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Die Sichtbarkeit der Frauen* in der Erwachsenenbildung
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- 152 Seiten
- German
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Die Sichtbarkeit der Frauen* in der Erwachsenenbildung
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Über dieses Buch
Es scheint Konsens zu sein, dass neben gesetzlichen Rahmenbedingungen auch Bildung für die Gleichstellung der Geschlechter eine zentrale Rolle spielt. Insofern liegt die Schlussfolgerung nahe, dass Bildungsprojekte von und für Frauen* wesentlich sind für Geschlechtergerechtigkeit und dementsprechend gefördert werden sollten. Ein Blick in die Erwachsenenbildung offenbart jedoch: Bildung von und für Frauen* ist notorisch prekär, was auch mit der geringen Sichtbarkeit von Frauen* im Feld der Erwachsenenbildung selbst zusammenhängt - auch wenn sie einen Großteil der Beschäftigten ebenso wie der Teilnehmenden stellen. Trotz alldem leisten feministisch tradierte Projekte engagierte Bildungsarbeit für Frauen*, und Erwachsenenbildnerinnen* prägen das Feld in verschiedenen Rollen - auch in traditionell mit "Männlichkeit" verbundenen Rollen als Innovatorinnen* und Intellektuelle.
Die Ausgabe 43 holt Frauen* in der Erwachsenenbildung vor den Vorhang. Sie enthält theoriegeleitete und praxisbezogene Reflexionen und Positionierungen zur Frage nach der Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit von Frauen in der Erwachsenenbildung. Weitere Beiträge beinhalten Vorstellungen von Bildungsinitiativen und -einrichtungen, in denen Frauen meist unter prekären Umständen emanzipatorische Bildungsarbeit leisten. Außerdem finden sich in der Ausgabe einige Porträts von bemerkenswerten Frauen, die die Erwachsenenbildung in der Vergangenheit geprägt und gestaltet haben. Abgerundet wird die Ausgabe von Beiträgen, die sich an Frauen als Teilnehmende von Bildungsangeboten richten und erörtern, warum sie in Weiterbildungsbereichen wie Politik und Gewerkschaft nach wie vor unterrepräsentiert sind.
Magazin erwachsenenbildung.at (Meb) ist das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs der österreichischen Erwachsenenbildung. Es wird vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Erwachsenenbildung dreimal jährlich herausgegeben. Für die Redaktion verantwortlich ist CONEDU - Verein für Bildungsforschung und -medien. Die eingereichten Artikel werden dem Review eines sechsköpfigen Fachbeirates unterzogen, der mit ExpertInnen aus Wissenschaft, Praxis und Medien besetzt ist. Alle Artikel und Ausgaben des Magazin erwachsenenbildung.at sind im PDF-Format unter Erwachsenenbildung.at/magazin kostenlos verfügbar. Das Online-Magazin erscheint parallel auch in Druck (Print-on-Demand) sowie als E-Book.
Information
Thema
Social SciencesThema
Sociology07
Praxis
Von „Mathematischen Scherzen“ und
„Liebe und Verständnis für die Natur“
Naturwissenschafterinnen an den Wiener
Volkshochschulen 1900-1938
Brigitte Bischof
Zitation
Bischof, Brigitte (2021): Von „Mathematischen Scherzen“ und „Liebe und Verständnis für die Natur“. Naturwissenschafterinnen an den Wiener Volkshochschulen 1900-1938.
In: Magazin erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs, Ausgabe 43.
Online: https://erwachsenenbildung.at/magazin/21-43/meb21-43.pdf.
Schlagworte: Naturwissenschafterinnen, VHS-Kursleiterinnen, Wiener Volkshochschulen, bürgerliche Frauenbewegung, Botanikerinnen, Mathematikerinnen, Zoologinnen, Physikerinnen
Kurzzusammenfassung
Dass Frauen eher Sprache, Literatur und Geisteswissenschaften bevorzugen, ist ein verbreitetes Stereotyp, das sich auch in der Erwachsenenbildung widerspiegelt: Frauen werden eher mit der Leitung von Sprach- oder Literaturkursen als von mathematischen oder naturwissenschaftlichen Fächern assoziiert. Die Autorin zeigt, dass Frauen im Gegensatz dazu während der Habsburgerzeit sowie in der Zwischenkriegszeit im mathematischen und naturwissenschaftlichen Bereich als Kursleitende an den Wiener Volkshochschulen tätig waren. Sie waren in ihren jeweiligen Fachbereichen zumeist bestens ausgebildet und zum überwiegenden Teil promoviert. Anhand biografischer Skizzen werden im Beitrag zahlreiche Physikerinnen, Mathematikerinnen, Biologinnen, Botanikerinnen, Zoologinnen sowie in geringerem Ausmaß Chemikerinnen, Meteorologinnen, Astronominnen und Geologinnen vorgestellt und sichtbar. (Red.)
