Gegenstand dieser Arbeit sind nominalisierte Infinitive im Spanischen (im Folgenden NI). Unter diesen Begriff werden üblicherweise alle Infinitive subsumiert, denen ein Artikel vorausgeht, vgl. (1)–(4). Einige der Formen, die als NI klassifiziert werden, stellen vollständig lexikalisierte Nomen dar, vgl. (1), die meisten sind jedoch syntaktisch gebildete Formen, von denen einige wie in (2) eher nominal strukturiert sind, während andere wie in (3) vor allem verbale Distributionseigenschaften aufweisen oder sogar wie in (4) infinite Nebensätze mit einem overten Subjekt darstellen.
(1) El cantar del Cid es un poema épico.
‚Das Lied (wörtl. Singen) vom Cid ist ein Heldengedicht.‘
(2) El cantar melodioso de los pájaros se hizo más intenso. (CdE)
‚Das melodische Singen der Vögel wurde lauter.‘
(3) a. el esfuerzo que supone el cantar arias
‚die Anstrengung, die das Ariensingen erfordert‘
b. el esfuerzo que supone el cantar un aria
‚die Anstrengung, die das Eine-Arie-Singen erfordert‘
(4) | El | cantar | yo | La Traviata |
| art | Singen | ich | La Traviata |
Die bisherige Forschung hat sich vor allem für die syntaktischen Eigenschaften der in (1)–(4) exemplifizierten Formen interessiert. In chomskyanischen Ansätzen werden sie in der Regel als DPn analysiert, die sich im Anteil nominaler und verbaler Strukturen unterscheiden (vgl. u. a. Alexiadou, Iordăchioaia & Schäfer 2011, Pérez Vázquez 2002, 2007, Plann 1981, Ramírez 2003). Von zentralem Interesse war bislang vor allem die Frage, wie sich die teils hybriden Wortartenmerkmale von NI im Rahmen von syntaktischer bzw. morphologischer Theoriebildung erklären lassen und auf welchen Ebenen eine verbale Struktur nominalisiert werden kann.
Wenig beachtet worden ist dagegen die Frage, ob die syntaktischen Formtypen auch mit semantischen Unterschieden einhergehen. Es kann z. B. als weitgehend unklar angesehen werden, welchen Bildungsbeschränkungen einzelne Formtypen unterliegen und über welche Verwendungs- und Interpretationsmöglichen sie verfügen. Die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Formtyp und Lesart stellt sich insbesondere für diejenigen NI, die weder lexikalisiert sind noch infinite Argumentsätze darstellen, d. h. eher nominale NI wie (2) und eher verbale Formen wie (3), auf die sich die folgende Arbeit daher konzentrieren wird. Diese Formen rangieren gewissermaßen im Mittelbereich einer Nominalisierungs- oder Deverbalisierungsskala, auf der sich die spanischen NI anordnen lassen. Aus semantischer Sicht ist eine ihrer wesentlichen Eigenschaften darin zu sehen, dass sie ein syntaktisches Verfahren zur Bildung von Ereignisbezeichnungen darstellen und somit über zeitstrukturelle Eigenschaften verfügen und Ereignispartizipanten auf Argumentpositionen abbilden können. Während die eher nominalen Formen wie (2) Partizipanten u. a. als postnominale PP mit der Präposition de realisieren können, selegieren Formen wie (3) ein verbales Komplement, das als bloße NP oder – seltener – als volle DP adjazent zum Infinitiv erscheinen kann. Spanische NI unterscheiden sich damit z. B. von NI im heutigen Französisch, die ausschließlich als vollständig lexikalisierte Formen wie le déjeuner ‚das Mittagessen‘, le repentir ‚die Reue‘ oder le plaisir ‚das Vergnügen‘ vorkommen (vgl. z. B. Kerleroux 1990). NI im Spanischen verhalten sich allerdings auch nicht wie NI im Deutschen, deren Bildung fast uneingeschränkt produktiv ist (vgl. z. B. Blume 2004). Über spanische NI wie (2) ist aus der Literatur bekannt, dass sie verbklassenbezogenen Beschränkungen unterliegen und nicht alle Ereignispartizipanten als postnominale PP erlauben, siehe (5) a gegenüber b (vgl. u. a. Demonte & Varela 1997, de Miguel 1996 sowie Abschnitt 4.1 für einen ausführlichen Überblick).
(5) a. ?/✓el cantar de los pájaros
‚das Singen der Vögel‘
b. ?/*el cantar de (las) coplas
‚das Singen von Liedern / der Lieder‘
Die erste Leitfrage der Arbeit lautet somit, welche Ereignisstrukturen und -partizipanten innerhalb der DP realisiert werden können. In der Literatur gibt es diesbezüglich zwar einige Generalisierungen, die jedoch weder auf systematischen Unterscheidungen von Verbklassen noch auf umfangreichen Daten basieren.
