PrÀdikation und Bedeutung
  1. 217 Seiten
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Über dieses Buch

Angesichts der Ausweitung und Aufweichung des Textbegriffs in der kultur- und geisteswissenschaftlichen Forschung scheint es angebracht, nach den besonderen Verfahren wie Leistungen sprachlicher Bedeutungsbildung zu fragen, um so den spezifischen Kern sprachlicher Generierung von Bedeutung zu erfassen. Denn erst in Bezug auf ihn sind intermediale Vergleiche und Unterscheidungen sinnvoll. Zentral ist dabei vor allem das VerhÀltnis von PrÀdikation und Bedeutung. Die PrÀdikation wird dabei als das logische Grundmuster aller sprachlichen SÀtze begriffen, das sich in seiner abstraktesten Form als die Zuschreibung einer Eigenschaft an einen TrÀger dieser Eigenschaft bestimmen lÀsst. Die BeitrÀge, die dieser Band versammelt, beleuchten die mit dem VerhÀltnis von PrÀdikation und Bedeutung zusammenhÀngenden Fragen aus der Warte unterschiedlicher theoretischer Sichtweisen wie disziplinÀrer Orientierungen. Im Einzelnen handelt es sich um Texte aus linguistischer, sprachphilosophischer, literaturwissenschaftlicher, kunstwissenschaftlicher, soziologischer und musikwissenschaftlicher Sicht. Zur Sprache kommen dabei auch BeitrÀge, die die Frage nach den Verfahren der Bedeutungsgenese in nicht-sprachlichen Medien untersuchen.

