Die Vergangenheitstempora im Alemannischen Deutschlands
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Die Vergangenheitstempora im Alemannischen Deutschlands

Eine korpusbasierte quantitative und qualitative Untersuchung

  1. 313 Seiten
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Die Vergangenheitstempora im Alemannischen Deutschlands

Eine korpusbasierte quantitative und qualitative Untersuchung

Über dieses Buch

This series takes account of the fact that empirical approaches based on qualitative or quantitative methods of corpus linguistics have become a central paradigm within linguistics. Usage-based approaches can be found on all linguistic levels, ranging from phonological and prosodic studies to those in the fields of morphology, syntax, semantics and pragmatics (the latter is especially prolific with, for example, discourse analysis, text linguistics or conversation analysis) as well as sociolinguistics and the analysis of media and computer-mediated communication. The series intends to offer a thematically open platform for different approaches within synchronous linguistics as well as for interdisciplinary works with a linguistic focus which devise new ways of working empirically and which intend to develop new data-based methods and theoretical models for empirical linguistic analyses.Both monographs and edited volumes with a synchronous empirical approach are published. The publication language is either German or English. All submissions are peer-reviewed.

External Reviewers:
Magnus P. Ängsal (Göteborg, Sweden),
Michael Beißwenger (Duisburg-Essen, Germany),
Pia Bergmann (Jena, Germany),
Noah Bubenhofer (Dresden, Germany),
Helen Christen (Fribourg, Switzerland),
Waldemar Czachur (Warsaw, Poland),
Ulla Fix (Leipzig, Germany),
Karina Frick (Zurich, Switzerland),
Stephan Habscheid (Siegen, Germany),
Jörg Hagemann (Freiburg, Germany),
Mathilde Hennig (Gießen, Germany),
Katharina König (Münster, Germany),
Alfred Lameli (Marburg, Germany),
Jens Lanwer (Münster, Germany),
Konstanze Marx (Mannheim, Germany),
Marcus Müller (Darmstadt, Germany),
Thomas Niehr (Aachen, Germany),
Martin Pfeiffer (Freiburg, Germany),
Hannes Scheutz (Innsbruck, Austria)
Anja Stukenbrock (Lausanne, Switzerland),
Georg Weidacher (Graz, Austria),
Evelyn Ziegler (Duisburg-Essen, Germany),
Alexander Ziem (Düsseldorf, Germany).

Open Access:
Thanks to a pilot project with the FID Linguistik, six upcoming volumes will be published in gold open acceess between 2019 and 2021. All volumes already published have been tranformed to open access publications.
https://www.linguistik.de/

