Dimensionen der Einheit
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Dimensionen der Einheit

Ekklesiologische Konzeptionen der Kirche von England im 19. Jahrhundert

  1. 480 Seiten
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Dimensionen der Einheit

Ekklesiologische Konzeptionen der Kirche von England im 19. Jahrhundert

Über dieses Buch

Theologische Bibliothek Töpelmann is dedicated to scholarship in systematic theology and philosophy of religion. The series is open to all scholarly fields that address any aspect of systematic theology in a broad sense. This includes research on questions of dogmatics, ethics, history of theology in all epochs, philosophical approaches to theology and religion as well as projects that combine biblical studies with theological issues. The name of the series recalls the heritage of the influential publisher Alfred Töpelmann (1867-1954).

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Information

Jahr
2014
eBook-ISBN:
9783110376968

1 Einleitung

1.1 Konzeption der Arbeit

1.1.1 Thema und Fragestellung

Die vorliegende Untersuchung befasst sich mit den divergierenden ekklesiologischen Vorstellungen der drei dominierenden theologischen Richtungen in der Kirche von England des 19. Jahrhunderts. Sie hat das Ziel, die Konzeptionen dieser Gruppierungen systematisch zu rekonstruieren und einem kritischen Vergleich zuzuführen, um so die komplexen Herausforderungen an die innere Einheit der Kirche von England im viktorianischen Zeitalter zu erhellen. Auf dieser Basis sollen schließlich die prinzipiellen Potentiale und faktischen Möglichkeiten der drei Richtungen des 19. Jahrhunderts für die Rolle der Kirche von England im ökumenischen Diskurs der Gegenwart eruiert werden.1
Ausgangspunkt für diese Fragestellung ist die ekklesiologisch und ökumenisch hochrelevante Situation der anglikanischen Kirche von England im 19. Jahrhundert, in der es aufgrund der umfassenden Reformgesetzgebung der 1820er und 1830er Jahre zu einer grundlegenden Veränderung im Verhältnis von Staat und Kirche kommt: Mit der Rücknahme der Test and Corporation Acts, einer Gesetzgebung, die Nicht-Anglikaner von der Teilhabe an jeglicher politischer Körperschaft ausschloss,2 im Jahre 1828, wird die fortschreitende politische Gleichberechtigung nicht-anglikanischer Bürger eingeleitet. 1829 werden römisch-katholische Engländer durch die Catholic Emancipation Bill zur Mitgliedschaft im Parlament berechtigt; im Zuge des Regierungswechsels von 1832 wird die Anzahl anglikanischer Diözesen in Irland durch die Church Temporalities Bill von 1833 reduziert.3 War zuvor im nachreformatorischen England eigentlich mit Richard Hookers maßgeblichem Werk Of the Laws of Ecclesiastical Polity (1593) die Einheit von Kirche und Staat postuliert worden,4 so führt diese politische Entwicklung nunmehr dazu, dass auch NichtAnglikaner in staatlichen Gremien mitwirken und über die Belange der Kirche von England entscheiden können:5 Kirche und Staat können nicht mehr im gleichen Sinne wie vorher miteinander identifiziert werden.
Die Frage nach dem Umgang mit dieser neuen Situation provoziert bei anglikanischen Theologen und Geistlichen eine grundlegende Reflexion auf die Ekklesiologie: Die Theologen der Kirche von England müssen sich mit den Kennzeichen der wahren Kirche und der Definition ihrer Katholizität auseinandersetzen und zu einer Bestimmung der Relation zwischen einer Idee der Kirche und ihrer konkreten Institution gelangen, um das Verhältnis von Kirche und Staat neu bestimmen zu können.6 In dieser Situation profilieren sich vor dem Hintergrund der in der Kirche von England bereits existenten theologischen Denkrichtungen7 drei Gruppierungen, 8 deren Einfluss bestimmend für die ekklesiologische Entwicklung der Folgezeit wird.
