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Rehabilitierte Erinnerungen?
Individuelle Erfahrungsverarbeitungen und kollektive Repräsentationen von NS-Zwangsarbeit im internationalen Vergleich
- 362 Seiten
- German
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Rehabilitierte Erinnerungen?
Individuelle Erfahrungsverarbeitungen und kollektive Repräsentationen von NS-Zwangsarbeit im internationalen Vergleich
Über dieses Buch
Wie haben ehemalige NS-Zwangsarbeitende in ihren Herkunftsländern, in Deutschland und in Auswanderungsländern nach 1945 im Kontext der jeweiligen Gesellschaftsordnungen, politischen Systeme und Erinnerungskulturen ihre Erfahrungen verarbeitet und gedeutet? Aufbauend auf vergleichenden empirischen Befunden kontrastiert der Autor fachwissenschaftlich geprägte und gesellschaftlich gewachsene Verständnisse von Zwangsarbeit mit den subjektiven Blicken der Betroffenen und analysiert das Verhältnis von individualisierter und sozialer Erinnerung. Ehemalige Zwangsarbeitende mussten teilweise lebenslang um ihre Anerkennung als NS-Opfer kämpfen.
Diese Bemühungen werden nun im Zenit des biographischen Horizonts bilanziert. Die Erzählungen bilden ein Widerlager zu gegenwärtigen Forschungstendenzen, nach denen der Nationalstaat als Referenzpunkt für Erinnerungen an Bedeutung verliere und Interviews nur von der Gegenwart der Erzählenden geprägt seien. Die Erinnerungen an NS-Zwangsarbeit lassen sich nicht in ein eindeutiges Helden- oder Opferschema pressen, sondern ermöglichen Einblicke in die Fähigkeit, unter widrigsten Umständen mit dem Kriegsalltag umzugehen. Dabei werden komplexe Verständnisse von Arbeit und heterogene Dimensionen des Zwangs erkennbar.
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SozialgeschichteRehabilitierte Erinnerungen? Individuelle Erfahrungsverarbeitungen und kollektive Repräsentationen von NS-Zwangsarbeit im internationalen Vergleich
1.Einleitung: Erinnerung und Geschichte
In dieser Arbeit werden 86 lebensgeschichtliche Interviews in deutscher, englischer oder französischer Original- oder Übersetzungssprache mit Menschen aus sechs Ländern, die während des Zweiten Weltkriegs für Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben, untersucht. Sie liefern die empirische Grundlage für ein Forschungsdesign, mit dem eine Annäherung an die individuellen und sozialen Prozesse der Erinnerung und Verarbeitung von Zwangsarbeit für das nationalsozialistische Deutschland während des Zweiten Weltkriegs ermöglicht werden soll. Das Ziel ist, die jeweiligen Besonderheiten individualisierter und sozialer Erinnerungen bzw. subjektivierter und objektivierter Perspektiven auf Vergangenheit herauszuarbeiten.
Damit bewegt sich die Arbeit auch auf dem umkämpften Terrain, inwieweit Wahrnehmungen und Verarbeitungen von Einzelpersonen im Verhältnis zu gesellschaftlich ausgehandelten und wissenschaftlich ermittelten Deutungen aussagefähig sind.1 Zwei Erwägungen des Anglisten und Judaisten James Young erscheinen hierbei wegweisend: Zum einen können uns die subjektiven Erinnerungen an jenen für historisch Forschende wichtigen Punkt zurückführen, an dem die „Kontingenz der Geschehnisse im Prozess ihrer Entfaltung“2 sichtbar wird, d. h. ein Verständnis dafür entstehen kann, dass Geschichte sich nicht nur in der geradlinigen faktischen Rückschau auf im Nachhinein zwingend oder gar logisch erscheinende Ereignisketten erschöpft. Und auch wenn durch Erinnerung kein unmittelbarer Zugang zu dieser Kontingenz erreicht werden kann, entsteht dennoch ein komplexeres Bild der historischen Verläufe.