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Information

Jahr
2020
ISBN drucken
9783110715408
eBook-ISBN:
9783110715613

Die prekÀre Textlichkeit der Musik: Zur Genealogie eines modernen Problems

Andreas Haug

1 Einleitung

Der typische Beitrag eines Historikers zur Diskussion eines systematischen Problems besteht im Nachweis von dessen HistorizitĂ€t. In diesem Sinne wird im vorliegenden Aufsatz versucht, einige mit der Frage, ob Musik „nicht nur eine Textur, sondern ein Text“1 sei, zusammenhĂ€ngende Probleme einer interdisziplinĂ€ren Diskussion zugĂ€nglich zu machen, zugleich aber auch die historische Bedingtheit dieser Frage zu verdeutlichen. Dazu wird ein vorneuzeitliches Kapitel der Vorgeschichte des hier nicht zum ersten Mal erörterten Themas aus diskursgeschichtlicher, begriffsgeschichtlicher2 und mediengeschichtlicher Perspektive neu in den Blick genommen.3
Unter ‘Textlichkeit’ soll dabei die „Gesamtheit aller Eigenschaften, die einen Text zum Text machen“4 verstanden werden. DarĂŒber, welche Eigenschaften das sind, ist zurzeit ein Streit im Gange. Die Gesamtheit dieser Eigenschaften entspricht der Menge der Merkmale, die den Bedeutungsinhalt (die Intention) des Begriffes ‘Text’ ausmachen und somit dessen Bedeutungsumfang (seine Extension) festlegen. Textlichkeit bleibt demnach solange ein prekĂ€res Attribut von Musik, solange die Grenzen des Textbegriffs problematisch sind.
Der Streit darĂŒber, was ein bestimmtes Medium zu einem Text macht, lĂ€sst sich auch am Medium Musik austragen, aber an diesem einen Medium nicht entscheiden. Statt die Antwort auf die Frage, ob Musik ein Text sei, vom Ausgang eines Streitfalls abhĂ€ngig zu machen, zu dessen Beilegung er nicht beitragen kann, wendet sich der vorliegende Beitrag den Bedingungen der Möglichkeit zu, diese Frage ĂŒberhaupt zu stellen. Sie hat sich ja nicht immer schon gestellt. Und das liegt nicht darin begrĂŒndet, dass Kulturen der Vergangenheit, die wir als ‘Textkulturen’5 auffassen, der Begriff des Textes unbekannt war, sondern weil ihnen der Gedanke selbst fernlag, Texturen nicht-sprachlicher KlĂ€nge optimistisch Eigenschaften zuzuschreiben und Leistungen zuzutrauen, die Eigenschaften sprachlicher Lauttexturen gleichen und an deren Leistungen heranreichen; Gleiches gilt fĂŒr den Impuls, nicht-sprachliche KlĂ€nge lesbar oder auch nur sichtbar machen zu wollen. Auch solche Klangformen, die vergangenen Kulturen als TrĂ€ger religiöser Zuschreibungen oder als eminente WissensgegenstĂ€nde teuer waren, haben sie dem Zustand ungebrochener Klanglichkeit und ungestörter Unsichtbarkeit niemals ohne Anlass entfremdet. Worin dieser Anlass bestand, ist freilich nicht immer evident. Deshalb gilt es, wenn eine Kultur beginnt, diesen vertrauten Zustand eines nicht-sprachlichen klanglichen Mediums in Frage zu stellen und durch Vertextlichung und Verschriftlichung des Mediums aufzuheben, den - politischen, gesellschaftlichen oder ideologischen - Störfaktor zu ermitteln, der den Medienwechsel ausgelöst hat. Dabei muss - wenn auf aktuelle Forschungspositionen der Mediensemantik Bezug genommen werden soll - nicht davon ausgegangen werden, durch die Explikation und Transkription eines nicht-sprachlichen klanglichen Mediums ‘als Text’ werde ein diesen intermedialen Bezugnahmen vorgĂ€ngiger, sozusagen medientranszendenter Zustand des Mediums nachtrĂ€glich verĂ€ndert.6 Zumal es gerade im Hinblick auf die historische Dimension der Bezugnahmen nur darauf ankommt, wieweit durch sie bestimmte ‘Eigenschaften’ eines Mediums von GegenstĂ€nden impliziten, ‘stillen’ Wissens in GegenstĂ€nde eines expliziten, geschichtstrĂ€chtigen Wissens verwandelt wurden und welche geschichtlichen Folgen diese Verwandlung nach sich zog.7
Im ersten Teil des Beitrags wird die Frage nach der Textlichkeit von Musik in jener Form umrissen, in der sie sich uns heute stellt. Im zweiten Teil wird ein im 9. Jahrhundert einsetzender Diskurs identifiziert, der nicht ĂŒber Musik gefĂŒhrt wurde, in dessen Thema sich aber so etwas wie eine historische PrĂ€figuration des modernen Themas ‘Musik als Text’ ausmachen lĂ€sst. Zugleich wird ein im Rahmen dieses Diskurses ausgearbeitetes Denkmodell rekonstruiert, das als ‘Karolingisches Modell melodischer Textlichkeit’ bezeichnet werden soll. Ziel seiner Rekonstruktion wird sein, das alteritĂ€re Denkmodell als eine, wenn nicht als die diskursgeschichtliche Bedingung der Möglichkeit einer spĂ€teren Ausbildung der Denkform ‘Musik als Text’ wahrscheinlich zu machen.
Wenn ein von Theoretikern des 9. Jahrhunderts ausgearbeitetes Denkmodell von medienwissenschaftlichen Forschungspositionen aus beleuchtet wird, geschieht das selbstredend nicht, um es als rudimentĂ€ren, allenfalls historisch signifikanten Versuch erscheinen zu lassen, sich an Probleme heranzutasten, die die moderne Medienwissenschaft inzwischen ĂŒberzeugender gelöst hat. Im Gegenteil mag man einen Vorzug des vormodernen Textlichkeitsmodells darin sehen, dass es unbelastet von Problemen entwickelt wurde, die sich aufwerfen, seit problematisch ist, was einen Text ‘zum Text macht’.

