Hygiene ist in der Pflege ein Thema, das immer schärfer kontrolliert wird. Die Angst, Hygienestandards zu verletzen, ist in Zeiten multiresistenter "Krankenhauskeime" groß. Die korrekte Erstellung von Hygienestandards und die Kontrolle der Einhaltung gehören zum Risikomanagement in der Pflege. Denn falsche oder fehlende Hygienemaßnahmen können nicht nur schwere medizinische Schäden, sondern auch haftungsrechtliche Folgen nach sich ziehen. Das Thema Hygiene betrifft alle in der Pflege Beschäftigte.
In den letzten Jahren hat sich Hygiene zunehmend zu einem anspruchsvollen Fach entwickelt. Die Hygienepläne werden komplexer und die Rechtslage umfangreicher. Kein Wunder, dass sich manche Pflegekräfte mit einem Bein im Gefängnis wähnen. Aber, Hygiene hat auch viel mit gesundem Menschenverstand zu tun. Was aber, wenn Pflegeschüler Fragen stellen? Oder Angehörige eine Beratung zum Thema Wäsche und Skabies haben wollen? Da stellt sich schnell heraus, dass die eigene Ausbildung schon eine ganze Weile her ist.
Bedingt durch die Reduktion erfahrener Fachleute kann man auch nicht immer gleich fragen. Also:
»Selbst ist die Pflegekraft« und sieht einfach schnell nach.
Dieses Büchlein bietet Inhalte des Hygieneplans, Rechtsgrundlagen und Praxistipps für Pflegehelfer, Pflegekräfte, Altenpflegekräfte (stationär und ambulant), MFA beim ambulanten Operieren, aber auch für Personal, ohne besondere Hygienezusatzausbildung und Medizinstudierende im Pflegepraktikum.
Personal mit kürzerer Hygieneausbildung, etwa Hygienebeauftragte in der Pflege (Krankenhaus) oder Hygienebeauftragte in der Altenpflege können dieses Büchlein als aktuelle, schnelle Vor-Ort Schulungs- und Argumentationshilfe nutzen. Der Autor vertritt die Fächer Hygiene und Medizinische Mikrobiologie seit über 30 Jahren in voller Breite und würde sich freuen, wenn dieses Pflege Kompakt-Buch allen eine Hilfe wäre.
2 Grundlagen der Mikrobiologie
Definitionen
Manifestationsindex: Anzahl der an einer Krankheit Erkrankten bezogen auf die mit dem gleichen Erreger Infizierten, Angabe in Prozent.
Inzidenz: Neuauftreten einer bestimmten Erkrankung in einer Population innerhalb eines Untersuchungszeitraumes, Angabe in Prozent.
Prävalenz: Anzahl Infizierter an einem bestimmten Stichtag.
Letalität: Zahl der an einer bestimmten Erkrankung Verstorbenen bezogen auf die Erkrankten (%).
Inkubationszeit (IKZ): Zeit zwischen der Aufnahme des Erregers (Infektion) und dem Auftreten der ersten Krankheitssymptome.
Latenzzeit: Anderes Wort für Inkubationszeit, bezogen auf Toxinwirkung oder auch bei viralen Infektionen verwendet.
Kontamination: Haften von Krankheitserregern ohne Vermehrung auf der Haut oder Gegenständen.
Kolonisation: Haften von Krankheitserregern mit Vermehrung auf der Haut, Schleimhaut, Wunden oder Gegenständen.
Biofilm: Bakterielle Siedlungsform in einer Glycokalix oder Matrix, die Schutz vor Antibiotika und Antiseptika bietet.
Superinfektion: Erneute Infektion mit dem gleichen Erreger innerhalb kurzer Zeit, führt zum Rezidiv.
Sekundärinfektion: Zusätzliche Infektion mit einem anderen Erreger, z. B. ausgehend von einer Parainfluenzavirus-Infektion (Schnupfen) eine Zweitinfektion mit Pneumokokken (eitrige Bronchitis).
2.1 Bakterien
Bakterielle Infektionen stellen die Mehrheit der während des Aufenthalts in Einrichtungen des Gesundheitsdienstes entstehenden (nosokomialen) Infektionen. Die generell verminderte Abwehrlage sowie ggf. bestehende Multimorbidität von Patienten oder Bewohnern mit entsprechender Medikation macht sie zu willkommenen »Wirten« für Bakterien.
Bakterien können mit ihrem Stoffwechsel auf unbelebten Flächen, z. B. in trockenen Textilien, Bettdecken, Arbeitsflächen, Tischen etc., zum Teil aber monatelang überleben und infektionstüchtig bleiben.
Sie vermehren sich am besten bei Temperaturen um 36°C und tolerieren beträchtliche Temperaturschwankungen. Potentiell humanpathogene Bakterien vermehren sich in der Regel in einem pH-Bereich von 6–9.