Aus dieser Frage ergibt sich auch der für die vorliegende Arbeit gewählte Formalismus. Mit Ramchands (2008) First Phase Syntax (FPS) wird im Folgenden ein syntaktischer Ansatz zur Modellierung von verbaler Ereignis- und Argumentstruktur verwendet. Im Hinblick auf die Fragestellungen, die in dieser Arbeit untersucht werden sollen, bietet das Modell eine differenzierte Typologie von Verbklassen und damit eine geeignete Klassifizierungsgrundlage für spanische NI. Des Weiteren erscheint es unter ökonomischen Gesichtspunkten sinnvoll, da es erlaubt, sowohl die semantische Wortstruktur als auch strukturelle Eigenschaften oberhalb der Wortebene in einem Modul, nämlich der Syntax, darzustellen.
Das zweite Hauptanliegen der Arbeit besteht darin, systematisch zu zeigen, mit welchen Ereignislesarten NI verbunden sein können. Die Formtypen werden daher auch im Hinblick auf ihre externe Distribution bzw. das Auftreten in bestimmten Kontexten betrachtet. In der Literatur finden sich verschiedentlich Hinweise darauf, dass ereignisdenotierende NI z. B. häufig mit generischen, habituellen oder modalen Lesarten verbunden sind (vgl. u. a. Demonte & Varela 1998, Di Tullio 2001, Hernanz 1999, Varela 1979). Allerdings fehlen auch in diesem Bereich gesicherte empirische Erkenntnisse und es ist unklar, ob nominale und verbale NI auf bestimmte Lesarten beschränkt sind oder ob eher subtile Präferenzen bestehen, die Auskunft darüber geben, unter welchen Bedingungen NI als Ereignisnominalisierungen mehr oder weniger adäquat sind. So deuten beispielsweise Okkurrenzen in Korpora darauf hin, dass verbal(er) strukturierte NI wie in (6) und (7) vor allem in generischen Ereignislesarten auftreten, also nicht auf konkrete Ereignisepisoden, sondern auf Ereignistypen referieren.
(6) En 1602, una ordenanza real impuso a cada parcela
| el | plantar | moreras. (Wikipedia) |
| das | Pflanzen | Maulbeerbäume |
(7) También está entre sus planes
| el | construir | un mayor número de aulas […]. (Wikipedia) |
| das | Bauen | eine größere Anzahl von Klassen |
Im Folgenden soll daher gezeigt werden, dass NI auf bestimmte Funktionen spezialisiert sind, die sich aus der Interaktion der Semantik des Basisverbs, Argumentrealisierung und Ereignislesarten ergeben. Bisher konnten zum Zusammenspiel dieser Faktoren nur wenige eindeutige Aussagen getroffen werden, da NI auf Grund überwiegend syntaktischer Schwerpunktsetzungen bisheriger Studien häufig ohne Kontext betrachtet wurden:
One of the reasons why existing proposals may appear both imprecise and difficult to evaluate is that the data are not always clearly presented and contextualized.
(vgl. Demonte & Varela 1998: 147)
Aus diesem Defizit ergibt sich im Wesentlichen der methodische Ansatz für die vorliegende Dissertation. Der empirische Teil der Arbeit basiert auf der Erhebung von Akzeptabilitätsurteilen, mittels derer gezielt untersucht wird, inwieweit die genannten Faktoren bewirken, dass Sprecher diesen Nominalisierungstyp als mehr oder weniger wohlgeformt beurteilen. Die skalare Messung von Akzeptabilität kann als leistungsfähige Methode angesehen werden, mit der sich sprachliche Formen untersuchen lassen, die nicht dichotomisch als grammatisch oder ungrammatisch klassifizierbar sind, sondern in unterschiedlichem Maße toleriert und verwendet werden. Die unter kontrollierten Bedingungen abgegebenen Bewertungen von NI liefern quantitative Daten, die mit Verfahren der analytischen Statistik ausgewertet werden. Durch dieses Vorgehen wird das Ziel verfolgt, herauszuarbeiten, auf welche Funktionen NI spezialisiert sind bzw. unter welchen Bedingungen sie als Ereignisnominalisierungen eher dispräferiert sind.
Der Aufbau der Arbeit gliedert sich wie folgt: Kapitel 2 bietet zunächst einen Überblick über die morphosyntaktischen Eigenschaften aller NI-Strukturen und versucht, sie entsprechend ihres Nominalisierungsgrades in unterschiedliche Formtypen zu unterteilen. Dabei steht die rein empirische Frage im Vordergrund, welche Kombinationen verbaler und nominaler Distributionseigenschaften innerhalb der DP möglich sind. Nach dem Kriterium, wie sich Argumente der verbalen Basis auf die nominalisierte Struktur abbilden lassen, werden zum Abschluss des Kapitels diejenigen NI, die weder lexikalisiert sind noch infinite Argumentsätze darstellen, in drei Formtypen unterschieden, welche die Grundlage für die weitere Darstellung bilden.
Kapitel 3 dient dazu, Ramchands Modell verbaler Ereignis- und Argumentstruktur vorzustellen. Die FPS ist ein Dekompositionsmodell, in dem die Bedeutung verbaler Prädikate in bis zu drei Komponenten bzw. Subereignisse zerlegt wird, die Ramchand als initiation, process und result bezeichnet. Das Kapitel zeigt, wie sich aus diesen Komponenten eine mehr oder weniger komplexe Ereignisstruktur ergeben kann und welche Informatio...