Die Ereignisse des Herbstes 1989 sind in die Geschichte unter dem Begriff ,Wende‘ eingegangen. Sowohl Texte aus der Geschichtswissenschaft als auch Literaturgeschichten und Lexika schildern die Öffnung der DDR-Grenze, die bildhaft als Fall der Berliner Mauer beschrieben wird, als ein epochales Ereignis, wobei die Darstellungen nicht selten Parallelen zu einem anderen Wendepunkt in der deutschen und europäischen Geschichte ziehen, nämlich zum Jahr 1945. Die zweite ,Stunde Null‘ wird zwar nicht wortwörtlich heraufbeschworen, auf Analogien verweisen aber etliche Wissenschaftler, vor allem jedoch Feuilletonisten. In beiden Fällen handelt es sich um den Zusammenbruch eines totalitären Systems. Die zahlreichen Schlagwörter, unter denen die politischen Umwälzungen 1989/90 in die Geschichtsbücher wie in das Bewusstsein der Bürger eingegangen sind, gehen allerdings über eine bloße Benennung der historischen Ereignisse hinaus, indem sie ein jeweils spezifisches Deutungsangebot unterbreiten, das schnell zu einer Dominante zu werden droht. Die friedliche Revolution des DDR-Volkes setzte dem diktatorischen System ein Ende und ermöglichte das Zusammenwachsen dessen, was – um die rasch zu Berühmtheit gelangte Formulierung Willy Brandts zu zitieren – zusammengehöre, das heißt die ,Wiedervereinigung‘. Allem Anschein nach haben wir es hier mit einer eindeutig als positiv zu bewertenden historischen Entwicklung zu tun. Bei genauerer Betrachtung sind auf diesem scheinbar makellosen Bild aber schnell gewisse Schattierungen zu erkennen, die weitreichende Konsequenzen für die Wahrnehmung der Ereignisse seitens der ehemaligen DDR-Bürger haben können.
1.1 Die ‚Wende‘ als Störerfahrung der Identität
Welche Bedeutung den Ereignissen des Jahres 1989/90 zugewiesen wird, hängt vom jeweiligen Standpunkt des Betrachters ab. Wie vielfältig und teils divergierend die Interpretation der Wendejahre ist, zeigen die Sichtweisen von Bundesbürgern, die von außen auf die DDR-,Realitäten‘ blickten, aber auch von ehemaligen DDR-Bürgern, die aus ideologischen, politischen oder auch persönlichen Gründen das Land bereits vor 1989 verlassen mussten. Eine nochmals anders gelagerte Wahrnehmung ist bei jenen zu beobachten, die im Land blieben, sei es aus Überzeugung, Mangel an Gelegenheit oder aus anderen Gründen. Für die allermeisten der unmittelbar Betroffenen – damit sind nur die in den Grenzen der Deutschen Demokratischen Republik lebenden Menschen gemeint – mag die Öffnung der Grenze ein langersehntes Ereignis gewesen sein, das nicht zuletzt ihrem Wunsch nach Reisefreiheit entsprach. Nichtsdestotrotz nimmt die Entwicklung einen überraschend schnellen Verlauf1 und stellt die DDR-Bürger – die sehr bald zu den Bürgern der neuen Bundesländer werden sollten – vor neue Herausforderungen, auf die niemand vorbereitet sein konnte. An die Stelle des gewohnten Alltags im Sozialismus trat nun die marktwirtschaftliche Realität, die nach schneller Anpassung verlangte. Dass sich das politische System und damit auch die Lebensbedingungen änderten, war für das Selbstbewusstsein der DDR-Bürger gravierend genug. Die Situation wurde aber auch dadurch erschwert, dass all die Veränderungen von heute auf morgen vollzogen werden mussten. Die Radikalität der Veränderungen blieb vor allem nicht ohne Einfluss auf die psychische Verfassung derjenigen, die einen großen Teil ihres bisherigen Lebens hinter dem Eisernen Vorhang verbracht hatten. Doch nicht nur die Unterschiede in der ost- und westdeutschen Wahrnehmung des Umbruchs sind weitreichend, auch unter Einwohnern der Länder des Ostblocks gehen die Erfahrungen und Urteile teilweise weit auseinander. Dies hängt wiederum stark mit dem Verlauf der Umwälzungen wie auch mit dem Endergebnis des Umgestaltungsprozesses zusammen. Diesen Sachverhalt hebt Anna Wolff-Powęska hervor, die den Verlauf der Revolution in der DDR und in Polen vergleicht. Zwar lassen sich in beiden Ländern ähnliche Phasen der Verarbeitung unterscheiden, von der „Zerstörung der alten Ordnung“ über „das Fegefeuer“ bis zum „Aufbau einer neuen Struktur“.2 Dennoch verweist Wolff-Powęska auf wesentliche Unterschiede im Umgestaltungsprozess, die nicht ohne Einfluss auf die psychische Verfassung der Bevölkerung blieben.