Von „Mathematischen Scherzen“ und
„Liebe und Verständnis für die Natur“
Naturwissenschafterinnen an den Wiener
Volkshochschulen 1900-1938
Brigitte Bischof
Gesellschaftliche Stereotype gehen davon aus, Frauen hätten eine besondere Affinität zu Sprache, Literatur und Geisteswissenschaften, aber weniger zu Mathematik, Naturwissenschaft und Technik. So mag es nicht verwundern, Frauen in der Erwachsenenbildung als Kursleiterinnen von Sprach- und Literaturkursen zu finden, aber als Kursleiterinnen mathematischer und naturwissenschaftlicher Kurse?
Ein Blick in die Geschichte der Volksbildung zeigt, dass Frauen durchaus und schon sehr früh Kurse in Mathematik, Physik und Biologie hielten. Diese Frauen und ihr Beitrag zur naturwissenschaftlich ausgerichteten Volksbildung in Wien beginnend in den Jahren der Habsburger Monarchie bis hin zur Zwischenkriegszeit werden auf den folgenden Seiten kursorisch vorgestellt, geht es im vorliegenden Beitrag ja um ein Wirken gegen die Unsichtbarkeit von Frauen und gegen das Vergessen weiblicher Geschichten94.
Naturwissenschafterinnen in der Wiener Volksbildung: nur eine „Ausnahme“?
Das Neben- und Miteinander gesellschaftlicher Emanzipationsbewegungen äußerte sich im Wien der Jahrhundertwende nicht zuletzt in einer Institutionalisierung der Erwachsenenbildung. So kam es u.a. 1893 zur Verselbstständigung des Wiener Volksbildungsvereins, 1895 zur Einrichtung volkstümlicher Universitätskurse, 1897 zur Gründung der Wiener Urania und 1901 zur Gründung des Volksheims Ottakring (siehe Stifter 2006). Nahezu zeitgleich, nämlich ab dem Wintersemester 1897/98, kam es zur Zulassung von Frauen als ordentliche Hörerinnen an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien (siehe Heindl/Tichy 1990).
Diese „geistige Stadterweiterung“ (Eduard Leisching zit. in Stifter 2006) Wiens wurde von Vertreterinnen der bürgerlichen Frauenbewegung nicht nur unterstützt, sie finden sich, wie auch die ersten Universitätsabsolventinnen, unter den Vortragenden der Volkshochschulen. Neben Beispielen aus Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft und Romanistik kann dabei auch auf eine prominente Naturwissenschafterin – die später international anerkannte Kernphysikerin Lise Meitner – verwiesen werden (siehe Stifter 2006).
Lise Meitner (1878-1968) promovierte 1906 an der Universität Wien und war nach ihrer Promotion am Wiener Volksbildungsverein, im Volksheim Ottakring und nach ihrer Habilitation an der Wiener Urania tätig.95 Entgegen der Vorstellung, dass Meitner als erste und einzige Studentin in Vorlesungen saß und im Labor forschte, ergaben Recherchen zu den Biografien und zur Geschichte von Naturwissenschafterinnen (an) der Universität Wien (siehe Bischof 2008a), dass vor ihr bereits 25 Studentinnen ein Studium abgeschlossen hatten, darunter etwa die Hälfte in Naturwissenschaft oder Mathematik. Eine Entwicklung, die sich etwas abgeschwächt bis in die Zwischenkriegszeit fortsetzte. Viele dieser Naturwissenschafterinnen wurden später Lehrerinnen, etliche versuchten aber auch, einen anderen, ihrem Studium entsprechenden Beruf einzuschlagen. Eine Möglichkeit, neben der eher begrenzten Aussicht, direkt im akademischen Feld Fuß zu fassen, war die Tätigkeit in der Volksbildung. Nicht nur konnten Frauen hier die ihnen gesellschaftlich zugesprochenen Fähigkeiten in der Lehre einsetzen, sondern sie konnten auch ihre wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzen, da die neuen wissenschaftsorientierten Volksbildungseinrichtungen mit sehr guten naturwissenschaftlichen Laboratorien ausgestattet waren.
Frauen sichtbar machen:
Herangehensweise und erste Ergebnisse
Ausgehend vom Modul „Naturwissenschafterinnen“ des Projektes „biografiA – biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen“ wurden die gesammelten Namen und biografischen Hinweise (siehe Bischof 2008a; auch Keintzel/Korotin 2002; Korotin 2016; Korotin/Stupnicki 2018) mit der Bestands-Datenbank des österreichischen Volkshochschul-Archives abgeglichen, welche es u.a. ermöglicht, nach Vortragenden, Kursleiter*innen und ihren Veranstaltungen zu suchen. Die Ergebnisse wurden dann aktualisiert und mittels Online-Recherche ergänzt. Die systematische Recherche im Bestandsverzeichnis des VHS-Archives umfasste demnach die Doktorandinnen im Bereich Naturwissenschaft und Mathematik (Naturwissenschafterinnen-Sample) bis 1938 und auch ihre Tätigkeit in diesem Bereich und Zeitraum.96
Insgesamt waren 50 Frauen des Samples als Kursleiterinnen und/oder Vortragende der Wiener Volkshochschulen in den genannten Fächern zu finden. Dies sind in etwa fünfeinhalb Prozent des Naturwissenschafterinnen-Samples. Dieses Ergebnis mag im Vergleich zum Kursangebot im Bereich Naturwissenschaft insgesamt (siehe Ganglbauer 2014) bzw. im Vergleich zur Gesamtzahl der Personen, die an Volksbildungseinrichtungen vor 1938 tätig waren97, auf den ersten Blick nicht beeindrucken. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass jede einzelne dieser Frauen eine außergewöhnliche Geschichte verkörpert und zugleich ihre Vielfalt dem Narrativ der „Ausnahme“ widerspricht.