Schwerer verdaulich erwies sich für viele Historiker lange Zeit Youngs zweite Überlegung, dass nämlich „die narrative Bearbeitung von Erlebnissen Teil der historischen Wirklichkeit“ ist und ihr insofern ohnehin ein Platz im Geschichtsbuch zukommt. Die Arten und Weisen der Wahrnehmung und Verarbeitung historischer Ereignisse durch die vielen direkt und indirekt Beteiligten bzw. Betroffenen sind demnach ein integraler Bestandteil der Geschichte und müssen daher auch als solcher in die historische Forschung einbezogen und analysiert werden. Daher nimmt diese Arbeit entschieden den Standpunkt ein, dass man Geschichte und Erinnerung vom „Standpunkt ihrer narrativen Verfasstheit“3 eher als ein „Kontinuum mit fließenden Grenzen“4 anzusehen hat (wie dies James Young und der Historiker Peter Burke vertreten), als an der traditionellen Trennung von Ereignis und historischer Erzählung festzuhalten (worauf u. a. die Arbeiten des Soziologen Maurice Halbwachs, des Ägyptologen Jan Assmann und des Historikers Reinhart Koselleck abzielen).5 Dies hat zwar als analytisches Verfahren der Rekonstruktion historischer Ereignisverläufe seine zwingende Berechtigung, greift aber für ein Gesamtverständnis geschichtlicher Prozesse zu kurz.
Eher geht es darum, mit der Ereignisgeschichte als Resonanzboden die besondere Qualität des Verhältnisses der subjektivierten Realität zu der in Akten und anderen Quellen niedergelegten und entsprechend historiographisch objektivierten Realität genauer herauszuarbeiten. Die autobiographischen Erzählungen, die in den Interviews entstanden sind, dienen des Weiteren auch als Medium, um die Dialektik von Erinnern und Vergessen6 sichtbar zu machen, die die Repräsentationen der NS-Zwangsarbeit auf verschiedenen Ebenen – von den „passive memories“7 zurückgezogen lebender Betroffener bis zu den durchchoreographierten staatlichen Gedenkritualen geprägt haben. Diese Dialektik kann als konstitutive Grundlage jeder Vergegenwärtigung von Vergangenheit angesehen werden und ist daher sowohl in der biographischen wie in der historiographischen Sichtweise einflussreich sowie auch in den Wechselwirkungen zwischen beiden Dimensionen.
Gleichzeitig sollen auch die Erinnerungen aus sechs verschiedenen Ländern untereinander in ein vergleichendes Verhältnis gesetzt werden. Maßgebliche Referenzpunkte des Vergleichs sind dabei nationale Kollektive bzw. Staaten und deren Gesellschaften, die sich auch im ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhundert als wichtigste gesellschaftliche Rahmen für die private und öffentliche Auseinandersetzung mit Vergangenheit erwiesen haben bzw. weiterhin erweisen. Allerdings sehen die Soziologen Daniel Levy und Natan Sznaider speziell mit Blick auf die Shoah einen fortscheitenden Verlust des nationalstaatlichen Deutungsmonopols über Erinnerungen durch die zunehmende kulturelle Diversifizierung vieler europäischer Gesellschaften und die Bemühungen um transnationale Annäherung ihrer Erinnerungskulturen.8
Zudem bieten Staaten und Nationen als Rahmen für den Umgang mit Vergangenheit ohnehin nicht die monolithische Homogenität, die sich Forschende oft zu wünschen scheinen, sondern sind auch in sich selbst dynamisch und wandelbar. Der Historiker Wulf Kansteiner formulierte zu diesem Problemzusammenhang: “(M)emory studies presuppose a … surprising desire for cultural homogeneity, consistency and predictability.“9 Im Ergebnis ähnlich, wenn auch in den dorthin führenden Prozessen höchst unterschiedlich, kann man auch bei einzelnen Interviewpartnern keine vollkommen widerspruchsfreien Versionen ihrer Biographie erwarten, ebenso wenig wie die Erinnerungsformationen größerer Gruppen oder Kollektive ein genau dazu passendes, eindeutig fixierbares Widerlager bilden. Vielmehr sind es gerade die Brüche und Ungereimtheiten autobiographischer Präsentationen und die gesellschaftlichen Deutungskämpfe und Konfrontationen, in denen die im Nachhinein entstandenen Darstellungen vergangener Geschehnisse ihre Konturen gewonnen haben.
