Zitate
„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen,
sondern ihre Meinungen und Urteile über die Dinge.“
Epiktet
Stoischer Philosoph
50–138
„Wenn jemand Schaden erleidet oder verletzt wird,
erleidet er ihn immer durch sich selbst und nicht durch andere,
auch wenn noch so viele ihn verletzen und ungerecht behandeln.
Denn wenn einer es nicht durch sich selbst erleidet,
werden alle Bewohner der Erde es nicht fertig bringen, den zu verletzen,
der im Herrn wachsam und nüchtern ist.“
Johannes Chrysostomos
Erzbischof von Konstantinopel
349–407
„Nicht die Bedrängnisse sind es,
die uns quälen, sondern die Mühe quält uns,
die wir uns um sie machen.“
Eduard Thurneysen
Theologieprofessor, Seelsorgelehrer
1888–1974
Definition
Kognitive Seelsorge ist Kognitive Therapie im Kontext „Seelsorge“. „Kognitive Therapie“ ist die zusammenfassende Bezeichnung für verschiedene Formen der Psychotherapie, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie den Schwerpunkt der Behandlung problematischer Gefühlsreaktionen und Verhaltensweisen auf die Veränderung des Denkens legen. Das Zitat von Epiktet kann man als den Grundsatz bezeichnen, aus dem diese Therapien abgeleitet sind.
Geschichte
Das Zitat von Johannes Chrysostomos belegt, dass dieser Grundsatz bereits in der Seelsorge der frühen Kirche wiederzufinden ist. Tatsächlich ähnelte die damalige Seelsorgelehre in vieler Hinsicht den Konzepten der heutigen Kognitiven Therapie.
Die spätere kirchliche Seelsorge baute aber meist nicht mehr auf solche Grundsätze. Sie legte vor allem Wert auf Bekenntnis und Vergebung der Sünden einerseits wie den Gehorsam der verordneten kirchlichen Ethik gegenüber andererseits. Das setzte sich bis ins 20. Jahrhundert fort. Mit dem Aufkommen der Psychoanalyse gewann dann auch diese einen starken Einfluss auf die Seelsorge.
Kognitive Seelsorge
Als sich um die Jahrhundertmitte in Abgrenzung zur Psychoanalyse die sogenannten „Humanistischen Psychotherapien“ herausbildeten, stellte sich der Seelsorge wie zuvor schon im Blick auf die Psychoanalyse die Aufgabe, auch hierzu ihr Verhältnis zu bestimmen. Daraus entstanden auch Modelle der Integration von Seelsorge und Kognitiver Therapie. Zusammenfassend kann man sie als Kognitive Seelsorge bezeichnen.
Im anglophonen Raum, besonders in den USA, hat sich im Lauf der letzten 50 Jahre die Kognitive Seelsorge gut etabliert. Mittlerweile gibt es dort umgekehrt auch eine große Offenheit säkularer Psychotherapeuten für die Anwendung der Kognitiven Therapien für religiöse Patienten. In Europa findet beides bisher nur in Ansätzen statt.
Literatur
Zu Epiktet
Epiktet, Handbüchlein der Moral, Griechisch/Deutsch, übersetzt u. hg. v. K. Steinmann (Philipp Reclam jun.: Stuttgart, 2004)
Zur Kognitiven Seelsorge in der frühen Kirche
Grün, Anselm, Der Himmel beginnt in dir: Das Wissen der Wüstenväter für heute (Herder: Freiburg, Basel, Wien, 2008)
Grün, Anselm, Einreden: Der Umgang mit den Gedanken, Münsterschwarzacher Kleinschriften, Bd. 19, 16., überarb. u. akt. Aufl. (Vier Türme: Münsterschwarzach, 2003)
Grün, Anselm, Tu dir doch nicht selber weh, 2. Aufl. (Matthias Grünewald: Mainz, 1997)
Zur Aufnahme der Kognitiven Therapie in die christliche Seelsorge
Backus, William, Chapian, Marie, Befreiende Wahrheit: Lösen Sie sich von Lebenslügen und finden Sie zu innerer Freiheit (Projektion J: Asslar, 1983)
Cloud, Henry, Townsend, John, Fromme Lügen, die wir glauben , aus d. Amerik. übers. v. E. Weyandt (Klaus Gerth. Asslar, 1998)
Collins, Gary R., Handbuch der biblischen Seelsorge (Francke: Marburg a.d.L., 1996)
Crabb, Lawrence J., Die Last des andern: Biblische Seelsorge als Aufgabe der Gemeinde, 3. Aufl., Übersetzung B. Trebing (Brunnen: Basel, 1992)
Horie, Michiaki, Wenn Gedanken Mächte werden…: Die Krise als Chance nutzen (R. Brockhaus: Wuppertal, Zürich, 1989)
Hauck, Paul A., Reason in Pastoral Counseling (The Westminster Press: Philadelphia, 1972)
Litchfield, Bruce, Litchfield, Nellie, Christian Counselling and Family Therapy, Bd. 3: Basic Counselling Skills, A General Model of Counselling, Cognitive Behaviour Therapy, 2. rev. Aufl. (Litchfield Family Services: Canberra, 2008)
