Wie viel Italien steckt in Österreich?
Italien ist für viele das Land der Sehnsucht, der Inbegriff von "dolce vita" und genussvollem Essen, die Wiege europäischer Kunst und Kultur. Doch auch zwischen Vorarlberg und dem Burgenland finden sich seit Jahrhunderten Spuren von italienischem Lebensgefühl: Cafés und Eissalons, Maroni und andere kulinarische Köstlichkeiten. Venedig gab es einst auch in Wien, viele Schlösser und Kirchen haben italienische Väter, und so mancher Italiener machte Karriere in Österreich.
Begeben Sie sich auf eine spannende Entdeckungsreise durch "bella Austria" – andiamo!
Aus dem Inhalt:
Von der Oper zum Kaffeehaus – die Tomasellis
Der Schnitzelstreit zwischen Wien und Mailand
Venedig in Wien
Wie ein Papst zum Zirkus kam
Die italienische Kulisse des "Jedermann"
Christkindls italienischer Vater
Eine Medici wird Landesfürstin von Tirol
Eine toskanische Villa im Salzkammergut
Servus, Ciao und Baba
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Achtung: Eine italienische Wespe kommt Ihnen entgegen!
In der italienischen Stadt Pontedera (Provinz Pisa) summen im doppelten Sinn des Wortes Wespen und Bienen: Auf einem riesigen Gelände reiht sich Werkshalle an Werkshalle. Dort wird ein Fahrzeug hergestellt, das – ähnlich wie der VW Käfer – auch in Österreich Kultcharakter hat: die Vespa, zu Deutsch Wespe. Fast 20 Millionen Stück dieses Motorrollers wurden seit dem Jahre 1946 in alle Welt verkauft. Doch die Erfolgsgeschichte hatte indirekt bereits 1884 begonnen. Denn in diesem Jahr eröffnete in Sestri Ponente am Rande von Genua der 20-jährige Rinaldo Piaggio (1864–1938) eine Schreinerei, die sich vor allem auf Innenausbauten für die Schifffahrt spezialisierte; im Laufe der Zeit kamen der Innenausbau und die komplette Fertigung von Bahnwaggons, Flugzeugen und anderen Fahrzeugen hinzu. Den Grundstein für den unternehmerischen Erfolg hatte schon sein Vater Enrico gelegt, als er 1882 das Grundstück in Sestri Ponente kaufte, welches zuerst für ein Holzlager und ein Sägewerk verwendet wurde.
Der Kult-Roller »Vespa«
Die Firma expandierte laufend und fertigte auch unter Lizenz. 1924 übernahm sie eine Fabrik für Motoren und Flugzeuge in Pontedera, dem heutigen Stammsitz der Firma Piaggio. Die Fokussierung der Fertigung auf Kriegsflugzeuge im Zweiten Weltkrieg führte fast zum Untergang des Unternehmens, denn im Oktober 1943 und Juni 1944 wurde das Werk in Pontedera bombardiert. Der damalige Firmeninhaber Enrico Piaggio II. (1905–1965), Rinaldos Sohn, stand nach Kriegsende vor der Herausforderung, mit den wenigen vorhandenen Mitteln die Fabrik wieder aufzubauen – doch was sollte hergestellt werden? Aufgrund der kriegsbedingten schlechten Verkehrsinfrastruktur war ein wendiges, einfaches und billiges Fahrzeug die Lösung: ein Motorroller, wie ihn bereits die US-Amerikaner verwendeten. Nach einem ersten erfolglosen Entwurf gelang dem Luftfahrtingenieur Corradino D’Ascanio (1891–1981) im Jahre 1946 der große Wurf: der Motorroller MP6 (Markenname »Vespa 98«, da der Hubraum 98 Kubikzentimeter betrug), der – wie schon sein erfolgloser Vorgänger – den praktischen offenen Durchstieg und einen Direktantrieb aufwies und eine Geschwindigkeit von bis zu 60 Stundenkilometern erreichte. Um den Fahrer vor Schmutz zu schützen, wurde der Motor komplett verdeckt untergebracht.