Der Sieg der demokratischen Opposition in Polen bedeutet die Wiedergewinnung der vollen nationalen und staatlichen Souveränität. Der Abriss der Berliner Mauer hat die Ostdeutschen aus ihrer Isolation befreit; die spezifische Transformation mit der Wiedervereinigung, die praktisch eine Einverleibung in die Bundesrepublik gewesen ist, hat jedoch den Verlust der eigenen Subjektivität und eine tiefe Repräsentationskrise mit sich gebracht. Den Deutschen zwischen Elbe und Oder ist die lange Phase des Übergangs erspart geblieben. Sie sind sozusagen als Bürger des SED-Staates abends zu Bett gegangen und am nächsten Morgen als Bürger der Berliner Republik aufgestanden.3
Von der alten DDR-Identität musste von heute auf morgen Abschied genommen werden. Auch wenn viele DDR-Bürger dem Regime feindlich gegenüber standen, bot das Leben in den recht stabilen Strukturen des Landes ein gewisses Maß an Geborgenheit. Dies hatte auch damit zu tun, dass die Menschen, mit den dort herrschenden Mechanismen vertraut waren. Das Ende der vertrauten – wenn auch nicht unbedingt geliebten – Ordnung brachte nicht nur ein Moment des Glücks, sondern zog auch weitreichende Verlusterfahrungen nach sich. Die ,Wende‘ bedeutet einen tiefen Einschnitt in die Biographie und kann als eine Art Störerfahrung interpretiert werden, die nach einer entsprechenden Verarbeitung verlangt, um „nichtintegrierbare Erfahrungsanlässe“4 in die eigene Lebensgeschichte sinnvoll einzuordnen. Der Zusammenbruch des DDR-Regimes, die schnelle Vereinigung und der Transformationsprozess, der im Grunde Anpassung an die in der Bundesrepublik geltenden Normen bedeutete, können als Phänomene interpretiert werden, die sich der Kontrolle des Einzelnen entzogen. Irritationen dieser Art verlangen nach Besinnung, Darstellung und Interpretation, kurz nach Verarbeitung. Dieses Bestreben kommt in zahlreichen autobiographischen Erzählungen zum Vorschein. Die Ostdeutschen versuchen nicht nur ihrem neuen Leben nach der sogenannten ,Wende‘ Sinn abzugewinnen, sondern auch ihr bisheriges Leben in Form von Erinnerungen in die neue Lebenswirklichkeit hinein zu retten.
Die zwiespältige Lage, in der sich die Ostdeutschen nach der ‚Wende‘ wiederfanden, fasst der Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz, Autor des viel beachteten Bandes Der Gefühlsstau. Ein Psychogramm der DDR (1990),5 im Vorwort zu dem ein Jahr später herausgegebenen Resümee der Wiedervereinigung Das gestürzte Volk. Die unglückliche Einheit prägnant zusammen. Seinen Band eröffnet Maaz mit einem Lob der äußeren Umstände.