In dieser Arbeit sollen kollektive bzw. soziale Erinnerungen konzeptionell als im Verhältnis zu individualisierten Erinnerungen nachhaltig unterschiedliche Entitäten begriffen und analysiert werden, die anderen Logiken folgen und in einer anderen Weise funktionieren.10 Mit Aleida Assmann werden individualisierte Erinnerungen in dieser Arbeit als „dynamisches Medium subjektiver Erfahrungsverarbeitung“ begriffen, während soziale Erinnerungen mediengestützte, informelle Kommunikationsformen umfasst, die sich in Schritten von drei bis vier Generationen stetig erneuern.11 Beide Bereiche nehmen sich durchaus wechselseitig zur Validierung in Anspruch und stehen damit in einer teilweise konstitutiven Beziehung zueinander. Daneben werden sie von objektivierten öffentlichen Gedächtnisformen beeinflusst, in denen gesellschaftlich relevante Ereignisse und Erfahrungen durch mediale und politische Verarbeitung sowie wissenschaftliche Aufbereitung bzw. Aufbewahrung in Archiven als geronnene Wissensformen repräsentiert werden. Diese sind jedoch wesentlich stärker an den Hegemonialisierungsbestrebungen, politischen Ansprüchen und der sozialen Positionierung ihrer jeweiligen Trägergruppen ausgerichtet. In der engeren Forschungsperspektive dieser Arbeit werden in erster Linie individualisierte Erinnerungen, in denen der Aneignungscharakter der persönlichen Vergegenwärtigung von Vergangenheit verdeutlicht wird, und soziale Erinnerungen, die den vergesellschafteten und pluralistischen Grundzug von Gruppenerinnerungen hervorheben, untersucht.
Erinnerungen größerer Gruppen im Sinne eines kollektiven Gedächtnis bzw. einer Erinnerungskultur, haben vielfach eine Tendenz dazu, kulturelle Mythen zu produzieren und reproduzieren und sie mit der nötigen Legitimität auszustatten. Damit können sie gegen die Arten und Weisen, wie einzelne Menschen ihren Anteil an einer bestimmten historischen Vergangenheit erinnern, in Stellung gebracht und zu deren Delegitimation instrumentalisiert werden. Im Gegensatz dazu ist es eine Zielsetzung dieser Arbeit, die eigensinnige Struktur der erzählten Lebensgeschichten gegenüber dem auf einen gesellschaftlichen Konsens bezogenen kollektiven Gedächtnis zu rekonstruieren. Im Sinne des Historikers Lutz Niethammers wird so versucht, durch scheinbar „schwache Erinnerungen“ die Homogenisierungen und Diskursivierungen der hegemonialen Vergangenheitsbilder sichtbar zu machen, das „vermachtete Kulturgedächtnis“ als Konstruktion zu analysieren und seine blinden Flecken durch erfahrungsgesättigte Rekonstruktionen zu differenzieren und, wo nötig, zu korrigieren.12 Jedoch unterziehen auch Interviewgeber, wie der Historiker Alexander von Plato aufgezeigt hat, ihre individuellen Rekonstruktionen gewissen Anpassungsprozessen an jeweils neue gesellschaftliche Wahrnehmungs- und Deutungshorizonte. Die ausschließlich an biographischen Quellen orientierten Forschungen laufen dadurch Gefahr, auf der Ebene der individuellen Verarbeitung einen Eindruck von zeitgeistkompatibler Homogenität zu erzeugen und dadurch eher Versatzstücke für „Retortenmenschen“ abzugeben, die der vergangenen Erfahrungsrealität auch nur unzureichend gerecht würden.13
1.2Oral History in der Geschichtswissenschaft
Das (Wieder-)Aufkommen der Oral History in Westdeutschland in den späten 1970er Jahren fiel in eine bewegte Zeit. Einerseits waren Gesellschaft und Geschichtswissenschaft an einem Punkt angelangt, an dem es möglich wurde, die Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus nach persönlichen Erfahrungshorizonten und Handlungsspielräumen zu befragen, was denn auch ausführlich getan wurde. Oral Historians in Deutschland griffen methodisch und inhaltlich vor allem aus England, Italien und den USA stammende Forschungsansätze und Debatten auf. Gemeinsam war allen diesen Ansätzen, dass man für sie von Anfang an eine scharfe Auseinandersetzung gegen die Ablehnung von seiten der etablierten Geschichtswissenschaft bzw. gegen ihre Marginalisierung innerhalb derselben führen musste. Dies war in Deutschland nicht anders. Während die Frage der innerfachlichen Anerkennung in den USA früh im Zentrum der Auseinandersetzung stand,14 kreiste die Diskussion in England lange um den Quellenwert der Oral History für die Realgeschichte und deren demokratisches und emanzipatorisches Potenzial.15 Gleichzeitig betonten italienische Beiträge vor allem von Alessandro Portelli und Luisa Passerini frühzeitig die besondere Qualität der Oral History als historische Ressource und Perspektive eigener Art16 bzw. als Schlüssel zur Reintegration historischer Subjekte und Subjektivitäten in die Geschichtswissenschaft.17 Wesentliche Entwicklungen der Oral History in der alten Bundesrepublik sind anfangs vor allem mit Lutz Niethammer verbunden, in der Folge dann auch zunehmend mit Alexander von Plato und Dorothee Wierling.