Wie aber kam dieser Motorroller zu seinem Namen Vespa? Dazu existiert die folgende Anekdote: Als Enrico Piaggio das Modell zu Gesicht bekam, soll er »sembra una vespa« ausgerufen haben: »Es sieht aus wie eine Wespe!« Dieser Vergleich passte aufgrund der schmalen Taille des Rollers, des rundlichen Chassis und des inzwischen typischen Motorengeräusches. Letzteres könnte auch von einer Biene stammen, italienisch: ape. Tatsächlich wurde von der Firma Piaggio 1948 erstmals das Lastendreirad Ape gebaut, welches wie die Biene ein Arbeitstier ist und in Italien überall herumbrummt – im Gegensatz zu Österreich, wo nur wenige Fahrzeuge dieses Typs unterwegs sind. Die Ape ist genaugenommen eine Vespa, die in der Mitte durchtrennt und deren hinterer Teil durch einen Rahmen mit zwei seitlichen Rädern und einem Aufbau ersetzt ist.
In den 1950er-Jahren wurde die Vespa sukzessive auch in Österreich bekannt und zu einem beliebten, weil billigen Fahrzeug, und dies vor allem bei der jungen Generation. In den späten 1960er-Jahren verlor sie an Bedeutung, da es immer mehr Automobilhersteller und immer kostengünstigere Automobile auf dem Markt gab. Derzeit gewinnt der Motorroller – neben dem Fahrrad – in den durch PKW- und LKW-Verkehr verstopften Städten in Europa wieder an Bedeutung als städtisches Verkehrsmittel.
Die Firma Piaggio brachte im Laufe der Jahrzehnte auch andere Motorroller auf den Markt, die nicht unter dem Label Vespa vermarktet wurden, sich aber gegen den Klassiker kaum durchsetzen konnten.
Das italienische Arbeitstier »Ape«
Berühmt wurde die Vespa im deutschsprachigen Raum auch durch den 1953 ins Kino gekommenen Film »Ein Herz und eine Krone« (Originaltitel »Roman Holiday«), in welchem die beiden Hauptdarsteller Audrey Hepburn und Gregory Peck mit einem Vespa-Motorroller Modell 125 auf abenteuerlicher Fahrt durch Rom unterwegs sind. Dieser Film war ein kleiner Teil des Weges zum großen Erfolg des Markennamens Vespa, der heute noch als Synonym und Überbegriff für Motorroller im Allgemeinen steht. Dies ist ein Status, der nur sehr wenigen Marken (wie in Österreich Almdudler für Kräuterlimonade) vorbehalten ist.
Übrigens: Wem die Vespa und die Ape zu wenig an Kultfahrzeugen aus Italien sind, kann sich auch bei anderen italienischen Marken umschauen, die unter Motorradfreunden bekannt sind: Aprilia und Moto Guzzi. Beide gehören inzwischen ebenfalls zum Piaggio-Konzern, der bei Motorrollern europäischer Marktführer ist. Apropos Marken des Konzerns Piaggio: 1987 übernahm das italienische Unternehmen die traditionsreiche österreichische Moped-Marke Puch von der Steyr-Daimler-Puch AG.
Dass die Vespa – im Gegensatz zur Ape – in Österreich weit verbreitet ist, zeigen die Verkaufszahlen bei Motorrädern. Sie ist die mit Abstand am häufigsten verkaufte Motorrad-Marke in Österreich: Derzeit werden jedes Jahr mehr als 6000 Stück dieses Kult-Zweirades abgesetzt. Wie es derzeit aussieht, wird sich an dieser italienischen Dominanz in naher Zukunft nichts ändern.
Ein Wiener Ausflugsziel aus dem Friaul
»Das ist eine Stunde weit von Wien, wo ich schreibe. es heist Reisenberg. Ich war schon einmal über nacht hier; und izt bleib ich etwelche Täge. – Das häuschen ist nichts; aber die Gegend! – der Wald – worinen er eine grotte gebauet, als wenn sie so von Natur wäre. Das ist Prächtig und sehr angenehm.« Diese Zeilen über das Ausflugsziel Cobenzl nahe dem Wiener Weinbauort Grinzing schrieb kein Geringerer als der Komponist Wolfgang Amadé Mozart (1756–1791) am 13. Juli 1781 an seinen Vater. Der Musiker war vom damaligen Besitzer Graf Johann Philipp Cobenzl persönlich für einige Tage auf den Besitz am Reisenberg eingeladen worden. Mozart kannte den Grafen – wie so viele andere der Wiener Gesellschaft – bereits von einer seiner Reisen als »Wunderkind«. Sie waren einander erstmals im Zuge des Brüsselaufenthaltes der Familie Mozart im Herbst 1763 begegnet. Jahre später war Anne Charlotte Alexandrine de Thiennes e Rumbeke, eine Cousine Cobenzls, Klavierschülerin bei Mozart. Der Unterricht erfolgte in der Wollzeile im Wiener Stadtpalais von Graf Cobenzl.
