Wahrhaftigkeit umfasst den Mut,
die eigenen Positionen klar zu stellen.

- 240 Seiten
- German
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eBook - ePub
Über dieses Buch
Zur Ermutigung - denn Mut kann man lernen
Wann müssen wir risikofreudig und wann dürfen wir feige sein? Was hat Wagemut mit Zivilcourage zu tun und Schwermut mit dem Alter? Ist Kleinmut eine Charakterschwäche und Edelmut angeboren?
Psychoanalytikerin Rotraud A. Perner zeigt, wie wichtig Mut im Leben ist: vom Mutwillen in der Kindheit, dem Übermut in der Pubertät, bis zum Freimut, seinen eigenen Weg zu gehen, und der Demut, das Sterben als Teil des Lebens anzunehmen. Sie weiß: Mut ist keine Eigenschaft, sondern ein Prozess. Und sie weist Wege, wie wir den Mut finden, zu uns selbst zu stehen.
Mit Anleitung und Tipps zum Selbstcoaching
Häufig gestellte Fragen
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Information
Zeit der Reife
Um an die Quelle zu kommen,
muss man gegen den Strom schwimmen.
KONFUZIUS
Reife hat nicht unbedingt etwas mit dem historischen Alter zu tun. Man kann mit zwanzig sehr reif sein und mit sechzig noch immer unreif. Meine Mutter predigte mir immer, »Empor sollst du dich pflanzen, nicht nur fort!« Im Original lautet der Satz von Friedrich Nietzsche »Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern hinauf – dazu, o meine Brüder, helfe euch der Garten der Ehe!« Damit wird darauf hingewiesen, dass es nicht nur um körperliche Selbstvermehrung geht, sondern vor allem um geistige, und das bedeutet nicht nur seelische, sondern auch spirituelle Reifung.
Empor, hinauf – diese Richtungsworte lösen wohl bei allen ein geistiges Bild von Höhe aus. Wenn man diese Worte intuitiv auf sich wirken lässt, folgt meist ein tiefer Atemzug und ein Aufrichten der Wirbelsäule. In der psychotherapeutischen Methode Focusing heißt dies »body shift«. Man »nimmt Haltung ein«, und diese Art von Haltung umfasst wiederum Körper- wie auch Geisteshaltung. Will man ein aufrechter und aufrichtiger Mensch sein – was immer wieder aufs Neue auch Mut erfordert – so hilft es, seine Körperhaltung bewusst zu kontrollieren und zu korrigieren. Niedrige oder feige Gesinnung lässt den Rücken krumm werden und führt langdauernd entweder zur Niedertracht oder zur Niedergeschlagenheit.
So lautet eine Standardfrage, die ich (beispielsweise wegen Sexualdelikten) straffällig gewordenen Männern stelle, »Was für ein Mann wollen Sie sein?« Ich möchte sie damit einladen, sich selbst für den Augenblick und für die Zukunft zu bewerten und ein klares Idealbild von sich selbst zu entwerfen – denn meist haben sie sich diese Frage überhaupt noch nie gestellt. Sie haben nur an ihren Lust- oder Finanzgewinn gedacht oder besser die damit verbundenen Gefühle quasi erträumt; sich in Gefühlen zu suhlen, vermindert aber die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken (weil dabei jeweils widersprüchliche Gehirnpartien aktiviert werden). Schafft man sich hingegen eine realistische Zukunftsvision von sich selbst, kann man auch erkennen, woran es noch mangelt, um das darin verpackte Ziel zu erreichen. Der nächste Schritt wäre dann, das Fehlende zu erwerben, und das kann auch Nachlernen bedeuten.
Hochgemut
Wenn man voll Mut beschlossen hat, Schritt für Schritt einen Weg zu immer mehr Reife zu gehen, fühlt man sich üblicherweise zuerst hochgemut. Später können dann Zweifel oder Mutlosigkeit auftreten. Dann ist es wichtig, Methoden der Selbstermutigung zu kennen.
Über meinem Schreibtisch habe ich einen Ausschnitt aus einer Zeitung oder einem Buchumschlag, woher genau weiß ich nicht mehr, aufgehängt, der folgenden Dialog wiedergibt:
Schüler: Ich bin so entmutigt. Was soll ich tun?