Die ersten Kursleiterinnen sind bereits früh, nämlich um 1902 zu finden. Zeitlich verteilen sie sich recht unregelmäßig über die Jahre hinweg; auch die Zahl der Kursleiterinnen variiert. Mehr Frauen gleichzeitig sind an den Wiener Volkshochschulen in den Jahren unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg sowie mit Schwankungen in den 1920er Jahren tätig. 1931 und wieder ab 1934 sinkt die Anzahl der Kursleiterinnen. Wobei dies nicht mit der Zahl der Kurse korrelieren muss. So finden sich Lehrende, die nur einzelne Veranstaltungen anbieten, aber auch Kursleiter*innen, die im Lauf der Zeit mehrere hundert Angebote zu verzeichnen haben.
Bemerkenswert sind neben dem zeitlichen Verlauf die Unterschiede der einzelnen Fachbereiche. Im Bereich der Mathematik und der Botanik sind mehr Kursleiterinnen zu finden als im Bereich der Zoologie und Physik; auffallend ist das praktische Fehlen von Chemikerinnen unter den Kursleiterinnen, repräsentieren die Chemikerinnen unter den Dissertantinnen doch immerhin die zahlenmäßig größte Gruppe. In absoluten Zahlen haben bis 1938 fast fünfmal so viele Frauen eine Chemiearbeit zur Promotion eingereicht als im Bereich der Mathematik.
Naturwissenschafterinnen an Wiener Volkshochschuleinrichtungen – biografische Skizzen
Die Pionierinnen
Margarete Furcht (1879-1976), die erste Chemikerin der Universität Wien, taucht 1902 als Dr. Grete Furcht, Leiterin des Kurses Anorganische Chemie am Volksheim Ottakring auf. Sie hält in Summe vier Kurse zu Chemie. Bis 1906 erscheinen mehrere ihrer Publikationen im Blatt „Das Wissen für Alle. Volkstümliche Vorträge und populärwissenschaftliche Rundschau“ sowie im „NÖ Volksbildungsblatt“ (siehe Furcht 1903a, 1903b, 1903c, 1904 u. 1906). In der Zwischenkriegszeit ist sie in einer Radioröhrenfabrik tätig und veröffentlicht gemeinsam mit anderen mehrere Patente. Margarete Furcht emigriert Anfang 1939 nach England (vgl. Bischof 2014, S. 28f.).
Die erste Physikerin, Olga Steindler, verh. Ehrenhaft-Steindler (1879-1933), die spätere Gründerin und Direktorin der ersten Handelsakademie für Mädchen, ist ebenfalls ab 1902 als Kursleiterin zu finden. Sie leitet insgesamt elf Kurse aus allen Bereichen der Physik am Wiener Volksbildungsverein und am Volksheim Ottakring, zuletzt auch das Physikalische Praktikum gemeinsam mit Lise Meitner. 1905/06 resp. 1907/08 wird sie als Vorstandsmitglied des Physikalischen Kabinetts am Volksheim Ottakring verzeichnet (vgl. Gebhardt 2016, S. 69).
Flora Hochsinger (1878-1942), die erste Absolventin aus dem Bereich Meteorologie und Geophysik, ist die am längsten tätige Kursleiterin. Ab 1906/07, also bereits während ihres Studiums, ist sie am Volksheim Ottakring, insbesondere im Bereich Mathematik als Kursleiterin verzeichnet. Nach Abschluss ihres Studiums (Promotion 1910) findet sich 1911/12 und wieder 1920/21 je ein Kurs zu Meteorologie. Bis zu ihrem letzten Jahr am Volksheim Ottakring (1937/38) ergeben sich in Summe 225 Treffer in der Archiv-Datenbank der Volkshochschulen im Bereich Kurse/Vorträge. Sie unterrichtet verschiedenste Mathematik-Themen, so z.B. Elementares Rechnen, aber auch Zinseszinsen, Versicherungsrechnung und mathematische Scherze. 1916/17 übernimmt Hochsinger von Eduard Helly die Leitung der Fachgruppe Mathematik (vgl. Gebhardt 2016, S. 82). Daneben publiziert sie zahlreiche Beiträge im Organ des Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins „Neues Frauenleben“. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich bemüht sich Flora Hochsinger vergeblich um Ausreise aus Österreich und eine Möglichkeit der Emigration, dokumentiert in einem Briefwechsel mit...
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