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Information

Jahr
2022
eBook-ISBN:
9783110765151

1 Einleitung

Das Tempus gehört zu den meist diskutierten Phänomenen der deutschen Sprache. Zu kaum einem anderen Forschungsgebiet sind so viele Publikationen entstanden (Mugler 1988: 11 und Rödel 2007: 9). Das hat zur Folge, dass die meisten Arbeiten zu diesem Thema mit einer Rechtfertigung beginnen (Hennig 2000: 1 und Rödel 2007: 9). Allerdings gibt es fast keine Arbeiten, die sich mit den Vergangenheitstempora im alemannischen Sprachraum auseinandersetzen.1 Der Grund hierfür könnte die vorherrschende Meinung sein, das Präteritum sei im Alemannischen (genau wie im gesamten oberdeutschen Sprachraum) bis auf Relikte verschwunden (vgl. Rowley 1983: 164–165 und Fischer 2018: 37–39). Lediglich die Präteritalformen von sein würden vereinzelt noch verwendet werden (vgl. Rowley 1983: 165, Fischer 2018: 38–39 und Fischer 2021: 347). Diese Ansicht stützt sich vor allen Dingen auf Georg Wenkers Sprachatlas des Deutschen Reichs (1888–1923) (vgl. Fischer 2018: 15) und die Ortsgrammatiken des alemannischen Sprachraums (vgl. Rowley 1983: 164–165 und Fischer 2018: 37–39). Mit dem Schwund des Präteritums müsste demzufolge auch das Plusquamperfekt verschwunden sein, da es zur Bildung die Präteritalformen der Verben sein und haben benötigt. Glaubt man dieser Einschätzung, bleiben für den Untersuchungsbereich nur noch das Perfekt und das Doppelperfekt. Die intuitive Unterscheidung dieser beiden Tempora – Perfekt für einfache Vergangenheit, Doppelperfekt für Vorvergangenheit – lassen eine Untersuchung auf den ersten Blick wenig reizvoll erscheinen.
Allerdings ist es durchaus fraglich, ob das Präteritum im Alemannischen tatsächlich völlig ungebräuchlich ist. In den folgenden Beispielen (1–2) wird aus der Laienperspektive ein Sprachwandel vom Perfekt zum Präteritum beim Verb sein beschrieben.
GP1_1172 erzählt hier, sie sei als Jugendliche von ihrem Vater immer verbessert worden, wenn sie die Präteritalform des Verbs sein verwendet habe. Stattdessen sei die Perfektform korrekt (Z. 01–02).
(1) Herten (REDI+FLARS (dt.))
 01 GP1_1172: also ds WEISS Ich- 02 won_ich (.) so vierzeh fuchzeh war dass mi: (.) vaddr JE:desmal mich verbEssert het- → 03 wenn_ich gsAIt hab (.) ich WAR; (.) → 04 des hEIßt ich bin GSI; das heißt ich bin gewesen2 
Die Informantin im nächsten Beispiel (2) hat ebenfalls einen Sprachwandel im Alemannischen bemerkt (Z. 01–02) und deutet zudem einen funktionalen Unterschied zwischen Perfekt und Präteritum an, indem sie sagt, es komme auf die Situation an, was man sagen möchte (Z. 05–06).
(2) Schopfheim (REDI+FLARS (dt.))
 → 01 GP1_1105: ich mein es isch e so HÜT (.) heißt_s immer (.) es wA:r; (-) → 02 ja (.) des ham_ma (.) äh un früher het_s äh immer khEIße (.) es ISCH gsi; 03 EX1_1051: ja; 04 GP1_1105: es Isch halt eifach so GSI, 05 un da chUnt_s etz (.) menchmal halt auf_d sitior de (.) situaTIOne a: und da kommt es jetzt manchmal halt auf die sitior die situationen an 06 wAs ma grad SAge will- 07 oder wAs ma grad verZÄLLT, oder was man gerade erzählt 08 na cha_ma scho mal sAge (-) jo_s WAR; dann kann man schon mal sagen ja es war 09 s WAR halt nid so wArm; 
Die beiden Gesprächsausschnitte lassen die Vermutung zu, dass die Präteritalform die Perfektform des Verbs sein zumindest partiell ersetzt hat. Die Aussagen in (1) und (2) über eine Präteritumverwendung beschränken sich zwar auf das Verb sein, dessen Gebrauch im Präteritum von Rowley (1983) durchaus anerkannt wird. Dennoch legt die Tatsache, dass ein Sprachwandel vom Perfekt zum Präteritum von Gewährspersonen überhaupt thematisiert wird, die Vermutung nahe, dass auch andere Verben diese Entwicklung durchlaufen haben könnten.
Es gilt also zu erörtern, ob es einen Sprachwandel im Alemannischen Deutschlands gibt, bei dem Präteritalformen wieder häufiger Verwendung finden. Dabei stellt sich die Frage, welche Verben von einem möglichen Wandel betroffen sind und welche Gemeinsamkeiten diese Verben haben.
Es stellt sich außerdem die Frage, ob das Präteritum durch den Einfluss des Standarddeutschen wieder in das Alemannische eingedrungen ist oder ob es nie völlig aus dem Dialekt verschwunden ist. Um dies zu überprüfen, untersuche ich, ob die Präteritum-Belege Standard- oder Dialektformen sind. Sollten sie aus dem Standard entlehnt worden sein, ist zu erwarten, dass sie keine oder nur eine sehr geringe Assimilation an das Alemannische erfahren haben. Umgekehrt sprächen Dialektformen des Präteritums (z. B. der Indikativ Präteritum von sein als was, wie er im Schwäbischen Wörterbuch (Fischer 1920: 1330) und in der Mundartgrammatik von Memmingen (Hufnagl 1967: 132) als alte und erhaltene Form beschrieben wird) dafür, dass das Präteritum im Alemannischen nie völlig ungebräuchlich wurde, sondern nur nicht erfasst wurde. Neben dem Alemannischen im deutschen Staatsgebiet untersucht diese Arbeit auch das Alemannische des Elsass. Aufgrund des fehlenden Einflusses des Standarddeutschen ist ein Vergleich im Elsass zum restlichen Untersuchungsgebiet lohnenswert. Dabei ist zu fragen, ob im Elsass die Tempora Präteritum und Plusquamperfekt trotz des fehlenden standarddeutschen Einflusses existieren.