Soen Nakagawa: Andere ermutigen.
Wer Mut will, muss auch eine Atmosphäre von Mut schaffen bzw. gestatten.
Bei dem Wort »hochgemut« denke ich daher daran, dass man »hohe Ziele« verfolgt – und solche muss man erst einmal kennen. Dem dienen ja auch Leitbilder, wie man sie beispielsweise in den Foyers von Einrichtungen des Gesundheitswesens wie Ambulatorien der Krankenkassen oder der, wie sie sich nun nennen, Gesundheits- und Krankenhäuser findet, und die leider selten realisiert werden. Ich sehe die Ursache dafür darin, dass diese klugen Appelle nur an die Wand platziert, jedoch nicht in vielen und wiederholten kleinen Gruppengesprächen mit Zielrichtung auf die konkrete Verwirklichung reflektiert werden. Genau das aber könnte das Hochgefühl der Zuversicht bewirken.
Ich appelliere immer, wenn ich in solchen Einrichtungen arbeite und mit dem hohen Arbeitsanfall, Zeitdruck und Perfektionsanspruch konfrontiert werde, der Stress und Burnout-Gefahr erhöht, sich nicht noch zusätzlichen Beziehungsstress aufzuhalsen, sondern den Mut aufzubringen, diese Begleiterscheinungen anzusprechen: Dann sind sie nämlich ausgedrückt (im wahrsten Sinn des Wortes) und schaffen innerseelisch Raum für ideale Kooperation. Wir brauchen Ideale und auch immer wieder Selbsterinnerung daran, sonst besteht die Gefahr zu verrohen.
Unter Reife verstehe ich diejenige Form von Selbstsicherheit, in der man gegensätzliche Positionen, Kritik an der eigenen Position wie auch Unverständnis anderer für die eigenen Zukunftsvorhaben in Ruhe akzeptieren und ohne Aggression oder beleidigten Rückzug weiter verhandeln kann (wenn es die anderen wollen, d. h. ohne Gewalt auszuüben). Daher gehört für mich zur Reife auch der Verzicht auf eigenes Konkurrieren und Rivalisieren. Genau das vergiftet das Klima am Arbeitsplatz und leider oft auch in Partnerschaft und Familie.
In der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts wird viel von der Notwendigkeit von Achtsamkeit und Wertschätzung gesprochen und gleich dazu der Erwerb dieser Sozialkompetenz in Trainings angeboten. Das beweist einerseits, dass es bisher weitgehend an diesen Verhaltensweisen gemangelt hat. Andererseits hat es mit dem zaghaften Umdenken von einer kurativen zu einer präventiven Gesundheitspolitik zu tun: Man hat erkannt, dass der traditionelle autoritäre Führungsstil mit Befehl und Unterwerfungspflicht eine nicht unwesentliche Ursache von psychosomatischen Erkrankungen, Erschöpfungszuständen und anderen Leistungsausfällen (wie z. B. der »inneren Emigration«) bildet.
Wer Mut will, muss eine Atmosphäre von Mut
schaffen bzw. gestatten.
schaffen bzw. gestatten.
Sie hätte mit ihrem Lebensgefährten ein »ehrliches« Gespräch geführt und damit viele Vorurteile und Missverständnisse ausräumen können, erzählte mir unlängst eine Klientin. Im Wort »ehrlich« steckt der Begriff von Ehre: Ehrlich spricht man so, dass man den anderen nicht in seiner Ehre verletzt, aber auch nicht die eigene. Letzteres täte man dann, wenn man nicht wahrhaftig wäre. In psychosozialen Berufen gelten die drei (es gibt noch mehr) sogenannten Rogers-Kriterien (nach Carl R. Rogers, dem Begründer der klientenbzw. personzentrierten Gesprächspsychotherapie) als Basis jedes hilfreichen Gesprächs: Akzeptanz als bedingungslose Annahme der KlientInnen, Empathie als hohe Einfühlungsfähigkeit und Kongruenz bzw. Authentizität als eigene Wahrhaftigkeit und damit Echtheit, ohne all die Formen von Verstellung, Höflichkeit und Schonung inklusive – aber auch ohne gut oder besser sein zu wollen.