Das Schloss-Hotel Cobenzl, um 1935
Doch zurück zum Reisenberg: Der Name des einstigen Besitzers Cobenzl ging noch zu dessen Lebzeiten auf die Gegend über: Der Reisenberg wurde zum Cobenzl. Seit dem späten 18. Jahrhundert nutzen Generationen von Wienerinnen und Wienern den Cobenzl als Ausflugsziel. Die interessante Geschichte des Gebietes beginnt jedoch schon Mitte des 18. Jahrhunderts und führt uns in das italienische Gorizia (deutsch: Görz). Die Grafschaft Görz war mit kurzen Unterbrechungen mehr als 400 Jahre ein habsburgisches Kronland. Heute ist Gorizia als Hauptstadt der gleichnamigen italienischen Provinz ein Teil der Region Friaul-Julisch Venetien. Als mit dem Frieden von Paris 1947 die Staatsgrenze zwischen Italien und Jugoslawien neu gezogen wurde, besiegelte man die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende Teilung der Stadt. Der kleinere östliche Teil kam zu Jugoslawien und bildet seither die später ausgebaute Stadt Nova Gorica, die heute zu Slowenien gehört. Die von einer mächtigen Burg überragte Stadt Gorizia war über die Jahrhunderte von verschiedenen Volksgruppen und Herrschern geprägt worden. Auch heute noch spürt, sieht und hört man die verschiedenen Einflüsse: So leben italienisch-, slowenisch-, friulanisch- und deutschsprechende Menschen in der zweitgeteilten Stadt, die durch den EU-Beitritt Sloweniens langsam wieder zusammenwächst.
Im italienischen Teil der Stadt wohnte und starb im familieneigenen Palazzo Graf Guido Cobenzl, der Vater von Johann Philipp. Das seit dem 13. Jahrhundert nachweisbare Geschlecht derer von Cobenzl – ursprünglich aus Kärnten stammend – besaß vor allem im Herzogtum Krain und der Grafschaft Görz Güter und ist seit 1675 im Reichsgrafenstand nachweisbar. Obwohl Johann Philipp Cobenzl im März 1741 in Laibach geboren wurde, verbrachte er große Teile seiner Kindheit in Gorizia. Mit 22 Jahren begann er seine Tätigkeit im Staatsdienst bei der sogenannten Rechnungskammer in Brüssel. Ab Dezember 1768 war Johann Philipp wirklicher Hofrat und Präsident der Zollcommission. 1772 zog er nach Wien. Mit der Ernennung zum Vizepräsidenten der Banco-Deputation im Mai 1774 stieg sein Gehalt von 5000 auf 8000 Gulden pro Jahr. Dies ermöglichte ihm nach seinen eigenen Worten den Kauf »einer strohgedeckten Hütte mit einem kleinen Stück Grund rundherum auf einer der Höhen des Kahlenberges um 1200 Gulden«, um dort den Sommer zu verbringen. Wie er selbst bemerkte, suchte er hier »Ruhe und Vergnügen«. Das bestehende Gebäude ließ Cobenzl in mehreren Phasen vergrößern. Er schrieb in seinen Lebenserinnerungen: »Für diese strohgedeckte Hütte, die nach und nach zu einem Hause wurde, und für diesen Grund, der nach und nach zu einem Park mit einem Gehöft wurde, habe ich im Laufe von 30 Jahren an die 400 000 Gulden ausgegeben. Eine Ausgabe, die ich nie bereut habe, da sie mir 30 Jahre Vergnügen beschert hat.« Der Landschaftsgarten rund um das einfache Landhaus wurde in den folgenden Jahrzehnten von vielen Besuchern – in manchen Fällen euphorisch – geschildert. Der Deutsche Christoph Meiners, Philosophieprofessor in Göttingen, schrieb 1788 nach seinem Besuch: »Der Graf von Cobenzl hat eine Wildnis in einen berühmten Garten umgeschaffen […]. Der Hauptcharakter des Cobenzlischen Gartens ist eine einladende Ländlichkeit, die daher entsteht, daß die Natur fast alles, und die Kunst wenig, oder gar nichts gethan zu haben scheint, oder wenigstens nicht auf eine unangenehme Art hervordringt.