Perfekt und Präteritum können auf Vergangenes referieren. Sollten zwei Tempora mit derselben Funktion koexistieren, ist anzunehmen, dass Perfekt und/oder Präteritum eine Spezialisierung erfahren (haben). Diese Arbeit soll daher ermitteln, ob es semantische oder kontextuelle Unterschiede zwischen den beiden Tempora gibt. Nimmt man den Einfluss des Standarddeutschen als Grund für das Wiedereindringen des Präteritums in den Dialekt an, lässt dies vermuten, dass auch die sekundären Funktionen der Perfekt-Präteritum-Distinktion mit in den Dialekt übernommen wurden. Daher soll in dieser Arbeit überprüft werden, inwiefern sich die Erkenntnisse aus dem Standard auf das Alemannische übertragen lassen.
Die Existenz der Präteritalform des Verbs sein schafft darüber hinaus die Voraussetzung, dass auch das Plusquamperfekt dialektal Verwendung finden könnte, da mit der Präteritalform von sein das notwendige sprachliche Material für die Bildung des Plusquamperfekts vorhanden ist. Ich werde daher der Frage nachgehen, ob das Plusquamperfekt im Alemannischen Deutschlands und im Elsass verwendet wird. Dabei ist auch zu untersuchen, ob neben dem Plusquamperfekt mit sein-selegierenden Verben auch ein Plusquamperfekt mit haben-selegierenden Verben gebildet wird. Voraussetzung dafür wäre das Vorhandensein der Präteritalform von haben.
Es scheint mit dem Doppelperfekt bereits ein Tempus im Oberdeutschen (und damit auch im Alemannischen) zu geben, das dieselbe Funktion besitzt wie das Plusquamperfekt im Standarddeutschen. Die klassische Theorie zur Genese des Doppelperfekts besagt, dass es einen direkten, kausalen Zusammenhang zwischen oberdeutschem Präteritumschwund (und dem daraus folgenden Verlust des Plusquamperfekts) und Entstehung des Doppelperfekts gibt. Dementsprechend seien Doppelperfekt und Plusquamperfekt funktionsgleich, weshalb ersteres als Substitution für letzteres im Oberdeutschen gebraucht werde (vgl. u. a. Behaghel 1924: 271–272). Ich möchte in dieser Arbeit überprüfen, ob Doppelperfekt und Plusquamperfekt im Alemannischen Deutschlands und im Elsass tatsächlich funktionsgleich sind. Sollten die beiden Tempora funktionsgleich sein, stellt sich auch hier die Frage, ob ein Verdrängungsprozess zu beobachten ist oder ob die Tempora eine Spezialisierung erfahren (haben).
Im Gegensatz zum Plusquamperfekt erhielt das Doppelperfekt in den vergangenen Jahren mehr und mehr Aufmerksamkeit in wissenschaftlichen Untersuchungen (u. a. Hug 2009, Hundt 2011, Buchwald-Wargenau 2012, Zybatow 2015, Brandner et al. 2016, Haß 2016, Postler 2018 und Zybatow/Weskott 2018). Die meisten Grammatiken und Untersuchungen, die sich mit dem Phänomen Doppelperfekt im Standarddeutschen beschäftigen, versuchen es vom Plusquamperfekt abzugrenzen. Dem Plusquamperfekt bleibt in diesen Arbeiten allerdings zumeist nur die Rolle des Sparringspartners, dem der Ausdruck von Vorvergangenheit unterstellt wird. Eigene Untersuchungen der Funktionen des Plusquamperfekts fehlen auch für den Standard größtenteils (eine Ausnahme bildet dabei die Arbeit von Breuer/Dorow 1996).

1.1 Ziele der Arbeit

Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Vorkommen, die Funktionen und die Verwendungsweisen der Vergangenheitstempora im Alemannischen Deutschlands und im Elsass zu dokumentieren beziehungsweise zu analysieren. Somit ergeben sich folgende Teilziele:
  1. Dokumentation des Sprachwandels: Nimmt die Verwendung des Präteritums und des Plusquamperfekts und die areale Ausbreitung des Präteritums zu?
  2. Dokumentation der Formenbestände: Welche Verben werden im Präteritum gebraucht? Wird das Plusquamperfekt gebildet?
  3. Erklärung...

Inhaltsverzeichnis

  1. Title Page
  2. Copyright
  3. Contents
  4. Danksagung
  5. 1 Einleitung
  6. 2 Theoretische Grundlagen: Tempus, Aspekt und Aktionsart
  7. 3 Perfekt & Präteritum im Alemannischen Deutschlands
  8. 4 Das Doppelperfekt im Alemannischen Deutschlands und des Elsass
  9. 5 Diskussion
  10. Register

Häufig gestellte Fragen

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