Auf Seiten der konservativ im Sinne einer Staatskirche orientierten Hochkirche entsteht in direkter Antwort auf die Krise von Staat und Kirche die sogenannte Oxford Bewegung oder der Traktarianismus9, der sich von der traditionellen Hochkirche abgrenzt, indem er die Kirche als in allen geistlichen Dingen unabhängige Institution neben dem Staat verstanden wissen möchte.10
Auch die liberalen Theologen, für die das Verhältnis von Kirche und Staat mit anderer Schwerpunktsetzung ebenfalls ein bestimmendes Element ihrer Ekklesiologie darstellt, reagieren rasch auf die neue Situation, da sie gerade in der Emanzipation anderer christlicher Konfessionen eine Bestätigung ihrer Lehre von der Weite der anglikanischen Kirche erkennen. Sie haben eine „vision of the Church of England as tolerant of dissenting opinions“11. In der Folgezeit werden ihre Anhänger unter dem Terminus Broad Church zusammengefasst.12
Eine dritte Gruppe bilden die Evangelikalen der Kirche von England, für die eine Veränderung des Verhältnisses zur staatlichen Autorität zunächst keine Rolle zu spielen scheint, bis sie sich schließlich durch die Äußerungen der beiden anderen Gruppierungen, die in ihren Augen der Gefahr einer Romanisierung bzw. unzulässigen Liberalisierung der Lehre erliegen, zur Reaktion herausgefordert sehen.13
Infolgedessen ergibt sich eine einzigartige Konstellation, in der sich die drei unterschiedlichen theologischen Richtungen, die sich jeweils als Repräsentanten der einen Kirche Englands begreifen, bewusst sowohl mit ihren inneren Differenzen als auch mit ihrem Verhältnis zu nicht-anglikanischen Gruppierungen und dem Staat befassen. Die drei Richtungen spiegeln gleichzeitig klassische theologische Strömungen wider: Während sich die Oxford Bewegung zunehmend am römischen Katholizismus orientiert, nehmen die Theologen der Broad Church den liberalen Einfluss vor allem aus Deutschland auf, und die Evangelikalen vertreten schließlich die klassischen reformatorischen Positionen der protestantischen Kontinentalkirchen sowie der nonkonformistischen Gruppierungen im eigenen Land. Es kommt in diesem Zusammenhang zu einer beispielhaften Standortbestimmung jeder Gruppe in Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Divergenzen und dem eigenen konfessionellen Hintergrund, welche die Frage nach der ökumenischen Produktivität der einzelnen ekklesiologischen Strömungen nahelegt: Vor dem Hintergrund dieser inneren Differenzen drängt sich die Frage nach der Inklusivität bzw. Exklusivität des jeweiligen Kirchenbegriffs sowie nach der theologischen Grundlage der Einheit der gesamten Kirche von England auf.
Unter dieser Fragestellung wird zunächst in einer ekklesiologischen Verhältnisbestimmung die Definition von Wesen, Funktion und Autoritätsbasis der Kirche in den einzelnen Gruppierungen im Vergleich untersucht, um Grundlagen, Abgrenzungen und Zielperspektiven des jeweiligen Kirchenbegriffs herauszustellen (Kap. 2 – 4).14 In einem weiteren Schritt soll die ökumenische Relevanz durch die Herausarbeitung des Katholizitäts- und Einheitsgedankens sowie des Dialogpotentials der jeweiligen Richtungen untersucht werden (Kap. 5). Vor diesem Hintergrund geht es dann um die Frage nach der Existenz einer gemeinsamen Grundlage für die Gemeinschaft der drei unterschiedlichen Gruppierungen in der einen Kirche von England, woraus sich die Frage nach der Möglichkeit wechselseitiger ökumenischer Aufgeschlossenheit angesichts der gegebenen inneren Differenzen ergibt (Kap. 6). Abschließend soll nach der Bedeutung des inneranglikanischen Diskurses im 19. Jahrhundert für die gegenwärtige ökumenische Dialogsituation gefragt werden. Konkret wird dabei gefragt, ob die Ansätze des 19. Jahrhunderts in der gegenwärtigen ökumenischen und ekklesiologischen Positionierung der Kirche von England, wie sie in den Konsenspapieren deutlich wird, inhaltlich aufgenommen werden und ob die innere Diversität das Dialogpotential der Kirche beeinflusst (Kap. 7).