Hochmut
Das Hochgefühl, ganz in der eigenen Wahrheit und Kraft – denn jede Verstellung verbraucht Energie – zu stehen, hat aber auch ein gegenteiliges Zerrbild, den Hochmut. Wieder ein anderes ist Demut – doch davon später.
Hochmut wird oft mit Stolz gleichgesetzt und das finde ich unpassend. Um beispielsweise auf ein gelungenes Schul- oder Arbeitsergebnis stolz zu sein, braucht man echten Mut – denn meist hat man schon frühe Erfahrungen mit Neid und Rivalität gemacht und weiß, dass man wie im Märchen vom Tischlein-deck-dich damit rechnen muss, dass einem die Freude an der eigenen Leistung und Habe kaputt gemacht wird. Auch hören viele schon als Kinder »Komm dir nur nicht gut vor!« und »Bilde dir nur nichts ein!« – dabei können wir Letzteres gar nicht vermeiden, denn wir machen uns immer geistige Bilder, sie sind uns nur meist nicht bewusst. Der erstere Appell hingegen ist ein echter »Fluch«, der als »Kopfbewohner« (© Mary Goulding) oft ein Leben lang Zufriedenheit und Entspannung verhindert.
Es sind zutiefst mit sich unzufriedene Menschen, die versuchen, ihre Unterlegenheitsgefühle mit Hochmut zu überkompensieren. Sie betonen dann bei jeder Gelegenheit, wie viel besser – schöner, klüger, reicher, erfolgreicher – sie sind als andere. Als ich noch Bezirksrätin und Landtagskandidatin in Wien Favoriten war (1973– 1987), und mit dem von mir erfundenen Kommunikationszentrum Club Bassena viel mediale Aufmerksamkeit bekam, näherte sich mir die damalige Frauenvorsitzende und Gemeinderätin, was in Wien gleichbedeutend ist mit Landtagsabgeordnete, eine vom Beruf freigestellte Pflichtschuldirektorin, mit den Sätzen: »Wenn wir im Gemeinderat über euch reden, dann ...« Den Zwischensatz »euch da unten« verkniff sie sich verbal, aber mimisch und energetisch war er deutlich spürbar. Die gleiche Politikerin wunderte sich laut »Ja kannst du denn das überhaupt?«, als ich 1975 die erste von mehreren Familienberatungsstellen gründete und dort, damals noch »nur« Juristin, Rechtsberatungen anbot. Ich antwortete verblüfft: »Aber ich bin doch promovierte Juristin!« Den verborgenen Abwertungsversuch hatte ich damals nicht erkannt – erst als ich mit der Methodik der Transaktionsanalyse (→ Selbstcoaching S. 207) vertraut war, fielen mir diese häufigen Bemühungen um Installation einer Rang-, besser Hackordnung auf.
Von Paul Watzlawick stammt der Hinweis, dass wir immer, wenn wir etwas Sprachliches von uns geben, auch etwas Persönliches von uns geben. Und Sigmund Freud meinte einst, auch wenn er seine Couch verhüllen würde, würde man dennoch deren Umrisse erkennen. Wahrhaftigkeit umfasst daher auch den Mut, die eigenen Positionen klarzustellen – man verhindert damit Phantasien. Auch in der Schöpfungsgeschichte im Alten Testament heißt es ja wiederholt: »Und Gott sah, dass es gut war.« Wir dürfen uns also wohl auch gestatten, im Sinne unserer Gottebenbildlichkeit diese »Schöpfungswonne« (© Walter Schubarth) auszuleben, wenn uns eine »Schöpfung« gelungen ist – aber wir sollten das zu unserer Motivation tun, nicht um andere zu beeindrucken oder zu düpieren.