Gleichzeitig sah die Zeit um 1980 das Versterben der Erfahrungsgeneration des Ersten Weltkriegs. Während seit der Jahrtausendwende das allmähliche Versterben der „Erfahrungsgeneration“ des Zweiten Weltkriegs in Texten und auf Konferenzen thematisiert und auf seine Konsequenzen hin erkundet wird, schien derselbe Vorgang in der Erfahrungsgeneration der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ ca. 30 Jahre früher weniger Reflektionsprobleme aufzuwerfen. Offensichtlich stellen uns die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges vor so schwerwiegende Probleme der Erkenntnis und des Erinnerns, dass hier den biographischen Zeugnissen der Mitlebenden eine qualitativ neuartige Dimension zugesprochen wurde und weiterhin zugesprochen wird. Diese entfaltet sich allerdings bis heute nicht ohne Spannungen.
Die ersten eigenen Erfahrungen mit individualisierten Erinnerungen an historische Geschehnisse und ihrem Stellenwert in der Geschichtsforschung machte der Verfasser Mitte der 1990er Jahre an der Universität Bremen in einem Seminar über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in Südost- und Osteuropa seit 1941, das im Zusammenhang mit der seinerzeit gerade aktuellen so genannten „Wehrmachtsausstellung“ angeboten wurde. Die erste Sitzreihe im Seminar wurde regelmäßig von älteren Herren besetzt, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit den Seminarteilnehmern und überdies auch der Dozentin zu erzählen trachteten, wie sich die Geschichte „wirklich“ zugetragen hatte. Hier prallten neueste Erkenntnisse der Geschichtsschreibung und individueller Erfahrungs- und Verarbeitungshorizont unversöhnlich aufeinander und niemand unter den anwesenden Studierenden, zu denen auch der Verfasser zählte, zweifelte daran, dass der Wissenschaft der Sieg in diesem erbitterten Zweikampf gebühre. Bei der spezifischen Herausforderung, die Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges für die historische Erkenntnis darstellten, standen sich Wissenschaft und die Erfahrungen und Erinnerungen der „Tätergeneration“ noch deutlich konfrontativ und nicht komplementär gegenüber.
Zu jenem sensiblen Zeitpunkt erwies sich eine integrierte Erzählung des Zweiten Weltkriegs, die Forschungsergebnisse und Erfahrungsperspektiven zusammengebracht hätte, als nicht realisierbar. Dafür tobte noch zu sehr der Kampf um die Herstellung historiographischer Deutungshoheit. Tatsächlich fokussierte und fokussiert die Oral History tendenziell bis heute eher auf die Perspektive von Opfergruppen. Das hat insofern seine Berechtigung, als sie dadurch im Doppelsinn des Wortes Subjekte der Geschichte – als Akteure und als Unterworfene – sichtbar macht, die sonst vielfach im Dunkel bleiben, und es ermöglicht die Einschreibung ihrer Erzählungen in einen historischen Diskurs, der seinerseits auch niemals machtfrei und egalitär ist. Der damit verbundene emanzipatorische Anspruch beeinflusst aber auch grundlegend das Erkenntnisinteresse, weil er die Tendenz hat, die Masse der Täter sowie die vielen Mitläufer und Zuschauer im Umkehrschluss im Dunkel zu belassen und damit auch wieder in gewisser Weise ein verkürztes Verständnis von Handlungszusammenhängen und Entscheidungsspielräumen zu vermitteln.