1.1.2 Forschungsstand

Eine vergleichende Analyse der ekklesiologischen Strömungen innerhalb der Kirche von England im 19. Jahrhundert existiert bislang nicht. Gerade in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Theologie bleibt diese für die Ekklesiologie der Kirche von England weichenstellende Epoche oft unberücksichtigt, so dass ein systematisch-theologisch angelegter Vergleich der ekklesiologischen Entwicklungen innerhalb der theologischen Hauptrichtungen des 19. Jahrhunderts hier eine Forschungslücke schließen kann.
Insgesamt ist vor allem die Ekklesiologie der Oxford Bewegung, insbesondere die Lehre John Henry Newmans, bereits häufig behandelt worden; wesentlich seltener sind die Liberalen und gerade die Evangelikalen in Bezug auf ihre Ekklesiologie Thema der wissenschaftlichen Forschung. Die im Folgenden aufgeführten Werke bieten einen Überblick über die entsprechende Sekundärliteratur seit 193015, die hinsichtlich der oben genannten inhaltlichen Schwerpunktsetzungen thematisch relevant erscheint:
Im Rahmen der Sekundärliteratur, die sich mit der Oxford Bewegung befasst, konzentriert sich W.H. van de Pol mit seinem Werk Die Kirche im Leben und Denken Newmans (1937) auf eine weitgehend chronologische Nachzeichnung der Entwicklung der Theologie und Ekklesiologie John Henry Newmans. Die kurze, aus einer Artikelserie entstandenen Studie The Oecumenical Ideals of the Oxford Movement (1947) von Henry R.T. Brandreth behandelt das Verhältnis der Bewegung zur römisch-katholischen Kirche. Den Einheitsgedanken der Kirche verfolgt auch Norbert Schiffers in seiner Untersuchung Die Einheit der Kirche nach John Henry Newman (1956). Der zugrundegelegte Einheitsbegriff wird dabei sowohl von Newmans vor- als auch von seinen nach-konversionellen Schriften her erschlossen. Max Keller-Hüschemenger beschäftigt sich in seiner Monographie Die Lehre der Kirche in der Oxford Bewegung (1974) mit der Bedeutung von theologischer Lehre überhaupt für die Bewegung. Ihm geht es um die Rolle von Schrift, Vernunft und Geschichte als Quellen der Lehre und um deren Funktion in der Kirche bezüglich des Gottesdienstes und Amtsverständnisses. In Rune Imbergs Monographie In quest of authority: the ‚Tracts for the time‘ and the development of the Tractarian leaders, 1833 –1841 (1987) stehen vor allem die Theologie der Tracts for the Times und ihre Autoren aus der Oxford Bewegung im Vordergrund. Eine weitgehend kirchen- bzw. quellengeschichtliche Betrachtung der ekklesiologischen Entwicklung der Oxford Bewegung im Vergleich zur römisch-katholischen Kirche und den protestantischen Kontinentalkirchen findet sich schließlich bei Peter Benedict Nockles in seiner Studie The Oxford Movement in Context. Anglican High Churchmanship. 1760 – 1857 (1997).
Die Oxford Bewegung wird in der Sekundärliteratur zum Teil bereits mit den anderen Richtungen in Beziehung gesetzt. Das Verhältnis der evangelikalen und der hochkirchlichen Bewegung im Verlauf der Kirchengeschichte des 19. Jahrhunderts wird von Dieter Voll in dem kurzen Band Hochkirchlicher Pietismus. Die Aufnahme der evangelikalen Tradition durch die Oxford-Bewegung in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts (1960) skizziert. Dabei liegt der Fokus primär auf gelebter Kirchlichkeit bzw. Frömmigkeit. Für John Coulson dient in seiner Untersuchung über John Newman and the Common Tradition. A Study in the Language of Church and Society (1970) die Ekklesiologie als Beispiel, an dem eine Untersuchung der Bedeutung von Sprache durchgeführt wird: Die Kirche als Sprachsystem wird bei der Erfüllung ihrer Funktion betrachtet. Coulson konzentriert sich auf das Verhältnis unterschiedlicher Ideen von Kirche zueinander und auf den Gedanken der Idee und ihrer Regulierung: Er postuliert eine gemeinsame Tradition von Maurice und Newman basierend auf Coleridge.
Betrachtet man nun die Literatur zur liberalen Bewegung, so zeigt sich, dass hier die Beschäftigung mit einzelnen Theologen überwiegt. C...

Inhaltsverzeichnis

  1. Dimensionen der Einheit
  2. Theologische Bibliothek Töplmann
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Widmung
  6. Vorwort
  7. Inhaltsverzeichnis
  8. 1 Einleitung
  9. 2 Das Wesen der Kirche
  10. 3 Die Funktion der Kirche
  11. 4 Die Autorität in der Kirche
  12. 5 Einheit und Offenheit in der Kirche von Englandim 19. Jahrhundert
  13. 6 Die Kirche von England als „eine“ Kirche –die Basis der Koexistenz von hochkirchlichen,evangelikalen und liberalen Strömungen
  14. 7 Die Bedeutung der anglikanischenEkklesiologien des 19. Jahrhunderts für denökumenischen Dialog im 20. Jahrhundert
  15. 8 Quellenverzeichnis
  16. 9 Literaturverzeichnis
  17. Personenregister
  18. Sachregister

Häufig gestellte Fragen

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