Kampfmut
Wenn man nun aber den Impuls in sich spürt, jemand Bestimmten besiegen zu wollen, besteht reifes und daher faires Verhalten darin, ihn oder sie zum Duell herauszufordern – was bedeutet, Spielregeln festzulegen und einen Schiedsrichter mit dem Recht des Abbruchs zu bestimmen. So las ich kürzlich in einer Tageszeitung10, dass eine Polizistin einen Streit mehrerer jugendlicher Mädchen mit der Aufforderung zu einem Tanzduell schlichtete. Schaulustige hätten den Wettkampf gefilmt und die Washington Post habe das Video ins Netz gestellt, das zeige, wie die 17-Jährige am Ende die Polizistin umarme.
Kampfmut besteht darin, sich für hohe Ziele einzusetzen, für Gerechtigkeit und gegen Ungerechtigkeit beispielsweise oder für Gesundheit und Leben. Von dem protestantischen Theologen und »Urwald-Arzt« Albert Schweitzer (1875–1965) wurde der Goethe’sche Begriff der »Ehrfurcht vor dem Leben« immer wieder in Erinnerung gerufen: Das brauchte Mut in seiner Zeit des wachsenden Nationalismus und der damit verbundenen Kriegstreiberei. Schweitzer entgegnete der »primitiven« Geisteshaltung, die er bei seinen Patienten in Afrika vorgefunden hatte, nur Menschen zu unterstützen, die demselben Stamm angehörten, denn jemand anderer »ist nicht mein Bruder«. Sein eigenes »Grundprinzip des Guten« benennt Schweitzer als »das Leben zu erhalten, zu fördern und zu seinem höchsten Wert zu steigern«, das Böse aber »bedeutet: Leben vernichten, schädigen, an seiner Entwicklung hindern«. Deswegen, so meine ich, sollte unser Augenmerk vor allem darauf hingewendet werden, wie wir »Kampfformen« finden, die Leben fördern, und dazu geeignete Vorbilder anerkennend betonen und unterstützen.
Kampfmut ist eine Geisteshaltung. Er bedeutet nicht unbedachte Bereitschaft zum physischen Drauflosschlagen. Diese ist Rauflust oder Ausdruck mangelnder Selbstbeherrschung. Kampfmut hingegen besteht im Ertragen der hohen Anspannung, die sich aus dem Kraftzuwachs ergibt, wenn sich der Körper kampfbereit macht, balanciert durch kluges Überlegen, welche Reaktion auf die jeweilige Herausforderung die sinnvollste ist. Menschen zu verletzen oder gar zu vernichten, ist nicht sinnvoll – denn wenn der grundlegende Konflikt nicht gelöst wird, stehen hinter jedem Besiegten zehn andere auf. Nur fällt einem meist keine andere Lösung ein als die altgewohnte mit Gewalt – und das, weil man sich nicht die nötige Nachdenkzeit nimmt, und das hängt wieder mit der Unerträglichkeit von Spannung zusammen. So gründet auch die vollkommene Schwertkunst, wie sie Shissai Chozan im frühen 18. Jahrhundert festgehalten hat, auf technischer Sicherheit einerseits und geistiger Erkenntnis andererseits, die beide eine Einheit bilden müssen. Reinhard Kammer, der diese Schrift über Kendo, »die Kunst, das Schwert zu führen«, der deutschsprachigen Leserschaft näherbrachte, präzisiert zu dieser »geistigen Erkenntnis«: »Der Schwertkünstler hat ohne jede Irritierung durch Gefühle oder Absichten spontan der jeweiligen Situation zu entsprechen.« Die Reaktion müsse so unmittelbar erfolgen, »wie ein Spiegel ein Bild reflektiert«. Diese »absolute Offenheit« gegenüber der Situation sei aber nur dann erreichbar, wenn die einzelnen Komponenten der psychisch-physischen Konstitution – er nennt »Prinzip«, »Fluidum«, »Herz« – sich ohne Einschränkung entfalten könnten, und das könne man einüben. Er betont allerdings, dass vollendete Schwertkunst kein Wert an sich sei, sondern »sie muss im Einklang mit den im Universum verankerten ethischen Grundprinzipien der Menschlichkeit, Sittlichkeit und Loyalität ausgeübt werden. Nur in Hinblick auf den Nutzen für Gesellschaft und Staat ist sie ein Wert.«
Kampfmut besteht darin, sich für hohe Ziele einzusetzen.