Ein Jahr Deutsche Einheit. Ich lebe in Freiheit. Sehnlichste Wünsche – jedenfalls solche, die ich dafür hielt – haben sich erfüllt: Ich reise frei herum, ich sage unzensiert meine Meinung, ich finde Zugang zu allen Informationen, die ich brauche, ich darf Menschen treffen und sprechen, wie ich will, ich verdiene mehr Geld, ich renoviere ein altes Haus, um endlich (48jährig!) aus einer 30-qm-Neubauwohnung zu entkommen, und ich habe einen wunderbaren neuen Gebrauchtwagen aus dem Westen. Endlich ein richtiges Auto!6
Bereits wenige Sätze später verweist der Verfasser indes auf eine tiefgreifende Krise der ehemaligen DDR-Bürger, die sich aus einem Identitätsbruch und einem Verlust-Syndrom ergibt. Maaz eröffnet den Band mit seiner persönlichen Geschichte, bevor er auf seine psychotherapeutische Erfahrung rekurriert und die Lage der Ostdeutschen skizziert. So sei auch sein neues japanisches Auto7 anscheinend nicht mehr im Stande, den bis dahin unbewussten Verlust auszugleichen.
Der Identitätsbruch ist auch der Grund, weshalb keine Freude aufkommen will. So viel gewonnen und doch nicht zufrieden? Ich lebe in zwei Welten und bin in keiner wirklich zu Hause. […] Ich stecke mitten in einem Verlust-Syndrom, das ich nicht annehmen wollte, solange ich es als DDR-Verlust-Syndrom diagnostizierte. Da hatte ich meinen Stolz: Das konnte doch nicht wahr sein, daß der Untergang dieses verachteten Systems, wenn ich es auch längst als ambivalent besetztes, gehasst-geliebtes Objekt angenommen hatte, mich so zu irritieren vermochte. Erst die persönlichere Perspektive, der ich bei meiner Arbeit als Psychotherapeut nicht entgehen konnte, konfrontierte mich mit den Begriffen „Trennung“ und „Orientierungsverlust“.8
Im Falle des Umbruchs von 1989/90 kommen tatsächlich mehrere Traumata zum Vorschein. Belastend für viele Menschen ist nämlich nicht die ‚Wende‘ allein, sondern auch die nicht verarbeiteten Ereignisse von früher. So verweisen Psychologen und Therapeuten nicht von ungefähr auf die Tatsache, dass die Umbruchserfahrung 1989/90 für viele Jahrgänge als eine Wiederholung der traumatischen Situation von 1945 wahrgenommen wird, flankiert von einer Reihe anderer Traumata (politische Ereignisse wie der 17. Juni 1953, der Aufstand in Ungarn von 1956, der Mauerbau 1961, der Einmarsch in die ČSSR im Jahre 1968 sowie systemimmanente Elemente wie die permanente Stasi-Kontrolle, Einschränkung der Meinungs- und Reisefreiheit), die niemals hinreichend zur Sprache gekommen waren. Dieses Konglomerat von Ereignissen prägt die psychosoziale Situation der Ostdeutschen nach 1989. Diesem Problem nähert sich Michael J. Froese, der auf eine subjektive (oft unbewusste) Wahrnehmung des Geschehens als eine Art Wiederkehr der Geschichte hinweist, allerdings nicht in dem schon genannten positiven Sinne eines Neuanfangs. Die Wiederholung wird zur psychischen Belastung für die unmittelbar betroffene Generation, aber auch für die nachfolgenden Generationen, denen die Stimmung weitergegeben wird.
In der ehemaligen DDR hat sich die Erfahrung des politischen Umbruchs, wie er in Deutschland nach dem Krieg stattfand, mit ,Wende‘ und Wiedervereinigung wiederholt. Nach 1945 war nicht nur der Nationalsozialismus geschlagen; die Männer, die für ihn in den Krieg gezogen waren, sofern sie überlebten, waren es auch. In Ostdeutschland kam 1989 wiederum eine Entwertung der Machthaber zustande. Diese doppelte Umbruchsituation, bezogen auf die radikale Umbewertung von Grundüberzeugungen innerhalb breiterer Schichten der Bevölkerung, prägt die Biografie nicht weniger Ostdeutscher. […] Mit der Wiedervereinigung verloren die Ostdeutschen ihre alten Existenzbedingungen. Es wiederholte sich eine Situation, die mit der Nachkriegszeit Ähnlichkeit aufweist. Menschen wurden – wie damals die Flüchtlinge – zu „Fremden im eigenen Land“ (Simon und Faktor 2000). Eine Entwurzelung von ehemals gesicherten Arbeits-, Wohn-, und Beziehungsverhältnissen fand statt, Identitäten brachen zusammen. Biografien vor allem von ,älteren‘, d.h. über 40-jähriger Menschen, verloren Sinn und Bedeutung.9
Froese vergleicht die Situation der ostdeutschen Bevölkerung mit der Lage der Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg.