Zusätzlich wurde an dem Bremer Seminar deutlich, worauf die Rede vom Zeitzeugen als „natürlichem Feind“ des Historikers gründet, die sich ebenfalls ungefähr Mitte der 1990er Jahre in der Zeitgeschichtsforschung etablierte. Diese Rede droht jedoch fehlzugehen, so weit sie sich in einer bloß ontologischen Unterscheidung von objektivierter Wahrheit, die der Letztere angeblich schreibt, und subjektivierter Unwahrheit, die der Erstere angeblich spricht, erschöpft. Wer ausschließlich auf diesen Grundwiderspruch abhebt, der müsste mit Reinhard Koselleck darauf beharren, dass die Zeitgeschichtsschreibung selbst noch von der parteiischen Zeitgenossenschaft kontaminiert ist. Er formulierte mit Blick auf die Zukunft der historiographischen Erforschung der Shoah: „Die moralische Betroffenheit, die verkappten Schutzfunktionen, die Anklagen und Schuldverteilungen der Geschichtsschreibung – all diese Vergangenheitsbewältigungsstrategien verlieren ihren politisch-existenziellen Bezug, sie verblassen zugunsten von wissenschaftlicher Einzelforschung und hypothesengesteuerten Analysen,“18 die aber eben erst nach dem Ableben der Erfahrungszeugen und unter Ausschluss von erinnerungsbasierten Zeugnissen der Erlebnisgeneration – streng genommen inklusive der aus ihr hervorgegangenen historisch Forschenden – durchgeführt werden könnten.
Alexander von Plato wies demgegenüber auf den eigenständigen und nachhaltigen Wert mündlicher Überlieferungen hin: „Wer die Subjektivität der Quellen kritisiert, müsste in Wirklichkeit nicht die Quelle, sondern die Thematik als irrelevant kritisieren. Dies wäre jedoch mehr als fragwürdig, weil es hieße, ein, wenn nicht das wesentliche, Element aus der Geschichte zu eliminieren, nämlich Subjekte im Umgang mit den Zwängen und Möglichkeiten ihrer Zeit, ihre Sicht, ihre Erfahrung und schließlich ihre Verarbeitung zu vernachlässigen.“19
Einige Jahre später interviewte der Verfasser im Rahmen des Bremer Forschungsprojekts „Denunziation in Deutschland 1933-1955“ ältere Deutsche, die während des Zweiten Weltkriegs Jugendliche oder junge Erwachsene gewesen und nach 1945 wegen bzw. trotz ihrer allenfalls marginalen Teilhabe an NS-Organisationen und Kriegs- bzw. Nachkriegsgeschehnissen in der Sowjetischen Besatzungszone durch Denunziationen in Internierungslager der dortigen Militäradministration verbracht worden waren. Eine Gruppe also, die nachhaltig die Eindeutigkeit der Kategorien von Tätern und Opfern in Frage stellte und sich aber möglicherweise gerade dadurch als integrierbar in eine aktengestützte, kohärente Geschichtserzählung – wenn auch in einer übersichtlichen Nebenrolle – erwies, weil es für ihre Erfahrungen kaum etablierte Deutungsmuster gab.
Die für die Speziallager in Ostdeutschland vorfindliche Forschungskonstellation scheint einige Anhaltspunkte für die Relevanz der Oral History bereitzuhalten: Die Aktenüberlieferung zur Internierung in den sowjetischen Speziallagern ist unvollständig bzw. nur teilweise verfügbar, d. h. alleine aus den vorhandenen Dokumentenbeständen lässt sich das Geschehen nicht umfassend rekonstruieren. Dann sind diese Akten aufgrund ideologisierter Vorannahmen, die als Voraussetzung ihrer Erstellung wirksam wurden, nur bedingt aussagefähig, vor allem im Bezug auf Haftgründe, Verhaftungs- und Verurteilungsumstände der Internierten. Schließlich si...
Inhaltsverzeichnis
- Cover
- Titel
- Impressum
- Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung: Erinnerung und Geschichte
- 2. Forschungsstand
- 3. Theoretische und methodische Zugänge
- 4. Perspektive der Rückwanderung: Frankreich, Tschechien, Ukraine
- 5. Emigration, Remigration, Bleiben: Perspektiven auf NS-Zwangsarbeit in England, Israel und Deutschland
- 6. Internationaler Vergleich
- 7. Individualisierte und soziale Erinnerungen
- 8. Fazit
- Bibliographie
- Anmerkungen
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