Bei Bakterien unterscheiden wir fakultativ (nur unter bestimmten Bedingungen krankmachende) und obligat (bei Erreichen der Infektionsdosis immer krankmachende) pathogeneGattungen. Während fakultativ pathogene Bakterien in der Regel zu den Mikrobiomen des Menschen (wie z. B. E. coli) zählen, gehören die obligat pathogenen nicht dazu und kommen oft auch aus der Umwelt (z. B. Pseudomonas, Acinetobacter).
Sporenbildung (Dauerformen zur Vermehrung) ermöglicht den bildenden Bakterien eine relative Resistenz gegen Hitze und Desinfektionsmittel (mit Ausnahme der Aldehyde und Perverbindungen). Typische Sporenbildner sind Clostridioides (vormals Clostridium) difficile, Clostridium perfringens und Bacillus cereus.
2.1.1 Kolonisationsmodell Biofilm
Biofilme sind Lebensgemeinschaften an Grenzflächen (z. B. Wundgrund, Endoprothesen-Gewebe) Typische Biofilme finden sich z. B. in Wasser- und Abwasserleitungen. Auf z. B Wunden entstehen Biofilme durch die Anlagerung von zunächst wenigen Bakterien der gleichen Art, die sich mittels ihrer Haftorgane (Pili) auf den Wundgrund setzen. Über Botenstoffe sind sie in der Lage, sich gegenseitig wahrzunehmen (Quorum Sense), dann folgt eine »Schleimbildung« (EPS = Extrazelluläre Polysaccharid Schleime aus Exopolysacchariden, Alginaten und Dextranen). Wissenschaftlich ausgedrückt wird dieser Schleim als Matrix oder Glycocalix bezeichnet und bewirkt:
• Schutz der Bakterien vor der Einwirkung von Antibiotika (Toleranz).
• Schutz der Bakterien vor der Einwirkung von Antiseptika.
• Anlagerung auch von Bakterien, die sich sonst nicht ohne weiteres auf dem Wundgrund hätten ansiedeln können.
• Schutz der Bakterien vor Zellen und Wirkmolekülen der körpereigenen Abwehr.
Innerhalb des Biofilms entsteht ein Gleichgewicht zwischen den besiedelnden Bakterien. Dabei können die Bakterien wechselseitig Stoffwechselprodukte für sich verwenden oder, andere Bakterien schädigen und zerstören.
2.1.2 Multiresistente Erreger
MultiresistenteErreger vereinen in sich verschiedene Resistenzmechanismen. So können sie beispielsweise mit Enzymen Antibiotikamoleküle zerstören (MRGN-Enterobakterien), durch Wandveränderungen die Zielproteine von Antibiotika unbrauchbar machen (MRSA) oder Antibiotika entweder gleich den Eintritt in die Zelle verwehren oder einmal aufgenommene Moleküle wieder aus der Zelle ausschleusen (Pseudomonas aeruginosa).
Derzeitige besonders auffällige multiresistente Erreger sind Staphylococcus aureus als Methicillin-resistente S. aureus (MRSA), Enterococcus species (vor allem E. faecium als Vancomcin- bzw. selten Linezolid und Vancomycin resistente Enterokokken (VRE bzw. LVRE) und verschiedene multiresistente gramnegative Stäbchen (MRGN) (
Tab. 1). Mehr dazu siehe in Abschnitt 14.1.1 (
Kap. 14.1.1).
Tab. 1: Einfache Übersicht der multiresistenten Erreger
2.2 Pilze
Die medi...
Inhaltsverzeichnis
Deckblatt
Titelseite
Impressum
Inhalt
Abkürzungsverzeichnis
1 Einleitung
2 Grundlagen der Mikrobiologie
3 Organisation der Hygiene in medizinischen und Gemeinschaftseinrichtungen
4 Personalhygiene
5 Grundpflege
6 Injektionen, Punktionen, Infusionen
7 Harnableitende Systeme und Inkontinenzmaterial
8 Pneumonieprävention
9 Wundversorgung
10 Grundlagen der Flächendesinfektion
11 Aufbereitung von unkritischen und semikritischen Medizinprodukten
12 Transport von kontaminierten Medizinprodukten und Proben für das Labor
13 Vorbereitung von Patienten für Untersuchungen und Operationen
14 Umgang mit infektiösen Patienten
15 Ausbruchsmanagement
16 Bauten und Baumaßnahmen
17 Lebensmittelhygiene
18 Schnittstelle Haustechnik, Logistik
19 Bettenaufbereitung
20 Wäschelogistik
21 Tiere in stationären Einrichtungen
22 Qualitätsmanagement und Hygiene
23 Untersuchungen zur Dokumentation des Hygienestandards
Weiterführende und zitierte Literatur
Stichwortverzeichnis
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