« Die zahlreichen Aussichten auf die Stadt Wien und die Donaulandschaft, der Waldreichtum und die zahlreichen hölzernen Staffagebauten (Schmuckbauten) führten dazu, dass die Anlage am Reisenberg von den Zeitgenossen bewundert wurde. Der Landschaftsgarten bildete einen der mit Vorliebe gewählten Zielpunkte für die Ausflüge der adeligen und bürgerlichen Gesellschaft Wiens. Besonderer Anziehungspunkt vieler Ausflügler war die Meierei. Sie war Teil einer Musterlandwirtschaft mit Feldern, Wiesen und Weingärten. Eine eigene Wasserleitung sorgte für frisches Wasser. Im Gasthaus konnte die im guten Ruf stehende »Alpenmilch« konsumiert werden. Milch, Käse und Schlagobers wurden auch zum Verkauf mit einem Milchwagen in die Stadt geführt. Die Milch kam in das gräfliche Palais, wo eine der ersten herrschaftlichen Milchverkaufsstellen Wiens etabliert war, in der ausschließlich »Herrschaften« bedient wurden. Am Vortag musste man durch Bedienstete die kuhwarme Milch (Lait naturel), die abgerahmte Milch (Lait clair) oder das Obers (Creme fraiche) bestellen lassen.
Die natürlich wirkenden Staffagebauten, die Cobenzl an attraktiven Punkten verstreut aufstellen ließ, eröffneten einen guten Blick auf die Stadt Wien und die Donaulandschaft. Die meisten dieser Bauten bestanden aus Holz, wie zum Beispiel die Alpenhütte, der Baumtempel und der gothische Tempel. Unabhängig von diesen viel gepriesenen Attraktionen stieg Johann Philipp Cobenzl kontinuierlich in der Beamtenhierarchie auf. Höhepunkt war seine Funktion als Haus-, Hof- und Staats-Vizekanzler. Nach seiner Abberufung war er noch einige Jahre Gesandter in Paris.
Trotz zahlreicher schriftlicher und bildlicher Quellen hält sich bis heute hartnäckig die Legende, Cobenzl hätte auf dem Reisenberg ein repräsentatives Sommerschloss errichten lassen. Der Umbau von einem einfachen Landhaus zu einem schlossartigen Gebäude erfolgte jedoch erst unter einem späteren Besitzer: Franz Simon Graf von Pfaffenhofen kaufte 1811 – nach dem Tod Cobenzls – den Reisenberg. Bei den kurzlebigen und leicht zerstörbaren Naturmaterialien – wie Baumstämmen, Ästen, Borken –, die Cobenzl für die Gartenarchitektur verwendete, nimmt es nicht Wunder, dass die Anlage nach seinem Tod ohne Pflege und Ausbesserungsmaßnahmen rasch verfiel. Die nachfolgenden Besitzer hatten entweder nicht das Geld oder kein Interesse am Erhalt des Landschaftsgartens.
Das Schlosshotel Cobenzl mit Restaurant, wie wir es von alten Postkarten her kennen, geht auf die Allgemeine österreichisch-holländische Baugesellschaft zurück, die das Gelände mit allen Gebäuden 1896 kaufte. Das Schlosshotel samt dem bis zum Krapfenwaldl reichenden Grundbesitz mit einer Gesamtfläche von rund 135 Hektar ging 1907 an die Gemeinde Wien, die das Hotel und das Restaurant 1911 neu eröffnete. Der Bau einer eigenen Straße von Grinzing auf den Cobenzl, die später in die Höhenstraße einbezogen wurde, kam auch Touristen zugute. Während des Zweiten Weltkrieges diente das Schloss als Lazar...
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Italien auf einer Serviette
Schnitzel und Caffè
Der italienische Prater
Von Rom nach Österreich
Architekten und Ingenieure
Künstler und Musiker
Italienerinnen an der Macht
Italienische Mosaiksteine
Literatur
Bildnachweis
Namensregister
Ortsregister
Häufig gestellte Fragen
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