McMinn, Mark R., Cognitive Therapy Techniques in Christian Counseling, Resources for Christian Counseling, Hg. G.R. Collins, Bd. 27 (World Publishing: Dallas, London, Vancouver, Melbourne, 1991)
Powell, John, S.J., Fully Human, Fully Alive: A New Life through New Vision (Tabor: Allen, 1976)
Schmidt, Jerry, Do you hear what you’re thinking? 2. Aufl. (Victor Books: Wheaton, 1983)
Stoop, David, Rethink how you think: how to create lasting change today (Revell: Grand Rapids, 2014)
Stoop, David, Self-Talk: Key to Personal Growth (Revell: Old Tappan, 1982)
Stoop, David, You Are What You Think, 11. Aufl. (Revell: Grand Rapids, 2007)
Thurman, Chris, Lügen, die wir glauben: Der Grund Nr. 1 für unser Unglücklichsein, aus d. Amerik. v. C. Rendel, 10. Aufl. (Schulte & Gerth: Asslar, 1999)
Willberg, Hans-Arved, Das ABC der positiven Lebenseinstellung: Endlich Schluss mit finsteren Gedanken! (R. Brockhaus: Witten, 2007) Lebenshilfen aus dem Institut für Seelsorgeausbildung (ISA), Bd. 1, Neuausgabe der 1. Aufl. bei SCM R. Brockhaus, 2007 (Books on Demand: Norderstedt, 2010)
Wright, Norman, Self-talk, Imagery, and Prayer in Counseling, Ressources for Christian Counseling, Hg. G.R. Collins, Bd. 3 (Word Books: Waco, 1986)
Zur kirchlichen Seelsorge vor 1950
Thurneysen, Eduard, Die Lehre von der Seelsorge, (Evangelischer Verlag: Zollikon-Zürich, 1946)
Zur kirchlichen Seelsorge nach 1950
Clinebell, Howard, Modelle beratender Seelsorge, mit einem Nachwort von H. Harsch, aus d. Amerik. v. C. Hilbig u. W. Pisarski, 5., erweiterte Aufl. (Christian Kaiser: München, 1985)
Sons, Rolf, Seelsorge zwischen Bibel und Psychotherapie: Die Entwicklung der evangelischen Seelsorge in der Gegenwart, Calwer Theologische Monographien, Hg. J. Baur et al., Bd. 24 (Calwer: Stuttgart, 1995)
Sehr viele Bibelstellen
Die Macht der Gedanken spielt in der Bibel eine sehr große Rolle und das Thema nimmt sehr viel Raum in ihr ein, so viel, dass ein falscher Eindruck entstehen kann, wenn man nur einzelne Bibelstellen zur Begründung der Kognitiven Seelsorge herausgreift. Man könnte hunderte nennen.
Dennoch gibt es ein paar herausragende Textstellen, die mit besonderer Deutlichkeit davon reden und die zum großen Teil auch immer wieder in der Literatur herangezogen werden. Wenn Sie sich diese Aussagen vergegenwärtigen und Querverbindungen zwischen ihnen herstellen, verfügen Sie über ein gutes Fundament zur biblischen Begründung der Kognitiven Seelsorge. Man könnte sie vielleicht die Kernausssagen zu diesem Thema in der Bibel nennen.
Kernaussagen
Mussforderungen
Genesis 3
Der Sündenfall
Sein zu müssen wie Gott und zu wissen, was gut und böse ist: Das ist die Urlüge, die sich in das menschliche Bewusstsein eingeschlichen hat. Aus dieser Lüge stammen alle absolutistischen, diktatorischen, gnadenlosen und unrealistischen Schwarz-weiß-Forderungen an uns selbst, die andern und das Leben, aus denen wiederum alle wirkliche Not hervorgeht, die wir uns selbst und unserer Umwelt machen. In der Kognitiven Therapie und Seelsorge sagen wir Mussforderungen dazu.
Genesis 4
Kain und Abel
Emotionskontrolle
Gott sagt zu Kain, als dieser sehr wütend ist: „Die Sünde lauert vor deiner Tür und hat Verlangen nach dir, du aber herrsche über sie!“ Gott erwartet von Kain eine verantwortungsbewusste Entscheidung, wie er mit seinem starken Gefühl umgehen möchte. Das Gefühl ist nicht die Sünde, sondern der Drang, sich von dem Gefühl beherrschen und zu destruktivem Verhalten hinreißen zu lassen. Entsprechend heißt es im Epheserbrief: „Zürnt ihr, so sündigt nicht.“ In der Kognitiven Therapie und Seelsorge nennt man das Emotionskontrolle: Ich schaue mir an, was in mir vorgeht, mache mir konstruktive Gedanken darüber und entscheide mich bewusst gegen den Impuls zur Destruktivität.
Dem biblischen Befund nach ist dem Menschen diese Fähigkeit offenbar nicht durch den Sündenfall verlorengegangen. Sonst könnte man auch nicht mehr von Verantwortung sprechen. Der Mensch kann sich teuflisch verhalten, aber er ist kein Teufel. Er kann sich auch gegen seine Neigung zum Bösen entscheiden. Er kann dem Bösen widerstehen.
Numeri 13,17–14,10
Die Bewertungen der Kundschafter
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