozess unterworfen, insofern die jeweilige geistesgeschichtliche Epoche und die sich notwendigerweise ständig wandelnden erkenntnisleitenden Absichten das historische Erkennen bestimmen14. Jede wissenschaftliche Disziplin führt apriorische Axiome mit sich, die historisch entstanden sind. Die Einsicht in die Geschichtlichkeit des Erkenntnissubjektes fordert eine Reflexion über seine Rolle im Erkenntnisprozess, denn das Subjekt steht nicht über der Geschichte, sondern ist ganz und gar in sie verwickelt. Deshalb ist ‚Objektivität‘ als Gegenbegriff zu ‚Subjektivität‘ völlig ungeeignet, um historisches Verstehen zu beschreiben15. Dieser Begriff dient vielmehr als literarische Strategie nur dazu, die eigene Position als positiv und wertneutral zu deklarieren, um so andere Auffassungen als subjektiv und ideologisch zu diskreditieren16. Das Erkenntnisobjekt kann nicht vom erkennenden Subjekt getrennt werden, denn das Erkennen verändert immer auch das Objekt. Das im Erkenntnisvorgang gewonnene Bewusstsein von Realität und die vergangene Realität verhalten sich nicht wie Original und Abdruck17. Deshalb sollte nicht von ‚Objektivität‘, sondern von ‚Angemessenheit‘ oder ‚Plausibilität‘ historischer Argumente gesprochen werden18. Schließlich sind jene Nachrichten, die als historische ‚Fakten‘ in jede historische Argumentation einfließen, in der Regel auch schon Deutungen vergangenen Geschehens. Nicht das wirklich vollzogene Geschehen ‚an sich‘ ist uns zugänglich, sondern nur die je nach Standort der Interpreten verschiedenen Deutungen vergangener Ereignisse. Jeder Wirklichkeitszugang des Menschen hat prinzipiell deutenden Charakter19, er ist nicht einfach Wirklichkeitsabbildung, sondern Interpretationsleistung des erkennenden Subjekts, das seine eigene Lebensgeschichte immer mit- und einbringt. Deshalb ist Deuten unausweichlich ein subjektiver, aber nicht subjektivistischer, willkürlicher Vorgang, sondern immer an allgemeine Realitätsvorgaben, an Kommunizierbarkeit (Logik, Sprache, Kritik) und die kulturellen Standards einer Gesellschaft gebunden. Das Leben muss in seinen mannigfaltigen Bezügen gedeutet werden. Die gesamte Wirklichkeit des Menschen ist ein Auslegungsgeschehen, ein Interpretieren und ein Verstehen der Wirklichkeit. Daraus folgt: Geschichte wird nicht rekonstruiert, sondern unausweichlich und notwendigerweise konstruiert. Das verbreitete Bewusstsein, die Dinge nur ‚nachzuzeichnen‘ oder zu ‚re-konstruieren‘ suggeriert eine Kenntnis des Ursprünglichen, die es in der vorausgesetzten Art und Weise nicht gibt. Geschichte ist auch nicht identisch mit Vergangenheit, vielmehr immer nur eine gegenwärtige Stellungnahme, wie man Vergangenes sehen könnte. Deshalb gibt es keine ‚Fakten‘ im ‚objektiven‘ Sinn, sondern innerhalb historischer Konstruktionen bauen Deutungen auf Deutungen auf20. Es gilt: „es wird Geschichte, aber es ist nicht Geschichte.“21
Zu diesen erkenntnistheoretischen Einsichten kommen sprachphilosophische Überlegungen. Geschichte ist immer sprachlich gestaltete Vermittlung; Geschichte existiert nur, insofern sie zur Sprache gebracht wird. Historische Nachrichten werden erst durch die semantisch organisierte Konstruktion des Historikers/Exegeten zu Geschichte. Dabei fungiert die Sprache nicht nur zur Bezeichnung des Gedachten und dadurch zur Wirklichkeit Erhobenen, sondern die Sprache bestimmt und prägt jene Wahrnehmungen, die zu Geschichte organisiert werden22. Es gibt für Menschen keinen Weg von der Sprache zu einer unabhängigen außersprachlichen Wirklichkeit, denn Wirklichkeit ist für uns allein in und durch Sprache präsent23. Geschichte ist somit nur als sprachlich vermittelte und gestaltete Erinnerung zugänglich. Sprache wiederum ist kulturell bedingt und unterliegt einem ständigen gesellschaftlichen Wandel24, so dass es nicht verwundert, wenn historische Ereignisse zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Kultur- und Wertekreisen abweichend konstruiert und bewertet werden. Die Sprache ist weitaus mehr als bloße Abbildung der Wirklichkeit, denn sie reguliert und prägt den Zugang zur Wirklichkeit und damit auch unser Bild von ihr. Zugleich ist Sprache aber auch nicht die Wirklichkeit, denn sie bildet sich wie im Verlauf der Menschheitsgeschichte insgesamt bei jedem Menschen im Rahmen seiner biologischen und kulturgeschichtlichen Entwicklung erst heraus und wird von diesem Prozess entscheidend und jeweils unterschiedlich beeinflusst25. Die ständige Veränderung der Sprache ist ohne die sie bedingenden verschiedenen sozialen Kontexte nicht erklärbar26, d. h., der Zusammenhang von Zeichen und Bezeichnetem muss beibehalten werden, wenn man die Realität nicht aufgeben will.