1.2 Die Erinnerung an die DDR
Ähnlich wie nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Diktatur kam mit dem Bankrott der Deutschen Demokratischen Republik die Zeit der Besinnung und der Abrechnung, und zwar mit der eigenen Vergangenheit, mit den Machthabern sowie mit der Generation der Väter. Es handelt sich um eine mehrdimensionale Verarbeitung der Vergangenheit – sowohl in der Privatsphäre als auch im öffentlichen Bereich, deren Anlass teils im Inneren des Einzelnen zu sehen ist, teils von außen erzwungen wird. Autobiographisches Nachdenken ostdeutscher Autoren kann als Konsequenz der ,Wende‘ – verstanden als Störerfahrung – gedeutet werden. Martin Sabrow verweist in seinem Artikel „DDR erinnern“ aus dem von ihm herausgegebenen Band Erinnerungsorte der DDR auf die Verbreitung verschiedener Ich-Erzählungen, die es bereits zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik gab. Diese Tendenz wird nach dem Zusammenbruch des alten Systems nicht nur fortgesetzt, vielmehr tritt sie verstärkt in den Vordergrund.
Wirkungsmächtig ist schließlich in unserer Zeit vor allem der Strom postkommunistischer Bewältigungsbiographien, der die nachträgliche Auseinandersetzung mit dem Zeitalter des Kommunismus so eklatant vom beredten Schweigen der Ich-Erzählungen nach dem Ende des Nationalsozialismus unterscheidet. Sie alle arbeiten sich an der autobiographischen Brucherfahrung ab, welche die Hinwendung zur Idee des Sozialismus und ihrem Staat nach 1945 ebenso mit sich brachte wie später die Ablösung von ihr – und nach 1989 das Verschwinden kommunistischer Systeme in Europa.10
Kaum zu übersehen sind die literarischen, aber auch die alltagsprachlichen Erinnerungen an die DDR, die Elemente des verschwundenen Staates gegenwärtig machen und „als kommunikatives Gedächtnis an die nächste Generation“11 weitergeben. Anders als im Falle des Nationalsozialismus – bemerkt Sabrow – habe der Kommunismus noch keine eindeutig markierte Position im kulturellen Gedächtnis gefunden, was auch darauf zurückzuführen sei, dass die DDR keinen Zivilisationsbruch markiert habe.12 Während der Nationalsozialismus die moralischen Normen verletzt hatte, was ihn eindeutig als verbrecherisches System klassifiziert, ist die Idee der Gleichheit und der Brüderlichkeit, die dem Sozialismus bzw. dem Kommunismus zu Grunde liegt, weit von der nationalsozialistischen Ideologie des deutschen Herrenmenschen entfernt. Der Vergleich der beiden totalitären Systeme und der beiden Brucherfahrungen führt Sabrow zum folgenden Schluss:
Der sozialistische Traum lässt mehr Lesarten zu als der nationalsozialistische Zivilisationsbruch. Auch wer die DDR als totalen Unrechtsstaat begreift und die Aufarbeitung des Kommunismus nach 1945 umstandslos an der Bewältigung des Nationalsozialismus nach 1945 misst, wird schwerlich bestreiten können, dass die wie immer pervertierte Weltanschauung der kommunistischen Bewegung humanitärere Ziele anstrebte als die Ideologie des Nationalsozialismus. Anders gesagt: Bertolt Brecht und Anna Seghers sind selbstverständlicher Teil der literarischen Moderne; Artur Dinter oder Erich Edwin Dwinger sind es ebenso selbstverständlich nicht.13
Nach über drei Jahrzehnten seit der Öffnung der DDR-Grenze ist weder ein kohärentes Bild der DDR noch ein fest umrissenes DDR-Gedächtnis greifbar. Dennoch lassen sich verschiedene Erzählmuster erkennen, denen jew...