2 Konturen des modernen Problems

2.1 ‘Notenschrift’, ‘Notenlesen’, ‘Notentext’

Lassen sich im Medium Musik Texte bilden, die sprachlichen Texten in systematisch relevanter Hinsicht gleichen? Die Bedenkenlosigkeit, mit der wir AusdrĂŒcke wie ‘Notenschrift’, ‘Notenlesen’ oder ‘Notentext’ verwenden, Töne als ‘Noten’ bezeichnen und statt von einem Klangtext von einem nach den Zeichen der Notenschrift benannten Notentext sprechen, legt diese Frage nahe, ohne sie zu erledigen; denn die theoretische BegrĂŒndung einer positiven (oder negativen) Antwort nimmt uns der vorbegriffliche Gebrauch solcher AusdrĂŒcke ja nicht ab.
Die AusdrĂŒcke ‘Notenschrift’ und ‘Notenlesen’ bekunden den Anspruch eines klangbezogenen Zeichensystems, als eine Form von Schrift zu gelten, ohne das daran geknĂŒpfte Versprechen der Lesbarkeit von Musik einlösen zu mĂŒssen; dass wir ‘Ton’ und ‘Note’ synonym verwenden, unterstreicht, wie eng die Vorstellungen ‘Notentext’ und ‘Notenschrift’ beieinander liegen, ohne anzuzeigen, ob der Notentext zurecht als eine Art von Text, Notenschrift zurecht als eine Art von Schrift bezeichnet wird; und ein aus dem Ausdruck ‘Notentext’ allein abgeleiteter Anspruch von Musik auf Textlichkeit wĂŒrde erhoben, ohne dass ersichtlich wĂ€re, mit welchen Implikationen dieser tatsĂ€chlichen oder vermeintlichen Eigenschaft ernsthaft gerechnet wird: Beglaubigt sie die SprachĂ€hnlichkeit von Musik? GewĂ€hrleistet sie ihre Schreibbarkeit und Lesbarkeit? Relativiert sie ihre Klanglichkeit und Zeitlichkeit, indem sie eine Klangkunst zur Produktion vom Erklingen unabhĂ€ngiger, eine Zeitkunst zur Produktion der Zeit entwundener Werke ermĂ€chtigt? Sichert sie dem Komponisten dieser Werke den Status eines Autors? Ermöglicht sie dem Medium Musik, nicht nur ‘PrĂ€senzeffekte’, sondern auch ‘Sinneffekte’ zu produzieren?8 Erlegt sie Verbindungen von KlĂ€ngen, die keine sprachlichen, ja nicht einmal immer stimmliche Laute sind, eine Bezeichnungsleistung auf, die an die Leistung sprachlicher Lautverbindungen heranreicht? VerbĂŒrgt sie die Verstehbarkeit von Äußerungen im Medium Musik? Bedingt sie die AuslegungsbedĂŒrftigkeit ihrer Werke? Treten, mit anderen Worten, im notenschriftlich festgehaltenen Notentext, wie es beim schriftlich stillgestellten sprachlichen Text der Fall ist, Geschriebenes und Gemeintes einander gegenĂŒber?
Als der Musiktheoretiker Hugo Riemann im 19. Jahrhundert kanonische Musikwerke der Vergangenheit ergĂ€nzt durch Angaben zu ihrer sinngerechten AuffĂŒhrung herausgab, wollte er seine ZusĂ€tze nicht als Eingriff in den Notentext der Werke, sondern als deren musikalischen Sinn erschließende Kommentare verstanden wissen, die den gleichen Zweck erfĂŒllen „wie die Kommentare schwer verstĂ€ndlicher Dichtungen: die Wege z...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Vorwort
  5. Die prekÀre Textlichkeit der Musik: Zur Genealogie eines modernen Problems
  6. Bildsinn und Bedeutung
  7. Die Geste in der Photographie. Zur Hermeneutik des Sehens
  8. PrÀdikation und Bedeutung im fiktionalen Text. Der Zauberberg als Paradigma
  9. Chils PrÀdikation. Ein Kommentar zu Charles Goodwins Co-Operative Action
  10. PrĂ€dikation? Information? Diakrise? Zur Funktion und inneren Struktur der minimalen Äußerung zwischen Semantik, Syntax und Pragmatik
  11. Ist PrÀdikation ein Sprechakt? Anmerkungen zu Searles Theorie der Bedeutung
  12. Biobibliographische Informationen zu den Herausgebern und Autor/innen
  13. Register

HĂ€ufig gestellte Fragen

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