Kampfmut ist eine Geisteshaltung.
Kampfmut ist eine Geisteshaltung.
Demgegenüber erinnert Niccolo Machiavelli an das Alte Testament, wenn er schreibt: »Als David sich dem Saul anbot, mit Goliath, einem Philister, der die Israeliten herausgefordert hatte, zu kämpfen, stellte ihm Saul, um ihm Mut zu machen, seine eigenen Waffen zur Verfügung. David legte sie an, wies sie aber mit den Worten zurück, dass er sich mit diesen nicht auf seine eigene Kraft verlassen könne, er wolle dem Feind nur mit seiner Schleuder und seinem Messer entgegengehen. Schließlich ist eine fremde Rüstung immer entweder zu weit, zu schwer oder zu klein.« Auch hier wird auf die geistige Einstellung Bezug genommen und nicht auf Materielles.
Nun sind wir heute nicht mehr im 11. Jahrhundert vor Christi Geburt, daher sollten wir den Begriff Rüstung ganzheitlich überdenken: Sich rüsten heißt, sich vorzubereiten, doch besagt dies nichts über die Art und Weise, wie man das tut. Heute, im 3. Jahrtausend n. Chr., mit einer Historie von Aufklärung, Menschenrechten und einer Fülle von Wissen wie nie zuvor, können wir uns getrost »entrüsten«, und das bedeutet für mich, die verbergende Rüstung abzulegen, »offen« Missstände aufzuzeigen, und den Mut zu besitzen, andere, neue, vor allem aber gewaltverzichtende Konfliktlösungsmethoden zu suchen, zu finden und allenfalls zu erfinden. Das Wort »entrüsten« besitzt aber auch den Doppelsinn, sich lautstark aufzuregen und damit andere zu schockieren zu versuchen.
Die Spannung und Erregung, die dem Mut, sich zu entrüsten (und daher offen und im Wissen um die eigene Verletzlichkeit zu sich zu stehen) vorausgeht, kann man eben unbewusst – spontan – ins Unermessliche vergrößert freisetzen und damit manchmal auch andere motivieren, ein Gleiches zu tun, bis man nur mehr wie Tiere aufeinander losgeht – oder man kann diese »Aufladung« spielen, d. h. als Nachahmung sehr bewusst – taktisch oder strategisch – einsetzen. Das kann man gut bei populistischen Politikern beobachten, die sich oft künstlich in Rage hineinsteigern, um diesen Ansteckungseffekt hervorzurufen. Dabei lässt sich deutlich erkennen, wie sich diese Demagogen in den Kopf hinaufhecheln: Sie atmen immer schneller, pumpen sich geradezu auf und produzieren »Druck«, den sie auf ihre Zuhörerschaft hinfauchen. Damit verlieren sie aber ihre »Mitte« und Balance (was ihnen aber egal ist – es ist dies ja auch nicht ihr Ziel). Demgegenüber verzichten Politiker – und Menschen, die andere nicht »verführen« wollen – auf diesen Rattenfänger-Effekt und sprechen und atmen langsam, damit ihr Publikum mitdenken und mitfühlen kann. Unter Zeitdruck geht das nicht. Oder sie schreiben und schaffen damit Raum zur Überprüfung.
Ich vergleiche diese Abläufe gerne mit Musik: Welche Rhythmik hat Kampfgetöse, welche ein Schlummerlied, welche ein Liebesgesang ...? Unser »natürliches« Musikinstrument ist unsere Stimme. Wenn wir wirklich mutig sind, verzichten wir auf Kriegslärm, der ja nur einschüchtern will (wie etwa auch die Beschimpfungen, mit denen Cassius Clay alias Muhammed Ali seine Gegner im Boxring zu demoralisieren versuchte), und sagen bzw. schreiben möglichst klar und unmissverständlich, was wir nicht in Ordnung finden und was wir stattdessen einfordern.