Geschichte als Sinnbildung

Geschichte ist somit immer ein selektives System, mit dem die Interpretierenden nicht einfach Vergangenes, sondern vor allem ihre eigene Welt ordnen und deuten. Sprachliche Konstruktion von Geschichte vollzieht sich deshalb stets auch als ein sinnstiftender Vorgang, der sowohl dem Vergangenen als auch dem Gegenwärtigen Sinn, d.h. Deutungskraft zur Orientierung innerhalb der Lebenszusammenhänge verleihen soll27. Historische Interpretation heißt, einen kohärenten Sinnzusammenhang zu schaffen28; erst durch die Herstellung historischer Erzählzusammenhänge werden die Fakten das, was sie für uns sind29. Dabei müssen historische Nachrichten in der Gegenwart erschlossen und zur Sprache gebracht werden, so dass sich in der Darstellung/Erzählung von Geschichte notwendigerweise ‚Fakten‘ und ‚Fiktion‘30, Vorgegebenes und schriftstellerisch-fiktive Arbeit miteinander verbinden31. Indem historische Nachrichten kombiniert, historische Leerstellen ausgefüllt werden müssen, fließen Nachrichten aus der Vergangenheit und ihre Interpretation in der Gegenwart zu etwas Neuem zusammen32. Durch die Interpretation wird dem Geschehen eine neue Struktur eingezogen, die es zuvor nicht hatte33. Es gibt nur potentielle Fakten, denn es bedarf der Erfahrung und der Deutung, um das Sinnpotential eines Geschehens zu erfassen34. Fakten muss eine Bedeutung beigemessen werden und die Struktur dieses Interpretationsprozesses konstituiert das Verständnis der Fakten35. Erst das fiktionale Element eröffnet einen Zugang zur Vergangenheit, denn es ermöglicht die unumgängliche Neuschreibung der vorausgesetzten Ereignisse. Die figurative Ebene ist für die historische Arbeit unerlässlich, denn sie entfaltet den präfigurierenden Plan der Interpretation, der die gegenwärtige Auffassung von der Vergangenheit bestimmt. Grundsätzlich gilt: Geschichte entsteht erst, nachdem das ihr zugrundeliegende Geschehen erfolgt ist und in den Status gegenwartsrelevanter Vergangenheit erhoben wurde, so dass notwendigerweise Geschichte nicht denselben Realitätsanspruch erheben kann wie die ihr zugrundeliegenden Ereignisse36. Deshalb kann auch ein Entwurf der Geschichte des Lebens und Denkens des Apostels Paulus immer nur ein Annäherungsakt an das vergangene Geschehen sein, der sich seiner geschichtstheoretischen Voraussetzungen, seines konstruktiven Charakters und der Probleme seiner Durchführung bewusst sein muss.

Sinn- und Geschichtsbildung bei Paulus

Welche besonderen Probleme der Geschichtsschreibung ...

Inhaltsverzeichnis

  1. Titel
  2. Impressum
  3. Vorwort
  4. Inhaltsverzeichnis
  5. 1 Prolog: Paulus als Herausforderung
  6. I. Hauptteil: Der Lebens- und Denkweg
  7. II. Hauptteil: Grundstrukturen paulinischen Denkens
  8. Literaturverzeichnis
  9. Autorenregister
  10. Stellenregister (in Auswahl)

Häufig gestellte Fragen

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