Der französische Journalist und Romancier Émile Zola (1840–1902) etwa schrieb – abgesehen von seinen Romanen, in denen er die sozialen Missstände seiner Zeit in die bürgerliche Öffentlichkeit brachte – unter Verzicht auf ein Pseudonym in der Presse kritisch gegen die Tätigkeit des Parlaments und wurde deswegen auch mehrmals verhaftet. 1898 setzte er sich mit dem offenen Brief »J’accuse« »Ich klage an« an den damaligen Staatspräsidenten Félix Faure für den aufgrund eines gefälschten Briefs wegen angeblicher Spionage zugunsten Deutschlands zu lebenslanger Haft auf der Teufelsinsel verurteilten jüdischen Hauptmann Alfred Dreyfus ein; obwohl der wahre Täter entdeckt worden war, wurde dieser gerichtlich freigesprochen. Zola enttarnte in seinem Artikel (wie schon einige Jahre vor ihm ein anderer Journalist, aber besser und vollständiger recherchiert), der auf dem Titelblatt der Zeitung L’Aurore erschien, die mangelhafte, tendenziöse und manipulative Beweisführung und antisemitische Voreingenommenheit von Militärs, Richterschaft und Gutachtern. Zola wurde wegen Verleumdung zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt und trotz der Aufdeckung der Wahrheit erst 1906, also nach seinem Tod, freigesprochen und rehabilitiert.
Sich der Obrigkeit aus Gewissensnöten zu widersetzen, hat im kirchlichen Umfeld zu Hinrichtungen, später Vertreibungen geführt. Nicht jeder überlebte dank hilfreicher Freunde wie Martin Luther (1483–1546). Jan Hus (1369–1415) vor ihm landete in Konstanz auf dem Scheiterhaufen, ebenso der Arzt und antitrinitarische Theologe Michel Servet (1509–1553) auf Betreiben Jean Calvins, während dessen weiterer Gegner Sebastian Castellio (1515–1563) durch Krankheitstod dem Schicksal einer Verurteilung oder Auswanderung entging. Alle hatten sie gewagt, die vorherrschenden theologischen Interpretationen innovativ anders als üblich zu interpretieren. Auch in Wien wurden Protestanten verbrannt – beispielsweise der Tuchhändler Caspar Tauber 1524 oder der als »Ketzerfürst« benannte ehemals katholische Priester Dr. Balthasar Hubmaier (dessen Ehefrau drei Tage nach seiner Hinrichtung in der Donau ertränkt wurde). Später, nach der Gegenreformation, wurden hingegen gewissenstreue Salzburger Protestanten kollektiv zur Auswanderung gezwungen – ihre Kinder aber mussten zurückbleiben und wurden zwangsweise »rekatholisiert«. Berührende Bildwerke aus der damaligen Zeit zeigen, wie vor den preußischen Stadtmauern die dort lebenden Juden – gleichsam als ebenso immer wieder vertriebene Geschwister – diesen Salzburger Flüchtlingen mit offenen Armen willkommend entgegengingen.
Oft ist es aber nicht religiöse Gewissheit, weswegen gegen die »selbstverständlichen« Schweigegebote für gehorsame Untertanen verstoßen wurde. Nicht jeder Widerstandskämpfer entschied sich für einen gewaltverzichtenden Weg – aber jeder lief Gefahr, in die Todesmaschinerie der bekämpften Diktatur zu geraten wie der evangelische Pfarrer und Theologieprofessor Dietrich Bonhoeffer (1906–1945), der von den Nationalsozialisten wenige Tage vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges im Konzentrationslager Flossenbürg hingerichtet wurde.
Heute kann man in angeblich freien und demokratischen Ländern genau die gleichen Vernichtungsstrategien gegen sogenannte Verräter erleben – wie gegen den Wikileaks-Gründer Julian Assange oder den ehemaligen NASA-Mitarbeiter und Whistleblower Edward Snowden. Sie gelten als Nestbeschmutzer und quasi Hochverräter, weil sie Informationen...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhalt
- Zum Geleit
- Lernaufgaben
- Unser Gemüt
- Aufwachsen
- Wachstumsschmerzen
- Endlich erwachsen!
- Zeit der Reife
- Erntezeit
- Ermutigung – ein Selbstcoaching zur ganzheitlichen Gesundheit
- Fußnoten
- Literaturangaben
- Weitere E-Books von Amalthea Signum